Eröffnungen

„Durchlaucht, Ihr möchtet bitte zu Eurer Mutter kommen.“

Prinzessin Adrea war gut genug erzogen, um über diese Störung ihrer Pläne für den Nachmittag nicht zu fluchen. Eine Dame von Welt kannte natürlich schon mit 13 Jahren all die unschönen Worte, die weniger vornehme Mitmenschen benutzen würden.

Adrea hatte sich angewöhnt, Kleider zu tragen, die über die Knie gingen, mit langen Ärmeln, bis zum Handgelenk. Auf diese Weise vermied sie Fragen zu ihrer ausgeprägten Muskulatur. Gewiß, sie war schon früher überaus sportlich gewesen, doch seit sie heimlich mit einem Sklaven den Kampfsport Sun trainierte, hatte sie noch mehr zugelegt.

Leider durften atlantische Prinzessinnen nicht einfach Leute verprügeln, um ihre Kräfte mit echten Gegnern zu messen. Sie hatte zwar einen Bruder namens Magris, aber der war ein Schwächling. Der Kronprinz der Feuchtlande war zweieinhalb Jahre älter als sie und er durfte ganz offiziell Sun erlernen, aber das nutzte ihm gar nichts gegen seine Schwester.

Adrea erhob sich grummelnd. Sie hatte geplant, den Nachmittag im Park zu verbringen, mit ihrem privaten Ausbilder, statt dessen durfte sie jetzt zu ihrer Mutter, deren Tagesgemächer am Ende des Ganges lagen. Ausgerechnet heute, wo ihr Vater mit ihrem Bruder zur Jagd gefahren war und sie das Schloß praktisch für sich hatten...

Die Herzogin empfing ihre Tochter kühl, mit aller natürlichen Autorität, die sie meisterhaft auszuüben verstand. „Setz dich, wir erwarten noch Gäste.“

Adrea fragte sich, wie viel von ihrer Mutter wohl in ihr steckte. In den Büchern, die sie früher gelesen hatte, waren Mütter immer nur liebevoll und opferbereit gewesen. Jarlia hingegen verhielt sich kühl, ja beinahe abweisend und immer ein wenig herrisch. Selbst Adrea hielt ihre Mutter nicht für eine Schönheit, trotz aller Künste am Schminktisch. Ihre spinnendünnen Glieder ließen sie größer erscheinen. Und sie verbargen ihre zähe, robuste Konstitution, die Adrea von ihr geerbt hatte.

„Du starrst mich an, als wolltest du mich sezieren“, stellte Jarlia fest. „Du wirst gleich verstehen, wieso ich dich herbestellt habe.“

Jemand klopfte dezent an die Tür. Jarlia bat den Außenstehenden herein. Adrea zuckte zusammen, als sie Odalin und Michael erkannte. Die beiden waren Sklaven im Schloß – und ihre besten Freunde. Odalin war nach seiner Geburt auf der Schwelle eines Barons ausgesetzt worden, der das Findelkind schleunigst an seinen Landesherrn weiterleitete, um sich die Kosten des Aufwachsens zu ersparen. In diesem Reichsland gab es keine Waisenhäuser; wer weder Eltern noch Vermögen besaß, wurde Sklave im Haus desjenigen, der ihn aufzog.

Odalin hatte Glück gehabt, daß ihn der Herzog in sein Schloß aufgenommen hatte. Hier erhielt er wenigstens die Grundlagen einer höfischen Erziehung. Die Alternative wäre ein staatliches Sklavengut gewesen, wo es keine Hoffnung auf Freiheit gegeben hätte.

Herzog Vantris hatte eine geeignete Beschäftigung für Odalin gefunden. Der Junge mit den auffälligen blauen Augen, dessen Haut dunkler braun war als die gewöhnlicher Atlanter, wurde zum Prügelknaben seines Sohnes. Magris lernte Sun und Odalin diente ihm als wehrloses Opfer, dafür sorgte schon Meister Gerlos, der Sunlehrer.

Michael hingegen hatte der Herzog im Wald entdeckt, bei einer Jagdpartie. Der Waldmensch war eine Sensation gewesen, denn er schien direkt von den früheren Bewohnern der Feuchtlande abzustammen, hatte er doch eine helle Haut, nachtgraue Augen und braunes Haar. Er galt als Tier, weil er nicht sprechen konnte, allerdings als wohlerzogenes Haustier, das Odalin zur Betreuung übergeben wurde. Als sie ihn gefunden hatten, war er bewußtlos gewesen und hatte fast drei Zentner gewogen. Dieses Körpergewicht hatte sich inzwischen halbiert.

Hinter den beiden Sklaven folgte Herr Weston, der Tierarzt des Schlosses. Er trug einen Spitzbart, der ihm bis auf die Brust reichte, maß nicht ganz einen Klafter und schob seinen Bauch mit der ganzen Würde seiner 65 Lebensjahre vor sich her. Er war mit der Herzogin aus dem Fürstentum Parkus nach Ventria gekommen und galt als ihr Vertrauter, den Herzog Vantris auf Grund seines Lebensalters duldete.

„Dann wären wir also vollständig“, empfing Jarlia die drei Ankömmlinge. „Herr Weston, bitte verriegeln Sie die Tür.“

Der Tierarzt gehörte als Meister im untersten Rang dem Sorischen Orden an, er behandelte folglich mehr mit magischen Kräften als mit Tinkturen und Verbänden.

„Setzt euch“, befahl die Herzogin den beiden Sklaven. „Nun, Odalin, du weißt, daß heute ein bedeutungsvoller Tag ist: dein 14. Geburtstag.“

Odalin schluckte. Was sollte diese Ankündigung bedeuten? „Herrin, heute ist erst der 15. Logran, ich bin am 18. geboren.“

„Steck dir den Ring an den Finger!“

Adrea kannte den Ring mit den vier bunten Steinen. Der Tierarzt hatte ihnen den schon einmal mit einer fadenscheinigen Begründung angesteckt. Odalin gehorchte natürlich und wie beim letzten Mal leuchtete der rote Stein auf.

Jarlia nickte zufrieden: „Dieser rote Stein leuchtet nur, wenn jemand in der Mitte der ersten Feuersonne geboren worden ist, also am 15. Logran. Ich habe die Unterlagen hier im Schloß bereits korrigieren lassen.“

Adrea beäugte ihre Mutter verständnislos. So entschlossen und zugleich beherrscht hatte sie noch nie geklungen.

„Adrea, deinen Geburtstag in der Mitte der dritten Feuersonne kenne ich – deshalb leuchtet bei dir der blaue Stein.“

Jarlia schob ihrer Tochter den Ring zu, die ihn langsam ansteckte und das blaue Aufleuchten verfolgte.

