Der neue Auftrag

Der kleine Junge ließ sich auf sein Bett fallen. Das klobige Bettgestell ächzte unter dem Aufprall von gut 80 Pfund Körpergewicht, ein Tribut an die zwei Jahrhunderte, die dieses Möbelstück schon seine Dienste tat. Alles in dieser Dachkammer war alt, abgewetzt und abgenutzt, und manchmal fühlte sich sogar der kleine Junge so.

Dabei war Odalin gerade erst 13 Jahre alt geworden. Die meiste Zeit des Tages frönte er seinem kaum zu zügelnden Bewegungsdrang, aber die nächsten Minuten gedachte er, still zu liegen und darauf zu warten, daß die Schmerzen nachließen. Das tat er immer, wenn er verprügelt worden war – und er wurde fast täglich verprügelt. Nach Ansicht seines Herrn und Besitzers war das sein einziger Lebenszweck.

Herzog Vantris, der Regent der Feuchtlande, hatte zwei Kinder. Prinz Magris, sein Sohn und Erbe, sollte die ehrwürdige Kampfkunst des Sun erlernen und benötigte dazu einen Trainingspartner. Dafür wählte er unter seinen Sklaven denjenigen aus, der die erforderlichen körperlichen Eigenschaften mitbrachte und für andere Aufgaben wenig taugte. Beides traf auf Odalin zu. Er war zwei Jahre jünger, damals einen Kopf kleiner und 40 Pfund leichter als Prinz Magris. Und für den Fall der Fälle sorgte Meister Gerlos dafür, daß Odalin nicht einmal aus Versehen zurückschlug. Immerhin durfte ein Prügelknabe ausweichen und blocken, doch er wurde oft genug getroffen. Aber besser Prinz Magris schlug ihn, als der weitaus kräftigere Meister Gerlos.

Mit Prinzessin Adrea, der Tochter des Herzogs, die etwa so alt war wie er, hatte Odalin bisher nur wenig zu tun gehabt, zu wenig, um sich eine Meinung jenseits der allgemeinen Abneigung zu bilden, die ein Sklave jenen entgegen brachte, die ihm Befehle erteilten und sein Leben bestimmten.

Odalin besaß eine dunklere Haut als die meisten anderen Atlanter, außerdem auffällige blaue Augen. Trotz dieser Merkmale wußte niemand, wer seine Eltern waren. Man hatte ihm erzählt, er wäre auf der Schwelle eines Barons gefunden worden, ausgesetzt von seinen Eltern, in einem kleinen Dorf namens Edenia. Der Lehrer in der Sklavenschule hatte ihm einmal auf der Karte gezeigt, wo dieses Edenia lag: Ein paar hundert Meilen entfernt, im Nordosten, an einem Strom, der noch viel weiter nördlich ins Meer mündete. Kalt sei es da, hatte ihm der Lehrer gesagt, aber das war bereits alles, was er darüber wußte.

Der Baron hatte das Findelkind nach Ventria geschickt, als Geschenk an seinen Landesherrn. Geschenke dieser Art brachten dem Gebenden jedoch keinerlei Wohlwollen ein, denn der Beschenkte wußte sofort, daß ihm damit die Last aufgebürdet wurde, das Kind großzuziehen. Deshalb hatte der Baron auch den Herzog ausgewählt. Dieser besaß zwar weitaus mehr Macht als der für den Kreis zuständige Graf oder der Fürst der Provinz, aber er war auch viel weiter entfernt und erachtete es vermutlich für unter seiner Würde, einem unwichtigen Baron die Ehre seines Mißfallens zu erweisen.

So wuchs Odalin im Schloß des Herzogs auf. Er mußte arbeiten, sobald er dazu in der Lage war. Er bekam nur das Nötigste an Nahrung und Kleidung, dafür großzügig Schläge und andere Strafen. Was Kindheit wirklich bedeutete, sah er nur hin und wieder an Magris und Adrea. Seit Odalin vor sechs Jahren Prügelknabe geworden war, hatte sich sein Leben ein bißchen verbessert. Neben dem Suntraining wurde er nur noch selten für sonstige Arbeiten eingespannt. Nach einer Schlägerei mit anderen Sklaven hatte man ihn hierher in diese Dachkammer verbannt. Er residierte jetzt im größten Sklavenquartier des ganzen Schlosses, aber zugleich auch im abgelegensten. So hatte er die besten Chancen, daß es niemand hier herauf schaffte, um ihn zu Arbeiten zu holen, weil auf dem Weg andere, willigere Sklaven hausten.

