Karen Vergas

17. Vellon 3572, Mirtotscha, erster Tag

Serenun Vergas verachtete Frauen, die ihren Männern „Migräne“ vorspielten, um ihre ehelichen Pflichten hinauszuzögern oder ihnen gänzlich zu entgehen. Als moderne, aufgeklärte, starke Frau hatte sie das nicht nötig. Gut, auch sie bekam hin und wieder Kopfschmerzen, doch diese ertrug sie klaglos. Sie hielt sich deswegen nicht für besonders tapfer, sondern führte es einfach darauf zurück, daß diese Kopfschmerzen nicht allzu intensiv auftraten und nach längstens einer halben Stunde wieder abklangen.

Erst an diesem Adeskalor lernte sie richtige Kopfschmerzen kennen. Dies war nicht das dumpfe Pochen oder der undefinierbare Druck in einer begrenzten Region des Kopfes, sondern ein heftiger Schmerz, der den ganzen Kopf durchloderte, so als würde der Schädel mit zerstörerischer Gewalt zusammengedrückt. Der grelle Schmerz überdeckte ihre Wahrnehmungen.

Eine innere Stimme versprach ihr Linderung, wenn sie einen Brief schriebe. Sie tat es, ohne zu begreifen, was sie aufschrieb und an wen sie den Brief schickte. Sie brachte den Brief zur Post, zahlte das höchste Porto für die schnellste Zustellung und kehrte wieder nach Hause zurück. Dort überfielen sie die Kopfschmerzen, grausamer als zuvor.

Nakor, ihr Ehemann, brachte sie zum Arzt, doch der stellte nichts fest. Er gab Serenun ein Schmerzmittel, doch dieses half nichts. Sie lag in ihrem Bett und glaubte jeden Augenblick, ihr Kopf würde zerspringen. Ein Ereignis, das sie nur die ersten Stunden fürchtete, dann aber immer mehr herbeisehnte.

Serenun hielt sechs Tage durch, bevor sie ihren Kopf gegen die Wand schlug, wieder und wieder. Dieser Schmerz war nichts gegen das, was sie in den letzten Tagen durchlitten hatte. Zunächst erreichte sie auf diese Weise nur eine Bewußtlosigkeit, einen überaus verlockenden Zustand, in dem alle Schmerzen aufhörten. Doch als sie daraus erwachte, sprangen die Schmerzen sie wieder an wie ein gnadenloses Raubtier.

Nach weiteren Versuchen trat das ein, was Serenun erhofft hatte: ihr Kopf zersprang. Knochensplitter bohrten sich in das Gehirn, richteten schwere Schäden an und durchtrennten Adern. Der Todeskampf dauerte Minuten, doch dann hatte Serenun es überstanden. Das irdische Leben fiel von ihr ab.

Ihre Mutter, die vor vier Jahren gestorben war, erwartete sie an der Schwelle zum Jenseits. Serenun erfuhr, daß sie durch ihren Selbstmord schwere Schuld auf sich geladen hatte, doch daß diese Schuld ihr durch den Herrscher des Jenseits vergeben worden war, da der fortdauernde Todesschmerz in seiner Unerträglichkeit keine andere Erlösung erlaubte.

In Eleulorien erwartete Serenun Vergas ein Mirtotscha ohne Kopfschmerzen. Dort konnte sie in aller Ruhe auf Nakor warten.

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29. Vellon 3572, Mirtotscha, zwölfter Tag

Die heilige Insel hatte Ärzte und Heiler geschickt, nach Mirtotscha, in die nordöstliche Grafschaft der Provinz Nelen. Die Ärzte konnten sich jedoch noch nicht einmal selbst helfen, auch sie litten binnen kurzer Zeit unter den furchtbaren Kopfschmerzen. Jeden Tag breiteten sie sich weiter aus. Längst schon war Poseidonis betroffen, in weiten Teilen der vereinigten Ostlande litten die Menschen.