„Und nun kommen wir zu dir, dem Sohn der Sonne.“ Jarlia bohrte ihren Blick förmlich in die Augen des Waldmenschen. „Ich weiß natürlich, daß du dem ganzen Schloß etwas vorspielst. Du kannst dich gerne weiterhin verstellen – aber hier und jetzt solltest du dich erklären. Ich weiß, wer du bist – und ich weiß, wie du hierher gekommen bist.“

Da der Hellhäutige immer noch nicht antwortete, schob ihm die Herzogin den Ring hin. „Na los – 20. Quadris, die zweite Feuersonne... Warum widersetzt du dich noch? Ich kenne dein Geheimnis bereits!“

Der Weiße griff ganz langsam nach dem Ring, berührte ihn – und zuckte zusammen. Er drehte sich zu dem Tierarzt um, der hinter ihn getreten war.

„Herrin, er hat mich abgewehrt“, meldete dieser. „Aktiv abgewehrt! Er hat uns eindeutig etwas vorgespielt!“

„Uns – und den Magiern, die ihn untersucht haben“, folgerte Jarlia. „Ich hätte nicht gedacht, daß es so einfach sein würde.“

„Die Magier haben mich nicht durch ein Artefakt abgelenkt“, antwortete Michael.

„Oh, reden kannst du demnach“, stellte die Herzogin fest. „Du hast bestimmt auch einen Namen?“

„Ja, ich heiße Michael.“

„Gut, Michael – dann steck den Ring an.“

Grummelnd – und mit einem mißtrauischen Blick auf den Tierarzt – tat es der Waldmensch. Der weiße Kristall leuchtete auf.

„Damit ist die Dreiheit vollständig“, erklärte Jarlia. „Ein paar Dinge werdet ihr schon wissen, ich werde euch jetzt mehr sagen. Wir haben euch angefordert, für einen ganz bestimmten Zweck. Wir – das sind die Hüter Eonatas.“

Jarlia wandte sich an ihre Tochter. „Du weißt, was eine Dreiheit ist, und du gehörst dazu?“

„Ja“, bestätigte Adrea.

„Kennt ihr auch eure Namen als Dreiheit?“

„Ja, Ervan, Mainon und Palos.“

Weston unterbrach: „Durchlaucht, wir bräuchten das in der Reihenfolge des Alters. Wer ist der Kämpfer?“

„Sag ich doch“, grummelte Adrea. „Odalin war als Ervan der Kämpfer, Michael als Mainon der Zeremonienmeister und ich als Palos der Führer.“

Der Tierarzt hielt jetzt ein Heft in der Hand, in dem er blätterte. „Die Kombination ist leider nicht eindeutig.“

Michael half ihm: „2122 bis 24.“

„Oh?“ Weston blätterte. „Ah, hier...“ Er verzog sorgenvoll das Gesicht. „Das war die erste Rebellendreiheit... Sie haben gemeutert und den Herrscher über Eonata ermordet.“

„Wirklich?“, staunte die Herzogin. „Warum hat dann die andere Welt uns gerade diese Dreiheit geschickt?“

„Welche andere Welt?“, fragte Michael direkt.

Dafür erhielt er einen strafenden Blick durch den Tierarzt. Es gehörte sich für Sklaven nicht, ungefragt zu sprechen, schon gar nicht im Beisein einer Herzogin.

„Die andere Welt – das Totenreich, dort, wo ihr die letzten zehntausend Jahre verbracht habt“, antwortete der Tierarzt. „Wahrscheinlich habt ihr dort eure Strafe für dieses Verbrechen verbüßt.“

„Das war kein...“ Odalin wollte aufbegehren, doch Michael hielt ihn zurück, indem er sanft seine Hand auf Odalins Unterarm legte.

„Mag sein, Herr Weston. Aber es tut nichts zur Sache. Sie haben uns angefordert? Wozu? Sollen wir etwa ein paar alt gewordene Adlige verjüngen?“

„Wir haben euch für eine ganz andere Aufgabe hergeholt“, übernahm Jarlia. „An der Stelle, an der einst Eonata gestanden hat, ist die Erde selbst verletzt. Für diese Wunde benötigen wir die stärkste Heilkraft, die jemals auf Erden manifestiert worden ist, das Geheime Belohim der alten Dreiheiten.

Wir haben eine anstellige Dreiheit erhofft, die sich der Ehre dieser Aufgabe bewußt ist, doch wir verstehen, wieso die andere Welt euch geschickt hat. Bei einer anstelligen Dreiheit hätte ich über den Dienst für die Menschheit gesprochen, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen. Euch hingegen ermahne ich, an eure Belohnung zu denken: Ihr könnt so für euer Verbrechen sühnen! Eure Strafe im Jenseits wäre bestimmt noch lange weitergegangen, doch jetzt könnt ihr euch erlösen!“

„Wir haben kein...“ Wieder ließ sich Odalin von Michael unterbrechen.

„Herrin, Ihr geht also davon aus, daß wir seit gut zehntausend Jahren im Jenseits für unsere Tat bestraft werden? Hätten wir uns gut benommen, hätten wir schon eher zur Erde zurück gedurft?“

Die Herzogin antwortete bereitwillig: „Wenn ihr auf der Erde eure Pflicht getan hättet, hättet ihr nicht mehr zur Erde zurück gemußt, sondern ihr wärt in die Zone des Glücks gekommen, in welcher der Vater der Sonne allgegenwärtig ist.“

„Ist das die Lehre des Buches Sun?“, fragte Michael nach.

„Nein, es stammt aus den Offenbarungen der Hüter.“ Jarlia wandte sich an Adrea. „Ich wollte einen eigenen Beitrag zum großen Werk leisten, einer verlorenen Seele die Gelegenheit geben, sich zu bessern. Du hättest ein Junge werden sollen, den Namen der Monastes weitergeben, bevor du deine eigentliche Aufgabe erfüllst. Ich habe lange befürchtet, ich hätte versagt, als du als Tochter zur Welt gekommen bist. Aber alles hat seinen Sinn: Dein Vater würde nie zulassen, daß du einen Mann heiratest, der durch dich zum Fürsten Monastes aufsteigen könnte. Du hast somit keine familiären Pflichten.“

Jetzt blickte sie Odalin an: „Du als Findelkind bist sowieso nicht gebunden. Seht ihr die Weisheit des Schicksals? Ihr könnt euch voll und ganz eurer Aufgabe widmen! Ja, ich weiß, daß eine Dreiheit diese Heilung der Erde nicht überleben wird. In vier Jahren seid ihr soweit... Bereitet euch vor, so gut ihr könnt, die Belohnung werdet ihr in der anderen Welt erhalten.“

Zuletzt blickte sie Michael an. „Dein Körper ist künstlich, du wurdest von einer uralten Maschine erzeugt, weil wir nur so die Energie Eonatas einfangen konnten. Die Maschine ist zerstört, du warst ihr letztes Produkt. Deshalb wirst auch du von niemandem vermißt, du bist als Waldmensch eine Kuriosität, mehr nicht.“

„Danke, sehr freundlich“, knurrte Michael.