Hin und wieder unternahm er gefährliche Expeditionen in den Schloßpark. Er hatte inzwischen schon beträchtliches Geschick darin entwickelt, ungesehen aus dem Palast zu schlüpfen. Leider wurde manchmal aus einem ausgedehnten Spaziergang ein Nachmittag in der Küche. Nachdem er herausgefunden hatte, wie das „versehentliche“ Fallenlassen eines Tellers bestraft wurde, hatte er solche Versuche unterlassen und sich einmal mehr in sein Schicksal gefügt.

„He, Odalin! Schau zu, daß du dich ins Verlies scherst! Dr. Schiman braucht Hilfe!“

Natürlich hatte Odalin die Schritte kommen hören. Ganz bewußt war er liegen geblieben, in der Hoffnung, Mitleid zu erwecken. Doch Pekrada hatte niemals Mitleid. Er hätte sich das auch gar nicht erlauben können. Zwar war er ein freier Page, aber mehr als Befehle übermitteln durfte er nicht. Immerhin durfte er entscheiden, in welchem Ton er Befehle übermittelte. Über diesen Ton hätte sich Odalin gerne einmal mit dem drei Jahre älteren Burschen unterhalten. Schon allein, um neben dem Ausweichen auch einmal das Zuschlagen zu üben.

Seufzend erhob sich der Junge. Pekrada war längst weg, vielleicht ahnte er, was Odalin gerne tun würde. Der kleine Sklave hatte durchaus verstanden, daß er schnell ins Verlies kommen sollte. Aber „schnell“ war ein subjektiver Begriff. Ein freiwilliges „schnell“ war mindestens doppelt so schnell wie ein befohlenes. Natürlich stellte Odalin keine derartigen Überlegungen an, er handelte einfach danach. Instinktiv, wie jeder Sklave.

Das Verlies von Schloß Ventria lag im Osttrakt über den Pferdeställen. Es bestand aus drei Räumen, in die gelegentlich ein Sklave oder auch ein Diener gesperrt wurde, um dort die Nacht zu verbringen. Gebraucht wurde es selten, aber da vor 1.200 Jahren beim Neubau dieses Schlosses ein Verlies gebaut worden war, behielt man es. Für schwere Verfehlungen gab es in der Stadt ein Arbeitshaus, dafür taugte das Verlies nicht. Odalin hatte man darin noch nie eingesperrt. Man hatte sich damit begnügt, ihn zu verprügeln.

Was aber wollte Dr. Schiman im Verlies? Und, weitaus wichtiger: Was sollte Odalin dabei tun? Einsperren würde ihn der Doktor nicht, das hätte höchstens Herr Sucholin getan, der Haushofmeister. Dr. Schiman war der Leibarzt des Herzogs und zugleich der Hofmagier. Die Sklaven erzählten, er wäre der beste Heilmagier des ganzen Reichslandes, aber daran glaubte Odalin nicht. Einmal hatte ihm Magris die Schulter ausgerenkt, da hatte der Arzt ihn behandelt. Er hatte ähnlich grob zugepackt wie Magris zuvor in seinem Sungriff, und es hatte mindestens ebenso weh getan. Von Zauberei hatte Odalin nichts gemerkt.

Aber angeblich sollte Dr. Schiman einen Menschen in einen Frosch verwandeln können.

Die Neugier trieb Odalin schneller voran. Ein wenig fürchtete er zwar, daß er verzaubert werden sollte, trotzdem wollte er wissen, was ihn im Verlies erwartete. Sein ungewohnt schneller Schritt hielt zudem alle Leute, denen er unterwegs begegnete, davon ab, ihn nach seinen Absichten zu fragen.

Im Verlies steuerte er auf die offene Tür zu. Er kannte die kahlen, leicht zu reinigenden Räume, in denen nur eine Pritsche, ein Wasserkrug und ein Eimer standen. Er beobachtete, wie sich der Leibarzt mit einem nackten, reglosen und bleichen Körper beschäftigte.

„Ist der tot?“

Dr. Schiman schreckte hoch. Das wenige, ihm noch verbliebene Haupthaar hatte das Alter längst grau gefärbt. Er trug eine im Verhältnis zu seinem kantigen, aber doch kleinen Kopf viel zu große Brille. Er war kein besonders großer Mann, verfügte jedoch über einen beachtlichen Bauchumfang und dank dieses Resonanzkörpers über eine entsprechende Stimmgewalt.