An diesem 29. Vellon frühstückte Nakor Vergas wieder mit seiner Frau. Oh, er wußte, daß Serenun gestorben war. Seine Kopfschmerzen, die er seit zwei Tagen hatte, schalteten das klare Denken aus. Als Serenun vor ihm stand, gab er ihr einen Kuß und führte sie an den Frühstückstisch. Nakor störte es nicht, daß Darla und Schogal ihre Mutter nicht sahen, es genügte ihm völlig, daß er sie sah.

Serenun versprach Nakor, daß sie ihn holen würde, in eine Welt ohne Kopfschmerzen. Ein paar Tage würde das Leid noch dauern, dann sei alles überstanden. Dann wären sie wieder vereint, für alle Zeiten.

Nakor glaubte an diese Welt, in der Serenun ihn erwartete. Eine Welt, in der keine Schiffe durch Straßen fuhren und die Nachbarhäuser sich nicht in eine Dschungellandschaft verwandelten.

Nakor Vergas merkte nicht, daß er verdurstete, weil er sich nur einbildete zu trinken. Die Wahnvorstellungen und die Kopfschmerzen verhinderten, daß er die Signale bemerkte, die ihm sein Körper sendete. Er starb am 3. Quadris, dem 16. Tag der Katastrophe.

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8. Quadris 3572, Mirtotscha, 22. Tag

Tausende waren bereits gestorben, durch Selbstmord, durch Verdursten oder durch Unfälle, in die sie ihr Wahn getrieben hatte. Mirtotscha war immer noch das Zentrum, doch Erkrankte gab es auf der ganzen Welt.

Um 9:43 Ortszeit begann das Sterben in Mirtotscha. Längst war das öffentliche Leben in der Stadt zusammengebrochen, es gab keinen Chronisten, der diese Uhrzeit notierte. Genauso wenig, wie jemand registrierte, daß das Sterben um 10:21 Uhr aufhörte.

Es dauerte nicht einmal eine Stunde. Von den mehr als 40.000 Einwohnern, die Mirtotscha noch am 17. Vellon gehabt hatte, überlebten nur ein paar Hundert. Die Bürokraten, die alles zählten und erfaßten, notierten weltweit insgesamt 3.518.229 Tote durch diese Ereignisse.

Nach diesem 8. Quadris klangen die Symptome ab, die Kopfschmerzen verschwanden. Viele Menschen, die unter Wahnvorstellungen gelitten hatten, erlangten ihre geistige Gesundheit wieder. Für mehr als zehn Millionen Menschen war es jedoch zu viel gewesen. Sie benötigten eine dauerhafte Betreuung, eine ständige Pflege und oft genug eine geschlossene Anstalt.

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15. Quadris 3572, Poseidonis, Kaiserpalast

Der Große Rat, dem neben dem Kronrat alle Fürsten und Generäle angehörten, faßte auf einer Sondersitzung den Beschluß, die Stadt Mirtotscha zu sengen, sie also zu bombardieren und für alle Zeiten zum Sperrgebiet zu erklären. Zwar hatte diese Krankheit die ganze Welt ergriffen, doch es stand zweifelsfrei fest, daß sie ihren Anfang in Mirtotscha genommen hatte.

Luftaufklärer hatten herausgefunden, daß es einige Überlebende in Mirtotscha gab, doch die Vorschriften zur Beseitigung eines Krankheitsherdes nahmen darauf keine Rücksicht. Ein paar Hundert, ein paar Tausend Tote spielten keine Rolle, wenn es darum ging, eine ganze Welt vor weiteren Mirtotscha-Pandemien zu schützen.

Sechs der acht Bombergeschwader, über die Atlantis in diesen Tagen verfügte, wurden zusammengezogen. Am 2. Tenuris 3912 wurde die Stadt mit Spreng- und Brandbomben angegriffen und völlig zerstört. Nie wieder siedelten sich danach Menschen in Mirtotscha an.