Jarlia überhörte die Spitze geflissentlich. „Ich will noch eines wissen: Was treibt ihr im Park? Ich hoffe doch, ihr respektiert Adreas Rang als atlantische Prinzessin!“

„Natürlich tun sie das. Wir trainieren nur ein wenig Sun“, gestand Adrea.

„Was? SUN?“

Diesmal sprang Weston für die Dreiheit ein: „Herrin, es gehört zu den Pflichten der Dreiheit. Nur ein starker, robuster Körper erlaubt die Mühen, die ein Ritual am Altar erfordert.“

„Ihr prügelt euch also?“, vergewisserte sich Jarlia. „Nichts weiter?“

„Ja“, antwortete Michael an Adreas Stelle. „Schließlich ist Adrea Palos, unser Bruder.“

Jarlia nickte. „Mir mißfällt es zwar, daß in meiner Tochter eine ganz andere Persönlichkeit steckt, doch das muß ich wohl akzeptieren. Gut, ich werde Baronin Deyte sagen, daß sie das in Zukunft tolerieren soll. Ihr könnt jetzt in den Park, ich werde euch wieder rufen lassen, wenn ich euch mehr sagen kann.“

Michael spürte zwar, daß sie gerade hinauskomplimentiert wurden, aber eine Frage wollte er unbedingt noch stellen: „Wenn wir soweit sind – wie kommen wir an unseren Altar? Er steht in Poseidonis, nicht wahr?“

„Ja, deshalb durfte Adrea uns damals begleiten“, erwiderte die Herzogin. „Aber du hast es richtig gesagt: Wenn ihr soweit seid! Ihr benötigt den Altar für eine Stunde – und diese Stunde werden wir euch verschaffen. Ich bin schließlich eine Adlige des Reiches!“

„Danke.“ Michael stand auf.

Odalin hätte noch eine Menge Fragen gehabt, doch nach 14 Jahren als Sklave traute er sich nicht, einfach den Wunsch einer Herrin zu ignorieren. Adrea hatte es leichter zu verzichten. Sie würde ihre Mutter bei nächster Gelegenheit intensiv befragen – unter vier Augen.

*          *          *

Die Herzogin wartete, bis die drei Kinder weit genug weg waren. „Herr Weston, welchen Eindruck haben Sie von dieser Dreiheit?“

Der Tierarzt ließ sich anmerken, daß er nicht gerne antwortete. „Herrin, die drei sind anders, als wir erwartet hatten. Ich hoffe, daß die andere Welt genau überlegt hat, wen sie uns schickt.“ Er legte der Herzogin sein Heft vor.

„Ja, die sollten sie besser kennen, als wir es tun“, erwiderte Jarlia. „Sie sollten zudem besser wissen, wen wir für diese Aufgabe brauchen.“ Jetzt erst warf sie einen Blick auf den Absatz, den ihr Vertrauter ihr zeigen wollte.

„Beim Vater der Sonne – 24 Geheime Belohims?“

„Ja, Herrin“, bestätigte Weston. „Das ist die mächtigste Dreiheit, die Eonata hervorgebracht hat. Vermutlich wollten sie die drei damals ganz gezielt zu Tode arbeiten – und dann haben sie sich gewehrt.“

„Hm... Dann wären es gar keine Rebellen?“

„Schlimmer, Herrin, das sind Idealisten.“

„Wie auch immer, sie haben nur einen Zweck“, entschied Jarlia. „Sollten sie die Heilung überleben, werden wir dafür sorgen, daß ihnen die verbliebenen Monate so angenehm wie möglich sein werden. Was haben Sie bei Ihrem Test herausgefunden?“

„Ich habe im Orden den 17. Machtgrad erreicht“, dozierte Weston. „Das ist der erste Meisterrang des Ordens, der mich berechtigt, den silbernen Ring zu tragen. Ich habe mich zwar nicht auf die Geisteskunde spezialisiert, aber dank unserer speziellen Mittel hätte ich beispielsweise Dr. Schiman überwältigen müssen, einen Meister im dritten Rang. Der Waldmensch hat mich jedoch mühelos abgewehrt, und das bereitet mir Sorgen.“

Der Mann legte eine Kunstpause ein. „Herrin, es gab in der ganzen Geschichte des Ordens noch nie ein wildes Talent, das über den zwölften Machtgrad hinausgekommen ist. Dieser Sklave ist mächtiger als alles, was sich jemals außerhalb des Ordens entwickelt hat. 22., vielleicht sogar 23. Machtgrad. Als Meister im vierten Rang würde er einen goldenen Ring um sein Abzeichen tragen.“

„Das klingt so, als sei er tatsächlich...“ Jetzt zögerte Jarlia, weil sie sich weigerte, die Konsequenzen zu akzeptieren. „Der Sohn der Sonne!“

„Ja, Herrin, ich weiß, daß es so klingt“, gab Weston zu. „Aber die andere Welt würde den Sohn der Sonne niemals in einer Dreiheit zu uns schicken, die eindeutig dem Tod geweiht ist! Hier irrt Karen Vergas!“

Jarlia wiegte den Kopf. „Immerhin fühlte sich der Waldmensch dadurch angesprochen. Die anderen Astrologen haben uns gesagt, daß der Sarkophag am 20. Quadris ’78 wirken würde, nur Karen Vergas hat widersprochen und ließ sich nicht davon abbringen, daß es der 15. Logran ’91 sein würde.“

„Ja, ihr ominöses Drachenjahr...“, stöhnte Weston. „Jetzt, im zweiten Baloraska, werden wir noch den wirklichen Sohn der Sonne sehen. Der Herr des Feuers wird im Temeraska erscheinen, der Verbinder der Zeiten danach, im Aigoraska. Selbst diese 500 Jahre sind reichlich kurz, um Eonata in seiner alten Macht wiedererstehen zu lassen. Karen hingegen glaubt, daß bis 13.010 alles passiert wäre.“

„Immerhin, bei dem Sarkophag hatte sie recht“, wiederholte Jarlia. „Was haben Sie über Adrea und Odalin herausgefunden?“