„Was fällt dir ein, dich so an mich heranzuschleichen? Wieso hat das solange gedauert? Hast du getrödelt?“

Odalin wurde immer ausgeschimpft, deshalb antwortete er mit einem schuldbewußten Gesicht und hielt den Blick fest auf das vierfarbige Kreuz auf der Brust des Arztes gerichtet. Dieses Abzeichen wies ihn als Angehörigen des Sorischen Ordens aus, also als Magier. Der dreifache silberne Ring um das Kreuz zeigte zudem seinen Rang. Natürlich interessierte das Abzeichen den Jungen nicht wirklich, aber er hatte gelernt, daß es besser für ihn war, dem Blick seines Gegenübers auszuweichen.

Dr. Schiman verstand schnell, daß er von diesem dummen Bengel keine Antwort erhalten würde. Es hatte auch keinen Sinn, sich länger als nötig mit ihm aufzuhalten. Folglich packte er ihn hart an den Schultern und drehte ihn zu dem Körper auf der Pritsche.

„Den hier hat Seine Durchlaucht bei seinem Jagdausflug im Norden im Wald gefunden und mitgebracht. Da hat er schon geschlafen und niemand kann ihn aufwecken. Ab sofort wirst du dich um ihn kümmern!“

Odalin begutachtete den Mann. Derart helle Haut und so helle Haare hatte er noch nie gesehen. Er schien recht jung zu sein, aber wog bestimmt dreimal soviel wie Odalin. „Was ist das, Herr?“

„Ein Waldmensch, vermuten wir. Womöglich hält er Winterschlaf, wer kann das sagen? Speck genug hat er sich ja angefressen.“

Odalin wagte einen schnellen Seitenblick, um zu beurteilen, ob Dr. Schiman nicht ebenfalls bereit für einen Winterschlaf wäre.

„Hier hast du den Schlüssel zu dieser Zelle“, fuhr Dr. Schiman fort. „Du kommst viermal am Tag hierher und tränkst ihn. Jeweils eine solche Flasche, verstanden? Zu essen bekommt er nichts.“

Der Arzt hielt dem Sklaven eine Lederflasche hin. Nach ihrem Gewicht enthielt sie Wasser. „Ja, Herr.“

„Du sorgst dafür, daß diese Zelle immer abgeschlossen ist. Sollte sich etwas verändern, kommst du sofort zu mir! Außerdem hältst du die Zelle sauber. Du wischt alles hier in den Abfluß. Du weißt ja, wo du Eimer und Schrubber findest?“

„Ja, Herr.“

„Jetzt tränkst du ihn! Ich will es sehen!“

Odalin unterdrückte ein Seufzen und öffnete die Lederflasche. Er wollte dem Waldmenschen die Flasche an die Lippen setzen, doch der trank nicht, sondern ließ sich mit dem Wasser übergießen.

„Doch nicht so, du Depp“, knurrte der Leibarzt. „Hebe seinen Oberkörper an und drücke ihm die Flasche an die Lippen. Schlucken tut er von allein, aber mehr macht er nicht. Schaffst du das?“

Odalin mühte sich ab, den Oberkörper des Waldmenschen hochzuwuchten. Beim ersten Schluck fing der Waldmensch an zu husten.

Der Arzt raunzte ihn sofort wieder an. „Vorsichtiger! Aber du lernst das schon noch. So, ich lasse dich jetzt allein. Wenn sich irgend etwas an ihm verändert, gibst du mir Bescheid! Vor allem, wenn er gestorben ist.“

„Herr?“

„Dann werde ich ihn aufschneiden“, kündigte der Leibarzt im Gehen an. „Ich will feststellen, wie er von innen aussieht.“

Odalin schluckte und starrte noch auf die massive Zellentür, als der Arzt schon längst entschwunden war. Auch wenn der Waldmensch deutlich mehr zu essen bekommen hatte als er selbst, ging es ihm doch schlechter als einem normalen Sklaven. Odalin empfand ein wenig Mitleid, aber zugleich ärgerte er sich, daß er jetzt eine weitere ständige Aufgabe bekommen hatte.

Als erstes leckte er seinen Zeigefinger und prüfte, ob die Hautfarbe des Waldmenschen irgendwie abginge. Nach diesem erfolglosen Versuch hob er den Oberkörper des Wesens an. Diesmal verzichtete er darauf zu zeigen, wie sehr ihn das anstrengte. Wenn niemand zuschaute, um ihn von einer vorgeblich zu schweren Arbeit zu entbinden, lohnte es sich nicht, das zu schauspielern. Auch beim Tränken des Waldmenschen hatte er jetzt keine Probleme mehr. Manche Arbeiten erledigten sich durch Sorgfalt am schnellsten, das hatte Odalin längst verstanden.