Die Stadt und die Krankheit wurden vergessen; nur einige Staatsarchive enthielten noch ihre Geschichte.

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2. Teralis 12.992, Poseidonis, Sorische Allee 13

- Gegenwart -

Odalin betrachtete sein Gesicht ganz genau im Spiegel. Natürlich störten ihn die kurzen Stoppelhaare, aber mit dem Rest war er ganz zufrieden. Seine Augen strahlten so blau wie früher, Nase, Kinn und Wangenknochen hatte er etwas feiner, aristokratischer ausmodelliert. Seine Hautfarbe hatte er aufgehellt, jetzt besaß er jenen Goldbronzeton, den die meisten anderen Atlanter ebenfalls aufwiesen, zumindest jene, die nicht bei Wind und Wetter draußen arbeiteten.

Bisher hatten sich die Wünsche des Vierzehnjährigen bezüglich körperlicher Verschönerungen eher in Richtung noch mehr und noch effektivere Muskeln bewegt, doch seit vor zwölf Tagen ein besessener Magier ihn zu einem kaum noch lebensfähigen Stück Kohle verbrannt hatte, achtete Odalin sorgfältig darauf, daß die Heilung im gewünschten Sinne fortschritt.

Zunächst hatte ihn ein Bad mit Salzwasser und Rhimor-Kristallen am Leben erhalten. Tierblut vom Schlachthof, rohe Eier sowie reichlich Magie ergänzten dieses Heilbad. Heute schüttelte sich Odalin bei dem Gedanken, noch einmal in eine solche Brühe steigen zu müssen, doch sie hatte ihn gerettet.

Zusammen mit Adrea und Michael hatten sie den Magier besiegt und den höllischen Geist, der ihn lenkte, mit einem gewaltigen Denkzettel ins Jenseits zurück getrieben. Trotz des Herbstfestes hatte Odalin das Wochenende zu Hause verbracht. Jetzt hingegen fand er sich stadtfein. Er hatte entschieden, heute ein paar Schulden zu begleichen.

„Wir können los“, rief Odalin, um Michael, seinen Mitbewohner zum Aufbruch zu drängen. Anders als Odalin würde Michael auf den Straßen weiterhin auffallen. Seine helle Haut und seine braunen Haare wiesen ihn als Meidonier aus, genauer, als Eonater. Nur leider waren die Meidonier vor 10.000 Jahren ausgestorben, deshalb fiel ein Weißer überall auf.

Der Herzog der Feuchtlande hatte Michael auf einem Jagdausflug gefunden und die exotische Trophäe als „Waldmensch“ mit in sein Schloß genommen. Dort mußte Odalin ihn zunächst betreuen. Aus der anfänglichen Abneigung – kein Sklave mochte es, wenn ihm mehr Arbeit aufgehalst wurde – erwuchs bald ein Gefühl der Vertrautheit und der Zuneigung. Michael war vier Monate jünger als Odalin, aber zugleich auch zwanzig Jahre älter.

Er hatte fast 33 Jahre auf einer anderen Erde gelebt, in einem parallelen Universum, bis ihm eine Klonkammer einen neuen Körper erzeugt hatte. Ursprünglich hatte sich Michael gefragt, wieso sein Bewußtsein in dieses Universum geholt worden war. Inzwischen wußte er, daß er in dieses Universum gehörte, seine Seele bereits mehrere Leben hier verbracht hatte. Heute fragte er sich, wie seine Seele zeitweilig in jenes andere Universum gelangt war.

Dort hatten die Meidonier überlebt, dort, in jener fremdartigen Stadt namens Würzburg, wäre er ein alltäglicher Anblick gewesen.