„Nichts, Herrin. Dieser Michael hat mich blockiert.“

„WAS? Das hätten Sie mir sagen müssen! Das hätte ich verhindert!“

Der Tierarzt hob entschuldigend die Hände. „Ich weiß nicht, ob das etwas genutzt hätte. Selbst Lord Aran hat nichts bei ihm erreicht. Vielleicht hatten die Eonater andere Gehirne als wir.“

„Da halte ich es für wahrscheinlicher, daß der Sarkophag fehlerhaft gearbeitet hat“, meinte Jarlia. „Hoffentlich wirkt sich das nicht auf die Haltbarkeit dieses Körpers aus. Zwölf Jahre – mehr als genug für eine Dreiheit.“

„Ihr hättet ihnen mehr sagen sollen“, sagte Weston. „Sie haben noch einen langen Weg vor sich.“

„Die Hüter überleben seit 18.000 Jahren unter dem Gesetz von Taukor, eben weil wir sehr viel geheim halten“, korrigierte Jarlia. „Davon werde ich nicht abweichen. Schon gar nicht für eine Dreiheit, die in vier Jahren nicht mehr leben wird.“

„Schade“, fand der Tierarzt. „Der Bengel scheint über eine völlig neue Magie zu verfügen. Das gesamte Sorische Konzil wollte ihn aufspüren und hat dabei versagt. Sein Sonnenstein hat jedem Versuch widerstanden, ihn zu analysieren. Herrin, wäre er wirklich loyal, ich würde es bedauern, ihn sterben zu sehen.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Ich gehöre dem Sorischen Orden an, deshalb habe ich nie verstanden, wieso der Suntempel uns damals ausgeschlossen hatte. Jetzt verstehe ich es. Wenn dieser Michael seine neue Magie weitergeben kann, wird der Orden in seinen Grundfesten erschüttert. Stellt Euch vor, welche Macht diese Magie den Hütern verleihen würde!“

Die Herzogin stöhnte. „Sie hätten diesen Odalin und meine Tochter ebenfalls untersuchen sollen.“

„Beim nächsten Mal, Herrin. Ich sollte sie mir einzeln vornehmen.“

„Dann werde ich das arrangieren.“

*          *          *

Auf dem Weg in den Park spielte Adrea die Herrin, die zwei Dienstboten ihren persönlichen Launen unterwarf. Der Park von Schloß Ventria wurde nur nahe am Schloß ordentlich gepflegt. Nach fünfzig Klaftern begannen die Sparmaßnahmen, zwanzig weitere Klafter genügten für den Übergang einer Kulturlandschaft in das, was beschönigend „Biotop“ genannt wurde, einer frei dahinwuchernden Buschlandschaft.

Die Familie Sahor verfolgte eine pragmatische Strategie: Nicht mehr ausgeben, als unbedingt nötig. Gärtner für einen völlig überflüssigen Landschaftspark hatte sich zwar der Urgroßvater des jetzigen Herzogs noch geleistet, seine Nachfolger bevorzugten die freie Natur, in der es jagdbares Wild gab.

Als das Schloß gebaut worden war, sollte hier, wo er vom Schloß aus dank eigens angepflanzter Bäume nicht gesehen werden konnte, ein kleiner, bequem ausgestatteter Pavillon entstehen. Leider erfuhr die Ehefrau des damaligen Herzogs zu früh von diesen Plänen und verhinderte das Ausweichquartier zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen, das ihr Gatte hier errichten wollte.

In diesem verwilderten Teil gab es mehrere kleine Lichtungen. Eine davon hatte sich Odalin schon vor Jahren ausgewählt, um in Ruhe jene Sunübungen abzuhalten, die ihm als Sklaven verboten waren. Michael hatte er ohne erst lange zu fragen in diese Sunübungen einbezogen. Adrea hingegen hatte ihnen nachgespürt und sich ihr Stillschweigen mit der Mitgliedschaft in dieser Trainingsrunde bezahlen lassen.

„Wissen wir jetzt wirklich mehr als vorher?“, begann Odalin die Besprechung.

„Ein bißchen schon“, erwiderte Michael. „Diese Hüter haben uns für ein einziges Geheimes Belohim geholt, allerdings für eines, das uns mehr kosten dürfte, als alles, was je eine Dreiheit zustande gebracht hat.“

Im alten Eonata waren die Kinder armer Leute für den Tempeldienst angeworben worden, allerdings nur solche, die am richtigen Datum geboren worden waren. Nach ihrer Ausbildung arbeiteten sie magisch am Altar im großen Tempel der Stadt. Um ihre Fähigkeiten zu steigern, mußten sie Drogen einnehmen, die langsam ihre Körper vergifteten. Doch nicht die Drogen töten die Dreiheiten, sondern ein einziges Ritual, das Geheime Belohim.

Die Mitglieder der Dreiheit zapften ihre eigene Lebenskraft an und schenkten hochgestellten Persönlichkeiten Lebensjahre. Offiziell empfingen nur Senatoren von Eonata und die Oberhäupter befreundeter Städte diese Gabe, doch die wirklichen Nutznießer waren die geheimnisvollen Wächter, die über Technologie verfügten, die auf der Erde unbekannt war.

Eine Dreiheit war verbraucht, sobald ihr erstes Mitglied starb. In den Jahren 2122 bis 2124 waren sechs Dreiheiten in schneller Folge gestorben, so daß für die Verjüngungen immer auf Ervan, Mainon und Palos zurückgegriffen wurde. Vier Senatoren, 18 Wächter und einen befreundeten Herrscher hatten sie erfolgreich behandelt, bis ihr letztes Geheimes Belohim zu einer Hinrichtung werden sollte.

Ein Senator, der beim Volk sehr beliebt gewesen war, sollte vorzeitig die Gabe empfangen, von einer Dreiheit, deren Mitglieder mit 19 schon zu hochbetagten Greisen geworden waren. Mainon – Michael – hatte damals den Ersten Senator gewarnt, daß ihre Kraft geschwunden war und sie dieses Ritual nicht mehr sicher würden ausführen können, aber der Erste Senator hatte darauf bestanden.

Die Dreiheit führte das Ritual aus, doch Mainon lenkte die Wirkung auf den Ersten Senator. Als Palos während des Rituals starb, kehrte sich die Wirkung um und der Erste Senator alterte rapide. Ervan und Mainon wurden vor Gericht gestellt und zum Tod verurteilt. An Ervans 20. Geburtstag wurde die Hinrichtung vollzogen. Sie sollten an einem Pfahl stehend erfrieren. Mainon starb gleich zu Beginn, Ervan hielt mehrere Stunden durch, bis endlich auch er erfroren war.

„Meinst du, daß wir es schaffen können?“, fragte Adrea.