*          *          *

Am nächsten Morgen beschränkte sich Odalin darauf, dem Waldmenschen eine Flasche Wasser einzuflößen und den hinterlassenen Urin mit einem Eimer Wasser auszuschwemmen. Schließlich mußte er in die Schule, da wollte er sich nicht lange aufhalten. Und schon gar nicht wollte er wegen dieser neuen Pflichten früher aufstehen.

Am Mittag hatte er mehr Zeit, denn Prinz Magris sollte nicht mit vollem Magen trainieren. Odalin schaute sich sorgfältig um, daß ihn niemand beobachtete. Schließlich wog dieser Waldmensch mehr als zwei Zentner, da sollte keiner sehen, daß der schmächtige Odalin diesen Körper ziemlich problemlos von der Pritsche heben konnte.

Die Verdauungsprodukte schwemmte er mit einem Eimer Wasser in den Kanal, auch den Waldmenschen übergoß er einfach, um dessen Rückseite zu säubern. So erledigte sich diese lästige Pflicht schnell und ohne allzu große Anstrengung. Den Waldmenschen auf die Pritsche zu heben, kostete mehr Mühe. Danach tränkte Odalin seinen Schutzbefohlenen wieder.

Jetzt waren die Pflichten getan, also blieb Zeit für das, was sich Odalin gestern Nacht vor dem Einschlafen überlegt hatte. Sicher, der Waldmensch regte sich nicht, aber er schien alles zu besitzen, was man bei einem menschlichen Körper erwarten durfte.

Bisher hatte Odalin nur seinen eigenen Körper zur Verfügung gehabt, um jene Stellen zu ertasten, die Prinz Magris im Suntraining bei ihm treffen sollte. Jetzt lag vor Odalin ein lebendes Wesen, an dem er Schläge üben konnte. Wobei er darauf achtete, nicht wirklich zuzuschlagen, denn Dr. Schiman wären blaue Flecke auf dieser hellen Haut ganz sicher aufgefallen. Noch besser ließen sich Hebel üben, denn die hatte Odalin noch nie ansetzen dürfen.

Vielleicht würde der Waldmensch wirklich nur einige Wochen hier liegen, bevor er starb und Dr. Schiman ihn aufschnitt, aber bis dahin würde Odalin an ihm üben. Heimlich natürlich, denn niemand durfte wissen, daß ein Sklave Suntechniken übte.

Sun! Kein Sunmeister durfte versklavt werden. Würde es Odalin schaffen, Sunmeister zu werden, mußte Herzog Vantris ihn freilassen. Deshalb übte Odalin heimlich die Techniken, die Magris beim Training gezeigt bekam. Seine Dachkammer war groß genug, die wenigen Möbel ließen ihm Platz für alle Schläge und Tritte, aber ihm fehlte ein Gegner, denn es würde nicht reichen, die leere Luft zu verprügeln.

Natürlich wurde Odalin wieder ausgeschimpft, als er zum Training mit Prinz Magris erschien. Er hatte sich zu lange im Verlies aufgehalten. Meister Gerlos, ein drahtiger Mann mit gestutztem Kinnbart, verabreichte Odalin zwei Ohrfeigen, aber er gab trotzdem nach. In Zukunft würde das Training eine Viertelstunde später beginnen, zumindest solange der Waldmensch noch lebte.

Am späten Nachmittag, nach dem Training mit Magris und der angemessenen Pause, entdeckte Odalin etwas, das er sich nicht erklären konnte. Durch das vergitterte Fenster war Sonnenlicht auf den Waldmenschen gefallen. Ausgerechnet jene Körperpartien des Waldmenschen, welche im vollen Sonnenlicht lagen, fühlten sich eiskalt an. Dort, wo die Sonne nicht hinkam, war der Körper warm. Sollte er das dem Leibarzt berichten? Aber wozu? Es war ja keine wirkliche Veränderung.

Der Junge zuckte mit den Schultern. Wenn er Dr. Schiman mit einer Nachricht belästigte, die dieser längst kannte, würde er wieder ausgeschimpft werden. Und selbst wenn der Leibarzt das noch nicht wußte, erschien ihm das nicht wichtig genug. Ein Sklave sollte Vorgesetzte so selten wie nur möglich aufsuchen. Das vermied unnötige Aufträge.

Jedenfalls war der Waldmensch trotz der Kälte nicht steif. Und bei dem Würgegriff, den der Junge ausprobierte, röchelte er so intensiv, wie Odalin eine Stunde zuvor. Das zeigte, daß er gut aufgepaßt und die Technik erlernt hatte. Vergnügt kehrte Odalin in seine Dachkammer zurück, um bis zum Abendessen noch ein wenig zu trainieren.

*          *          *

Die erste Woche verlief, ohne daß der Hellhäutige gestorben wäre. Odalin bemerkte, daß das fremdartige Wesen an Gewicht verlor. Das erschien ihm ganz natürlich, ohne Zufuhr von Nahrung. Andererseits hatte es noch sehr viel sichtbaren Speck auf seinen Rippen, was man von Odalin wirklich nicht behaupten konnte. Hätte der Junge den nackten Mann füttern sollen, hätte er die Ration gerecht verteilt: Zwei Drittel für den, der arbeitete, den Rest für den, der einfach dalag und sich füttern ließ. Aber leider dachte niemand daran, diesen Hellhäutigen mit Nahrung zu versorgen.

Odalin gewöhnte sich an seine neue Arbeit. Ab und zu sprach er mit dem nackten Mann. Auch wenn er keine Antwort erhielt, so war es doch angenehmer, denn es half ihm bei der Vorstellung, daß er mit einem lebendigen Wesen zusammen war. Mit weniger Speck wirkte dieses Wesen jünger als zuvor, gar nicht mehr wie ein erwachsener Mann, eher so alt wie Prinz Magris.

Zweimal erschien der Leibarzt und untersuchte den Waldmenschen, doch er hielt es nicht für nötig, mit Odalin zu sprechen. Ob ihm auffiel, daß der Waldmensch im Sonnenlicht abkühlte? Odalin hätte es ihm gesagt, aber dazu hätte Dr. Schiman ihn fragen müssen. So aber war er selbst schuld, wenn er nichts erfuhr.

Am 3. Sagros, dem 14. Tag, an dem Odalin den Waldmenschen betreute, tat sich etwas. Der Junge war gerade mit der Reinigung fertig und hatte den Körper auf die Pritsche gehoben, als die Verdauung des Wesens neuen Schmutz produzierte. Der Junge wurde wütend. Er schrie den Bewußtlosen an: „Was glaubst du, was ich gerade gemacht habe? Ich lasse mich von dir bestimmt nicht schikanieren!“

Das reglose Gesicht ärgerte ihn. Er strafte so, wie es ihm selbst so oft widerfahren war. Er schlug ihm mit der flachen Hand auf die Wange. Wieder und wieder. Da öffnete der Waldmensch die Augen! Odalin wich zurück. Er hatte noch nie derartige Augen gesehen, ein unergründliches Grau, das wie dunkles Glas aussah.

Verwirrt stammelte er: „So war das nicht gemeint! Entschuldige bitte! Ich... äh, ich werde das schon wieder aufputzen!“

Er beeilte sich und rannte aus der Zelle. Mit fliegendem Puls schloß er die Zellentür ab und eilte mit seinem Eimer davon, um weiteres Wasser zu holen.

Als er wiederkam, lag der Hellhäutige noch immer auf der Bank. Ein wenig unsicher öffnete der Junge die Zelle. Das Wesen lag einfach da, auf dem Rücken, mit offenen Augen. Odalin überlegte. Sollte er ihn ansprechen? Jedenfalls hatte er nicht vor, wieder in diese Augen zu blicken.

„Sie! Können Sie mich hören?“

Keine Antwort.

„Wer sind Sie?“

Nichts.

Odalin kam näher. Er stieß den Körper an. Er war jetzt warm geworden, obwohl ihn die Sonne beschien, aber sonst zeigte er keinerlei Reaktion. Nun wurde der Junge mutiger. Er hielt seine Hand über die seltsamen Augen. Er merkte, daß der Blick des Waldmenschen seiner Hand folgte, er sich aber sonst nicht rührte.

Was sollte Odalin tun? Den Leibarzt holen? Aber der würde ihm vorwerfen, seine Pflichten vernachlässigt zu haben, sobald er den Dreck auf dem Boden erblickte. Er griff zu, wollte den blassen Jüngling aufrichten. Es ging leichter als sonst, geradezu als würde jener spüren, was er von ihm wollte, und ihm dabei helfen. Das Wesen richtete sich tatsächlich auf. Aus eigener Kraft! Aber sein Blick war noch immer verständnislos und leer.

Odalin zog den Waldmenschen vollends hoch, bis dieser unsicher auf seinen Beinen stand. Der Junge lenkte und der Hellhäutige trottete tapsig in die gewünschte Richtung, direkt über den Abfluß. Einen Augenblick prüfte der Junge, daß sein Schützling nicht umfiel, dann begoß er seine Rückseite mit Wasser. Der Fremde drehte seinen Kopf um. Die erste selbständige Reaktion.