Das Jenseits hatte ihnen Träume geschickt, sie das Schicksal der Dreiheit in ausgewählten Episoden miterleben lassen. An Adreas Geburtstag hatten sie einen körperlosen Ausflug unternommen, um an jenem Ort, an dem einst Eonata gestanden hatte, selbst nachzusehen, ob ihre Träume mehr waren als ein virtuelles Kinoerlebnis.

Sie hatten die Kosmische Nabelschnur gefunden, jenes Energieband, das von der Erde hinaus in den Weltraum reichte und zur Sonne führte. In diesem Band reisten die Seelen der Verstorbenen hinaus ins Jenseits, während zugleich die Seelen der Neugeborenen darin zur Erde reisten.

Sie hatten die Aura der Erde aufgespürt und die klaffende Wunde darin gesehen, eine riesige Zone der Verwüstung, um den Ursprung der Kosmischen Nabelschnur herum. Selbst wenn der Altar ihre Kräfte hundertfach verstärkte, glich es doch dem Versuch, mit dem Inhalt einer Tintenpatrone ein Wettkampfschwimmbecken einzufärben.

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir das schaffen sollen“, gestand Michael. „Nach dem, was wir wissen, ist die Erde ein beseelter, lebendiger Körper. Nur deshalb hat unser Heilungsritual überhaupt eine Chance, bei ihr zu wirken. Das heißt aber auch, daß sich diese Wunde von allein schließen wird, wenn genügend Zeit vergangen ist.“

„Wie viel Zeit?“, wollte Odalin wissen.

„Vor 10.000 Jahren muß es weitaus schlimmer ausgesehen haben“, erklärte Michael. „Leider fehlt uns der Vergleich, deshalb kann ich es nur schätzen. 40.000 Jahre, nehme ich an. Wenn wir gut sind, womöglich nur noch 20.000 Jahre.“

„Mama wäre sehr enttäuscht“, folgerte Adrea.

„Ja...“ Michael überlegte einige Sekunden. „Steht das im Buch Sun, daß Seelen im Jenseits bestraft werden?“

Sun war nicht nur ein Kampfsport, sondern zugleich die Staatsreligion von Atlantis. Die Eonater hatten den allmächtigen Gott „Vater der Sonne“ genannt, die Atlanter sprachen vom „Großen Sun“. Das heilige Buch der Staatsreligion hieß das Buch Sun. Sklaven wurden darin nicht unterwiesen, Prinzessinnen schon.

Adrea berichtete: „Nun ja, du kommst vors Seelengericht, und wenn du ein guter Mensch warst, darfst du eingehen ins Reich des Großen Sun. Wenn du es nicht warst, mußt du sühnen und büßen. Viel mehr steht da nicht darüber.“

„Der alte Kirchenknüppel“, folgerte Michael lächelnd. „Sei immer schön brav, nimm alles hin, dann kommst du in den Himmel. Aber Gott ist nicht so ungerecht, er gibt dir mehr als eine Chance, mehr als ein Leben. Bloß würde diese Lehre die Macht der Kirche erschüttern. Bei euch ebenso wie in meiner früheren Welt.“

„Bist du sicher?“, fragte Odalin mehr aus Hoffnung als aus Mißtrauen.

„Natürlich“, bestätigte Michael. „Als Ervan warst du so arm, daß deine Eltern dich an den Tempel verschachert haben. Für das kleine Aufbegehren, nachdem sie dich bis auf einen letzten Rest ausgesaugt haben, bekommst du zehntausend Jahre Folterkammer im Jenseits, um anschließend im Diesseits als Sklave weiterhin gequält zu werden? Wenn das Gerechtigkeit sein soll, dann weiß ich nicht, was Gerechtigkeit ist!“

„So ungern ich es tue, aber ich muß zugeben, du hast recht“, sagte Adrea mit einem leichten Seufzen. „Mainon war damals der Anstifter, Ervan hat genauso mitgemacht wie Palos – das rechtfertigt nicht, wieso ich heute Prinzessin bin und Odalin Sklave. Außerdem – womit hätte es Magris verdient, mit so einem Leben belohnt zu werden?“

Adrea hielt nicht besonders viel von ihrem älteren Bruder. Sie beneidete ihn zwar insgeheim, weil er all die Dinge tun durfte, die man ihr mit dem schlichten Hinweis versagte, daß sich das für ein Mädchen nicht schickte. Immerhin sah sie in letzter Zeit davon ab, ihn zu verprügeln, seit sie durch Odalin wußte, was Magris alles nicht konnte.

„Mich wundert, daß du nicht mehr gefragt hast“, gab Odalin zu.

Michael lächelte verschmitzt. „Meine Fragestunde geht jetzt erst los. Ich habe den guten Herrn Weston markiert. Wenn ihr euch jetzt bitte prügeln wolltet? Dann nutze ich die Zeit, um ein paar Informationen zu beschaffen.“

„Pffft“, zischte Adrea. „Du willst dich doch bloß von der Gymnastik drücken.“ Trotzdem legte sie ihre Kleider ab. Selbst eine Prinzessin würde ausgeschimpft, wenn ihre Kleidung allzu häufig deutliche Spuren eines intensiven Kontakts mit dem Waldboden aufwies.

Einem Sklaven drohten dafür Prügel, weshalb Odalin privat grundsätzlich nur in seiner Unterhose trainierte. Für sich allein betrachtet, wirkte eine entkleidete Adrea unglaublich stark und muskulös. Odalin sah bekleidet schmal und unscheinbar aus, ganz objektiv war er kleiner und leichter als Adrea. Sein entblößter Körper schien jedoch nur aus Muskeln und Sehnen zu bestehen, von ihm ging eine Aura der Bedrohung aus, der absoluten Überlegenheit.

„Ein bißchen kalt ist es ja“, beschwerte sich Odalin.

„Dir wird gleich warm“, versicherte Adrea und bedachte ihn mit einem Tritt, dem Odalin durch eine minimale Körperdrehung auswich.

„Ja, schon – aber wo wir doch einen überaus erfahrenen Magier bei uns haben...“

„Mistvieh“, knurrte Michael. Allerdings schlugen jetzt irgendwelche Nervenzentren in seinem Gehirn vor, ein halbkugeliges Feld zu projizieren, das mittels Strahlungswärme für angenehme Temperaturen sorgte. Er versuchte, den Gedanken zu verjagen, doch dieser setzte sich hartnäckig zur Wehr und berechnete den Aufwand und die erforderlichen Gedankensymbole.

Schließlich gab den Ausschlag, daß Michael sich selbst nicht bewegen würde, also auf äußere Wärmezufuhr angewiesen war. Den Grundzauber hatte der Hellhäutige benutzt, um jene Dachkammer im Winter zu beheizen, die er mit Odalin teilte. Wenig später wurde es auf der Lichtung deutlich wärmer. Die physikalische Erklärung, woher der Zauber die Energie dafür nahm, stand jedoch aus.

Odalin und Adrea beharkten sich längst nach allen Regeln der Kampfkunst. Sie kontrollierten beide ihre Techniken, brachten sie so gebremst wie möglich ins Ziel, doch hin und wieder trafen Fäuste oder Füße schmerzhaft den Partner. Blaue Flecken und gezerrte Gliedmaßen traten ständig auf, Knochenbrüche zum Glück nur selten.

Wegen einiger gebrochener Rippen würden jedoch weder Adrea noch Odalin Michael behelligen, sie beherrschten die Heilzauber längst selbst gut genug, um kleine Reparaturen an sich vornehmen zu können. Eine halbe Minute Kampfpause genügte.

Michael schlüpfte aus seinen Körper. Diese astrale Projektion beherrschte er schon lange. Den Tierarzt fand er schnell, allerdings stellte er fest, daß dieser sich mit Mendrals Schild abgesichert hatte. Er würde jeden Übergriff durch sorische Zauber bemerken und sich, selbst wenn er zu schwach war, um ihn abzuwehren, daran erinnern.

Die sorische Gedankensondierung war jedoch ein recht rabiates Mittel, um ein Opfer auszuhorchen. Sie glich mehr einer Folter als einer subtilen Befragung. Die Dreiheiten hatten ein wesentlich eleganteres Verfahren benutzt, das Ash-Baleth-Ritual. Dazu benötigte man nichts weiter als die Kraft einer ausgebildeten Dreiheit und den Altar des Vaters der Sonne. Oder eben das verbesserte Nachfolgemodell eines Mitglieds einer alten Dreiheit, das nach zehntausend Jahren geistiger Evolution auf das eine oder andere Detail verzichten konnte.

Ash-Baleth öffnete den Zugang zum Gehirn des Tierarztes so schnell und unmerklich, daß einem unbedarften Beobachter höchstens eine halbe Sekunde des Zögerns aufgefallen wäre.

In einer Beziehung unterlag Ash-Baleth den gleichen Beschränkungen wie die sorische Gedankensondierung: der Ausführende mußte Fragen stellen, die aus dem angezapften Datenschatz wahrheitsgemäß beantwortet wurden. Client-Server-Abfrage hätte Michael Strempfel das genannt, der Software-Ingenieur aus Würzburg, auf einer anderen Erde. Ein Leben, aus dem Michael herausgerissen worden war.

Eine solche Abfrage war effektiv, um gezielt Informationen zu sammeln, doch viel zu umständlich, um ein gesamtes Wissensgebiet auszuloten. Michael wunderte sich, daß weder die Atlanter noch die Eonater jemals versucht hatten, gleich die ganze Datenbank zu kopieren. Vielleicht nicht die ganze, denn die Informationen eines gesamten Lebens überschwemmten jeden Versuch, sie zwecks Untersuchung zwischenzuspeichern, sondern nur die relevanten Teile.

Michael saugte die gewünschten Informationen ab wie ein psychischer Vampir. Wenigstens ließ er dabei kein gedankenleeres Opfer zurück, sondern eines, das bestohlen worden war, ohne jemals den Einbruch zu bemerken.

Die Frage-Antwort-Technik bot den Vorteil, daß der Befragte einem das sagte, was man wissen wollte. Eine erbeutete Datenbank erforderte ein intensives Durcharbeiten, um die nützlichen Informationen daraus zu gewinnen. Michael kehrte in seinen Körper zurück. Adrea versuchte gerade, Odalin in einer gnadenlosen Kopfschere zur Aufgabe zu zwingen, doch der wollte seinerseits Adreas Füße aufsprengen. Erst als Adrea auch noch seine Arme blockierte, gab der Sklave sich geschlagen.

Als erstes spürte Michael seiner eigenen Erzeugung nach. Askan Weston hatte die Klonkammer nur einmal gesehen. Nach seinen Kenntnissen sollte sie über 18.000 Jahre alt sein. Sie war ein großer Sarkophag, mit wenigen Bedienelementen. Er trug ein Abzeichen, das dem Stern des Vaters der Sonne ähnelte: Vier goldene Zacken in den Hauptrichtungen, vier silberne dazwischen, und noch acht rote Strahlen, die zwischen den Zacken des Sterns hervorbrachen. Das Zentrum wurde jedoch von einem menschlichen Gehirn eingenommen, das von einer schwarzen und doch strahlenden Aureole umgeben wurde.

Michael hatte das Gefühl, dieses Symbol irgendwie zu kennen, allerdings ohne weitere Informationen darüber. Die Hüter hatten diesen Sarkophag unter beträchtlichem Aufwand an das Nordufer des Sees des Grauens gebracht, also an den nördlichen Stadtrand von Würzburg, auf der Erde von Michael Strempfel. Sie hatten am 20. Quadris 12.978 gehofft, damit ein neugeborenes Kind zu erzeugen, damals noch unter dem Schutz des Fürsten Monastes. Als das mißglückte, setzten sie ihre Hoffnungen auf den 15. Logran 12.991. Diesen Termin hatte eine Astrologin der Hüter errechnet, die in Poseidonis lebte.

Der Apparat hatte bei Michael Strempfel einen Herzinfarkt verursacht und seine Seele auf diese Erde geholt. So erklärte sich Michael sein Hiersein. Es hätte ein Zufall sein können, Michael Strempfel hatte einfach zu nahe an dem Sarkophag gewohnt und außerdem den richtigen Geburtstag. Aber dann wäre er nicht Mainon gewesen. Die Astrologin hatte demnach Ort und Zeitpunkt richtig bestimmt.

Leider hatte der Tierarzt keine Gebrauchsanweisung oder ein technisches Handbuch über die Klonkammer gelesen. Vermutlich waren diese im Lauf der Jahrtausende verloren gegangen. Eine Energiequelle, die nach 18.000 Jahren noch funktionierte, hätte Michael sehr interessiert.

Der Sarkophag hatte einen Ein-Schalter, der dazu führte, daß die Betriebsbereitschaft angezeigt wurde, einen „Sucher“, der die gewünschte Seele anlocken sollte, und eine automatische Öffnung, wenn der Klonprozeß abgeschlossen war. Anschließend mußte der Klon sofort gewaschen werden, während der Sarkophag aus irgendeinem Grund verbrannte.

Michaels Geburt auf der Welt von Atlantis war demnach völlig unspektakulär verlaufen, ein simpler Produktionsvorgang. Dabei verfügte das Gerät über zahlreiche Finessen: Es hatte Michael Strempfel reproduziert, ohne von ihm genetisches Material zu besitzen. Laut Herrn Weston holte es sich die Zellmatrix des Zielobjektes und prägte diese dem Klon auf. Allerdings war diese Zellmatrix nicht stabil...