„Das muß sein, sonst bekomme ich Ärger. Bleib dort stehen, ja?“

Ob das Wesen ihn verstanden hatte, wußte er nicht, jedenfalls befolgte es seine Anweisung. Odalin reinigte die Zelle fertig, dann führte er das Wesen wieder zurück und ließ es sich hinsetzen. Diesmal bewegte sich der Waldmensch bereits sicherer. Odalin hielt ihm die Trinkflasche hin, ohne daß er darauf reagierte. Deshalb nahm der Junge den einen Arm des Wesens und hob ihn an. Zuerst leistete es Widerstand, doch dann ließ es seinen Arm bewegen. Odalin öffnete die Hand und drückte die Flasche hinein. Nun führte er sie nach oben, an den Mund. Das Wesen spürte das Wasser. Jetzt mußte der Junge Kraft aufwenden, um es dazu zu bewegen, langsam zu trinken, was ihm problemlos gelang. Besonders stark schien es demnach nicht zu sein.

Als die Flasche leer war, drückte Odalin den Hellhäutigen wieder auf die Bank zurück, so daß er wie zuvor dalag. „Warte hier auf mich. Ich hole jemand, der sich sehr für dich interessiert.“

Er rannte zum Behandlungszimmer des Leibarztes. Dessen Assistent, ein schlaksiger junger Mann, bedachte ihn mit einem unfreundlichen Blick. „Gab es einen Unfall?“

„Nein, Herr. Ich muß dringend zu dem Herrn Leibarzt.“

„Ach ja? Da kann ja jeder kommen und dem Herrn Doktor die Zeit stehlen. Sag mir, was du willst, und dann scher dich zum Tarakonus!“

Odalin war eine derartige Behandlung gewohnt. Er hätte zwar liebend gerne mit den Fäusten geantwortet, aber er durfte nur devot sagen: „Herr, richtet bitte dem Herrn Leibarzt aus, daß der Waldmensch die Augen offen hat!“

Der Gehilfe zögerte, rang sich aber doch durch, seinen Vorgesetzten zu stören. „Herr, draußen ist ein Sklavenjunge, der etwas über das hellhäutige Wesen zu berichten hat.“

„Herein mit ihm – oder, nein, ich komme selbst.“

Er ergriff den bereitstehenden Arztkoffer und stürmte hinaus, wobei er Odalin fast umriß. „Ist es soweit? Ist der Waldmensch tot?“

Odalin wunderte sich, daß der Leibarzt so schnell laufen konnte. Er mußte sich fast beeilen, um Schritt zu halten. „Nein, Herr. Er hat die Augen geöffnet.“

„Was?“ Der Mann ergriff die Schulter des Jungen. Genau dagegen hatte Magris vorhin eine Abwehr geübt: Mit einer kreisenden Bewegung wurde der Arm des Angreifenden unter dem eigenen Arm blockiert und gleichzeitig die andere Faust ins Gesicht des Hofmagiers abgefeuert. Danach folgte ein Fußfeger und das fallende Opfer wurde mit einem Handkantenschlag an den Hals endgültig ausgeschaltet.

Bei dem schwerfälligen Leibarzt hätte das bestimmt geklappt. Doch statt diese Technik auszuprobieren, antwortete er nur höflich: „Ja, Herr, er ist aufgewacht.“

Der Magier schaute ihn zweifelnd an, doch dann hetzte er weiter. „Wenn du mich angelogen hast, wirst du noch lange an diesen Tag denken!“

Ob er einem Sunmeister gegenüber auch so aufgetreten wäre? Odalin bezweifelte es.

An der Zellentür wartete der herzogliche Leibarzt auf den Sklavenjungen, denn der hatte den Schlüssel. Natürlich wurde er dafür gründlich ausgeschimpft, obwohl der so kluge Leibarzt ihm eigenhändig den Schlüssel übergeben hatte. Odalin war es gewohnt, die Schuld für die Fehler Anderer zugeschoben zu bekommen.

Der Waldmensch lag so wie immer auf der Bank, jedoch hatte er die Augen geöffnet, was den Arzt überzeugte, daß der Knabe nicht gelogen hatte.

„Hallo! Kannst du mich hören?“, rief der Doktor.

Langsam wandte das Wesen seinen Kopf, doch seine Augen zeigten keinerlei Regung.