Nach zwölf Jahren sollte sich demnach Michaels Körper auflösen. Nicht gerade viel für einen Jungen, der in vier Monaten 14 werden wollte, aber mehr als genug für das Mitglied einer Dreiheit, die bei einer unendlich schweren Aufgabe schon in vier Jahren ihr Ende finden würde.

Vielleicht hatte Michael Strempfel überlebt, weil der seltsame Apparat nicht nur das genetische Muster, sondern auch dessen Wissen kopiert hatte. Dann wäre Michael in Wirklichkeit Mainon, der sich dank eines bloßen Transfers einbildete, eine ganz andere Person zu sein. Michael hätte es Franz und Ottilie Strempfel gegönnt, denn das wäre sicher besser, als ihren Sohn tot im Bett vorzufinden.

Michael betrachtete seine Hand. Bisher fühlte sie sich recht fest an, was innerhalb der Garantiezeit auch so bleiben sollte. Die Hüter besaßen keine zweite Klonkammer, folglich sollte Michael erst gar nicht planen, spielende Urenkel zu seinen Füßen vorzufinden.

Damit hatte er die Informationen ausgeschöpft, die ihn selbst betrafen. Was er über die Hüter erfahren hatte, wollte er mit Adrea und Odalin teilen.

In der Schlägerei stand Adrea gerade davor, die Lust zu verlieren. Odalin hielt sie mit einer Kombination aus Kraft und Gewandtheit auf Distanz und erzielte einen Treffer nach dem anderen, wobei er immer wieder seine überlegene Kraft ausnutzte, um Adreas Deckung einfach aufzuziehen. Odalins Schläge und Tritte trafen, jedoch fehlte ihnen die Kraft, um Schaden anzurichten. Es gab zwar blaue Flecken, doch hätte der Junge durchgezogen, wären Knochen gebrochen.

„Es reicht“, schimpfte Adrea und sprang zurück. „Du bist wieder einmal unmöglich!“

„...zu treffen“, vollendete Odalin fröhlich.

„Mistvieh!“

„Oh, Michael ist wach.“ Odalin wandte Adrea unüberlegt den Rücken zu, eine Gelegenheit, die sich die Prinzessin nicht entgehen ließ. Sie packte zu und wurde durch die Luft gewirbelt. In die unsanfte Landung hinein feuerte Odalin eine Faust, die Adreas Nase für immer verunstaltet hätte, wäre sie durchgezogen worden. „Reingefallen!“

„Miststück!“, steigerte Adrea ihre Beschimpfung. „Aber Michael ist wirklich wach, da kann er mich gleich massieren.“

„Soweit ich weiß, habe ich heute Geburtstag“, meldete Odalin seine Ansprüche an.

„Dich kann er heute abend massieren“, bestimmte Adrea.

Es ging hierbei nicht um die körperliche Massage, sondern um die dabei fließende Magie. Adrea und Odalin wußten beide, daß Michael ihre Muskeln dabei intensiver stimulierte, als es jedes Training vermochte. Adrea beneidete Odalin, weil dieser sich jederzeit seine Massage abholen konnte, während sie auf günstige Gelegenheiten warten mußte. Insgeheim vermutet sie, daß Odalin nur dank dieser Behandlungen stärker war als sie.

Michael wandte sich Adrea zu. „Ich habe Informationen für euch. Herzogin Jarlia gehört zu den Anführern einer Gruppe, die sich ‚die Hüter’ nennt. Diese Hüter haben nichts Geringeres vor, als Eonata wieder entstehen zu lassen. Ihre Gegner sind die Wächter von Taukor, denen eine Gruppe untersteht, die sich ‚Freifahrer’ nennt.“

„Freifahrer? Das habe ich schon mal gehört“, behauptete Adrea. „Die spielen irgendwie Seeleute...“

„Ja, das ist deren Rekrutierungsbehörde“, erklärte Michael. „Die einfachen Mitglieder wissen von nichts, erst die höheren Ebenen werden für die Wächter interessant. Leider wissen die Hüter recht wenig über die Wächter, sie halten sie jedoch für hochgefährlich. Sie wurden von den Herren der Sterne eingesetzt, über die sie noch weniger wissen. Ich hätte jedoch eine Theorie anzubieten.“

„Nur zu“, sagte Adrea und räkelte sich geduldig. „Je länger du redest, desto länger wirst du mich massieren.“

„Mistviecher! Ihr platzt vor Neugierde!“

„Tun wir“, gestand Odalin. „Aber wir wissen auch, daß du uns alles freiwillig erzählen wirst.“

„Ja. Herr Weston hat den Sarkophag gesehen, in dem ich entstanden bin. Ja, ich bin das Produkt einer Maschine, die dabei zerstört worden ist. Also mein Körper... Die Maschine war jedoch uralt, weder Atlanter noch Eonater hätten sie bauen können. Sie war definitiv kein magisches Erzeugnis.

Der Name ‚Herren der Sterne’ legt nun eine recht interessante Möglichkeit nahe. Wesen von außen haben die Erde besucht und ein paar Dinge hinterlassen. Nicht nur meine Maschine, sondern auch die Wächter. Sie sollen uns Menschen bewachen, damit wir uns nicht in die falsche Richtung entwickeln. Die Vorschriften dazu bezeichnen sie als das Gesetz von Taukor.“

„Wo sollen diese Herren der Sterne denn hergekommen sein?“, fragte Odalin.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Michael. „Das ist nur eine Vermutung. Sie erklärt jedoch, wieso die Wächter schon in Eonata diesen fliegenden Wagen hatten. Die Außerirdischen dürften keinen Kontakt mehr zu uns haben, was bei der Größe der Entfernungen durchaus wahrscheinlich ist. Deshalb geht den Wächtern nach und nach das Material aus.“

„Moment“, unterbrach Odalin. „Wieso sind die so weit weg?“

„Die Entfernungen zu den kleinen Lichtpünktchen am Himmel, eben den Sternen, betragen Billionen Meilen. Sirius zum Beispiel ist gute 45 Billionen Meilen entfernt, Wega 145 Billionen Meilen. Ich kenne zwar die Antriebe nicht, die deren Raumschiffe besitzen, aber nach dem Wissen der anderen Erde sind solche Expeditionen Jahrtausende unterwegs.“

„Solange lebt doch niemand?“, wunderte sich Adrea.

„Die Schiffe sind kleine Welten für sich. Dort werden Kinder geboren, wachsen heran, altern und sterben – erst ihre fernen Urenkel kommen am Ziel an. Wenn so ein Schiff die Erde erreicht hat, haben die sich einige Sklaven eingefangen und diese instruiert, die Menschheit im Zaum zu halten, damit ihre fernen Nachkommen eine schwache Erde vorfinden, die sie besiedeln und beherrschen können.“

„Das sollte Lord Agerias unbedingt erfahren“, schlug Odalin vor.

„Mit dem möchte ich so wenig wie möglich zu tun haben.“ Michael hatte nicht vergessen, daß der Hohepriester von Atlantis nur einen Grund suchte, um ihn töten zu lassen. „Außerdem haben wir keine Beweise. So ein einsames Schiff kann verloren gehen, vermutlich haben die Außerirdischen nie erfahren, daß hier eine besiedlungsreife Welt auf sie wartet.“

„Wie passen da die Hüter ins Bild?“, fragte Odalin. „Die kämpfen doch für die Erde, oder?“

„Natürlich“, antwortete Adrea. „Meine Mutter gehört zu den Guten!“

„Diese Guten haben vor, am Altar unser Leben aufzubrauchen“, gab Michael zu bedenken. „In solchen Machtstrukturen gibt es immer wieder Abtrünnige, die ihren eigenen Laden eröffnen. Womöglich haben sich die Hüter von den Wächtern abgespalten und dabei einen Teil der Ausrüstung erbeutet.

Jedenfalls sind die Hüter in Sektionen unterteilt, die voneinander nur das Nötigste wissen. Jarlia ist so eine Sektionsleiterin, zuvor war es ihr Vater, Fürst Monastes, und dessen Vorfahren. Selbst sie kennt nur einige Ansprechpartner, aber nicht die oberste Führung. Die Aktionen der Hüter werden von Astrologen gesteuert, da gibt es jeweils drei bis vier. Herr Weston kennt nur einen Namen: Karen Vergas. Die Dame soll in Poseidonis wohnen und dürfte derzeit die Nummer Eins unter diesen Beratern sein.“

„Ist das schon alles?“, wunderte sich Adrea.

„Ja, ich habe noch Erinnerungen von Treffen erbeutet, aber die sind derart langweilig, die vergesse ich lieber schnell.“

„Also gibt es keinen Grund, so nachlässig zu massieren?“

Michael stöhnte leise auf. Wenn Adrea massiert werden wollte, sollte er besser gehorchen. Niemand würde leichtfertig ein Mädchen verärgern, das die Kraft von Pippi Langstrumpf mit der Kampfkunst von Bruce Lee in sich vereinigte. Außer Odalin, natürlich, der sie in beiden Punkten noch übertraf.

Michael hatte festgestellt, daß Atlanter ihm körperlich klar überlegen waren. Das lag eindeutig nicht an seinem Klonkörper, sondern eher daran, daß er tatsächlich über die genetische Ausstattung von Michael Strempfel verfügte. Gemessen an diesem Vorbild war Michael heute so kräftig und sportlich, wie es sich das Original nie hätte träumen lassen, doch gegen Adrea und Odalin blieb er weiterhin ein Schwächling, der nach der Aufwärmgymnastik von der Matte zu kriechen hatte, um die Kämpfer nicht mit seiner Gegenwart zu behindern.

Michael konzentrierte sich auf die Massage. Dazu betrachtete er die Aura und legte Energie in seine Finger. Diese Energie schickte er in sensitive Punkte an Adreas Körper. Das Vorgehen glich einer Akupunktur, mit dem Unterschied, daß Michael die betreffenden Punkte klar vor sich sah. Nach einer halben Minute konnte er wieder reden.

„Die Hüter sitzen hauptsächlich in Parkus, deshalb fahren Ihre Durchlaucht und Herr Weston so oft dorthin. Hier gibt es nur ein paar wenige Vertraute, darunter einen Boten, der Kontakt mit Poseidonis hält. Richtig mächtig sind die Hüter jedenfalls nicht.

Herr Weston hält den Kontakt mit dem Jenseits. Er benutzt dafür Drogen, um seine Fähigkeiten zu steigern, so wie damals die Dreiheiten. Er ist recht vorsichtig dabei, tut das höchstens einmal im Monat. Einen richtigen Kontakt bekommt er nicht zustande, er schickt seine Gedanken ungebündelt hinaus, anstatt die Kosmische Nabelschnur zu benutzen. Die Antworten kommen unscharf, sind eher Gefühle als Worte, die er anschließend interpretiert.

Soweit ich es verstanden habe, hat unser Ash-Berenai für einige Unruhe im Jenseits gesorgt. Dort sind uns nicht alle gewogen.“

„Ach, welche Überraschung“, kommentierte Odalin. „Können die uns etwas tun?“

Michael benötigte einige Sekunden, bis er die Frage trotz der Ablenkung durch seine Arbeit an Adrea verstanden hatte. „Ich glaube nicht. Das Jenseits müßte vorbereitete Agenten auf der Erde haben, um sie auf uns zu hetzen. Der Weg über eine Inkarnation dauert viel zu lang, bis da jemand einsatzfähig wird, sind wir... na ja, haben wir unsere Aufgabe erfüllt.“

„Du meinst, wir sind tot“, sprach Adrea das aus, was Michael vermieden hatte.

„Ja.“

„Die Frage ist, ob wir es wirklich tun wollen“, überlegte Odalin.

„Natürlich“, behauptete Adrea. „Die Hüter sind die Guten in diesem Spiel, sonst wäre meine Mutter nicht ihre Chefin.“

„Für uns ist nicht relevant, wer die Guten sind“, erwiderte Michael. Durch seine energetische Verbindung mit Adrea drangen deren Worte schneller in sein Bewußtsein.

„Das verstehe ich nicht.“

„Ich auch nicht“, gab Odalin zu.

„Selbst die Guten können irren“, erklärte Michael. „Wir sind als Dreiheit eine Macht, und wir beabsichtigen eine Operation, die den gesamten Planeten betreffen wird. Es geht nicht darum, ein paar netten Leuten einen Gefallen zu tun, sondern um das spirituelle Gleichgewicht der Erdensphäre. Das geht weit über das hinaus, was Hüter oder Wächter erreichen wollen.“

„Das klingt nach einer gewaltigen Verantwortung“, befand Odalin.

„Ja.“ Michael gab Adrea einen Klaps aufs Hinterteil. „Deine Behandlung ist abgeschlossen.“ Er schaute sich um. „Mein Wärmzauber geht auch zu Ende. Jedenfalls haben wir in den nächsten Jahren zwei Aufgaben: Erstens, wir müssen uns dieser Verantwortung bewußt werden. Und zweitens – wir müssen alles daran setzen, den größten Heilzauber, den jemals jemand gewagt hat, unbeschadet zu überleben.“

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