„Macht er sonst noch etwas? Steht er auf, kann er laufen?“

Nach der durch unterwürfiges Verhalten gebotenen Verzögerung – das war die beste Methode, um Gespräche mit Höhergestellten zu vermeiden und trotzdem einer Bestrafung zu entgehen – antwortete der Junge: „Man kann ihn aufrichten.“

Der Arzt mußte nicht lange nachdenken. Er zog den seltsamen Mann hoch. So aufgerichtet blieb dieser sitzen. Also drehte er ihn um, so daß seine Beine von der Bank herunter hingen und er einigermaßen manierlich saß.

Der Arzt begann mit seinen Untersuchungen. Körpertemperatur, Pulsschlag, Blutdruck – alle Werte entsprachen dem, was er bei einem Menschen erwartete, doch auf Fragen reagierte der Unbekannte nicht.

Er schickte den Sklavenjungen nach einem Kittel, wie ihn die Pferdeknechte bei manchen Arbeiten benutzten. Als der Junge wiederkam, sah Dr. Schiman sich genötigt, ihm zu erklären, daß sich die Stallungen einen Stock tiefer und nicht auf der anderen Seite des Schlosses befanden.

Als nächstes brachte er den stummen Jüngling dazu aufzustehen. Es kostete einige Mühe, ihm den Kittel überzustreifen. Mit unsicheren, tapsigen Schritten ließ sich der Hellhäutige von dem Arzt nach draußen ziehen. Natürlich war Odalin neugierig und folgte den beiden.

Dr. Schiman wollte sofort seinem Herrn vorführen, was seine Kunst erreicht hatte, deshalb strebte er zum Arbeitszimmer des Herzogs. Erst dort bemerkte er, daß der Sklavenjunge mitgekommen war – zu spät, um ihn noch fortzujagen.

Herzogin Jarlia war zufällig zugegen und betrachtete den Waldmenschen höchst interessiert. Das Reden allerdings überließ sie vorerst ihrem Mann. Der wiederholte zunächst das schon Offensichtliche.

„Er ist wach?“

Der Herzog war ein stattlicher Mann Anfang 40, mit breiten Schultern und wettergegerbter Haut. Schreibtischarbeit erachtete er als höchst lästig, dafür galt seine Leidenschaft der Jagd. Für die Repräsentation bediente er sich einer großen Staatslimousine und für Reisen auch eines Flugzeuges, aber viel lieber saß er im Sattel und streifte durch die endlosen Wälder seines riesigen Lehens.

Eilfertig antwortete der Leibarzt: „Ja, Herr, und er ist in annehmbarer Verfassung. Aber er scheint nicht sprechen zu können und es ist ungewiß, ob er uns versteht.“

„Du kannst uns also immer noch nicht sagen, ob wir hier ein Tier, einen Menschen oder nichts von beiden vor uns haben?“

„Herr, meiner Ansicht nach ist das ein menschlicher Körper, dem jedoch der menschliche Geist fehlt. Keine meiner Untersuchungen hat etwas gezeigt, was darauf hinweist, daß dies kein Mensch ist. Ich denke immer noch, daß es sich um eine Mißgeburt handelt, einen abgewandelten Albino, der nicht ganz zur Ausprägung gekommen ist. Ich vermute, daß er deshalb auch geistig behindert ist.“

„Sollen wir ihn im Tiergarten zur Schau stellen?“

„Nein!“ Die Herzogin hatte sich eingemischt. Wohlfrisiert und mit standesgemäßer Kleidung kam ihre herbe Schönheit zur Geltung, eine Leistung bei einer spindeldürren Frau mit spinnenartigen Gliedern. Wie zäh und ausdauernd die Herzogin tatsächlich war, wußten nur wenige Leute im Schloß. Nach einer effektvollen Pause fuhr sie im bestimmenden Ton fort: „Nein, denn auch wenn das ein Tier ist, so hat es doch menschliche Gestalt und es scheint nicht bösartig zu sein. Lassen wir es hier im Schloß und beeindrucken damit unsere Gäste.“

„Meine Liebe, wer soll sich denn um dieses Wesen kümmern?“, gab der Schloßherr zu bedenken.

Ganz unauffällig verzog sich Odalin hinter den Rücken von Dr. Schiman.

„Wer hat es denn bis jetzt betreut?“, fragte die Herzogin.

Dr. Schiman griff hinter sich. Plötzlich konnte der Junge sich schnell bewegen, nur war ihm leider die Wand im Weg. Der Leibarzt setzte nach und erwischte ihn am Arm.

Dr. Schiman triumphierte: „Der Junge hier hat ihn getränkt und versorgt.“

Jarlia musterte ihn interessiert: „Wer bist du, Junge?“

Odalin bemühte sich um ein harmloses, eingeschüchtertes Aussehen, das manchmal Leute dazu brachte, ihn für zu schwach zum Arbeiten zu halten. „Ich, äh, ich heiße Odalin, Herrin.“

Jarlia erinnerte dieser Junge ein wenig an ihre Tochter, wenn sie am mütterlichen Schminktisch überrascht wurde. „Bist du schon lange Sklave hier im Haus?“

„Ja, Herrin. Baron Quoris hat mich Euch geschenkt – ich wurde vor seiner Tür ausgesetzt.“

In den Augen der Herzogin blitzte eine Erinnerung auf. „Wann bist du geboren worden? Etwa am 15. Logran?“

„Nein, Herrin. Am 18. Logran.“

Über Jarlias Gesicht huschte Enttäuschung, doch sie hatte sich sofort wieder im Griff. „Hast du Angst vor dem da?“

„Nein, Herrin.“

„Dann wirst du dich auch weiterhin um ihn kümmern.“

Hätte Odalin doch nur seine Neugier bezähmen können! Nun hatte er eine neue ständige Pflicht am Hals, denn wie es aussah, würde dieser Waldmensch überleben. Wenn er nur ein wenig geschickter wäre, dann könnte er wirklich mit ihm Sun üben. Aber so? Wie sollte er jetzt noch Sunmeister werden? Seine Freiheit rückte in noch weitere Ferne.

Der Arzt hatte einige organisatorische Fragen. „Herr, soll der Waldmensch weiter ins Verlies gesperrt werden?“

Die unwichtigeren Dinge überließ die Dame des Hauses bereitwillig ihrem Gatten. Der fragte den Sklaven mit strenger Stimme, um zu verdeutlichen, wer hier das Sagen hatte: „Hast du den Eindruck, daß er gefährlich ist?“

„Nein, Herr.“

„Dann soll er einen Platz in den Sklavenquartieren bekommen.“

Der Junge protestierte. „Aber Herr! Er macht alles voll!“

Der Herzog schaute ihn ärgerlich an. Sklaven hatten nur zu sprechen, wenn sie gefragt wurden. „Dann wirst du ihm eine Windel anlegen und dafür sorgen, daß er stubenrein wird. Wie viele Sklaven schlafen in deinem Quartier?“

„Herr, ich bin allein in meiner Dachkammer.“

„So, so, die Dachkammer... Ja, da paßt er hin.“

Hier half kein Abstreiten. Auch wenn Odalin nicht glaubte, daß Seine Durchlaucht jemals die Dachkammer betreten hatte, Herr Sucholin, der Haushofmeister, kannte sie. Er wußte auch, daß dort oben ein zweites Bett stand, noch älter und abgewetzter als das von Odalin. Jetzt würde darin jemand schlafen. Aber vielleicht brach es ja auch zusammen? Wenn der Waldmensch ein neues Bett bekam, würde Odalin tauschen, das beschloß er schon jetzt.

Verdrossen folgte er dem Arzt und seinem neuen Zimmergenossen in die Kleiderkammer. Dort wurde ihm beigebracht, wie er dem Waldmenschen eine Windel anzulegen hatte, außerdem erhielt dieser Sklavenkleidung. Nun mußte man schon genau hinsehen, um zu erkennen, daß man keinen richtigen Menschen vor sich hatte.

Die nächste Station war die Küche. Der Arzt wollte sehen, ob der Waldmensch Haferbrei essen konnte. Odalin mußte ihn dabei füttern. Der Arzt nickte zufrieden, als das Wesen den Brei hinunterschluckte. Er schärfte Odalin noch einmal ein, ihn bei auffälligen Veränderungen an dem Waldmenschen sofort aufzusuchen, bevor er sich entfernte.

Natürlich wurde dem Jungen die Fütterung schnell lästig. Er preßte dem Waldmenschen den Löffel in die Hand und bewegte einige Male dessen Hand vom Teller zum Mund.

Nach einigen Versuchen stellte er befriedigt fest, daß der Hellhäutige es kapiert hatte. Unter diesen Umständen sollte es möglich sein, ihn auch stubenrein zu bekommen. Schließlich beabsichtigte Odalin nicht, mehrmals täglich Windeln zu wechseln.

Das alte Bett hielt der Belastung stand, was Odalin seufzend akzeptierte. Aber vermutlich hätte er sowieso kein neues Bett bekommen, sondern ein vergleichbar altes, das für die anderen Sklavenquartiere zu schäbig geworden war. In diese Dachkammer kam ja immer nur das, für das niemand sonst im Schloß Verwendung hatte.

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