Den ehemaligen Sklaven gehörte heute ein kleines Häuschen im südlichen Stadtbezirk von Poseidonis. Das Geld dafür hatten sie ganz legal herbeigezaubert. Wobei diese Legalität dadurch zustande kam, daß die Magier von Atlantis kein Verfahren kannten, das es erlaubte, Kieselsteine in Goldmünzen zu verwandeln. Sonst wäre das gewiß verboten gewesen.

Michael verschloß die Haustür hinter sich. Weder er noch Odalin benutzten dafür einen Schlüssel. Einen Zauber verlegte man nicht, er steckte nie in der falschen Hosentasche und eine derart verriegelte Tür stellte jeden Einbrecher vor ein weit größeres Problem als ein normales Schloß.

Odalin eilte in Richtung Straßenbahnhaltestelle davon. Hätte Odalin Michael getragen, wären sie bestimmt schneller vorangekommen. Der Eonater hatte zwar viel von seinem Übergewicht verloren, er war trotzdem noch 50 Pfund schwerer als der fast gleich große Odalin. Immerhin hielt er den forcierten Marschschritt des Atlanters, ohne dabei außer Atem zu kommen.

Ihr Ziel lag im Hafenviertel, eine Villa in der besseren Gegend. Odalin prüfte, ob Michael bei Atem war, dann zog er die Klingelschnur.

In der massiven Tür öffnete sich ein Fenster. „Was... Oh... Was wollt ihr?“

„Nur mit deinem Boß sprechen“, erwiderte Odalin. „Wir schulden ihm noch Geld.“

Laut seiner Stimme stand ein kräftiger Mann hinter der Tür. Dies bezog sich allerdings nicht auf seine Geistesgaben, denn er brauchte einige Sekunden, um zu entscheiden: „Ich sag’s ihm. Aber schlagt bitte nicht die Tür ein!“

„Keine Sorge, wir kommen in Frieden“, versicherte Odalin feixend. Als früherer Sklave genoß er den Respekt, der ihm hier gezeigt wurde.

Nach einer Weile öffnete sich die Tür. „Don Binaris erwartet euch.“

Odalin taxierte den Türwächter, doch er konnte sich nicht erinnern, ob er ihn bei seinem letzten Besuch niedergeschlagen hatte. Die Schläger des Syndikats waren alle kräftig gebaute und hochgewachsene Männer, auf das Gesicht hatte er nicht geachtet.

„Da hinten rechts.“

„Danke, wir kennen den Weg“, versicherte Odalin. Er nickte den anderen Türwächtern, die ihm von der Tür ihres Bereitschaftsraums mißtrauisch beobachteten, freundlich zu.

Die Tür zum Büro des Gangsterbosses stand weit offen. Laut Michael sah dieser einem Mann ähnlich, den er auf jener anderen Erde getroffen hatte, einem Fürsten Hindenburg. Wobei der Atlanter den Titel nach dem Amt und der Größe des Herrschaftsgebiets übersetzt hatte, weil er mit „Reichspräsident“ nichts anzufangen wußte.

Neben dem Schreibtisch stand ein ebenfalls recht eindrucksvoll gebauter Mann, der Odalin fassungslos anschaute. Bei ihm war sich Odalin sicher, daß er ihn schon verprügelt hatte. Andererseits hatte Trebor Agos ihnen die Waren ins Haus geliefert, deshalb bekam er ebenfalls ein freundliches Kopfnicken.

„Der Große Sun segne Sie, Don Binaris“, begrüßte Odalin den Boß.

„Der große Sun segne Sie“, erwiderte Don Binaris.

„Das... das gibt’s doch nicht...“, stammelte sein Leibwächter. „Don Boß, der Junge war verbrannt, völlig verbrannt! Ich schwör’s!“

Odalin seufzte und knöpfte sein Hemd auf. „War ich auch.“ Er zog das Hemd aus und führte seine samtige Haut und seine beeindruckende Muskulatur vor. „Haben wir schon erwähnt, daß wir über gewisse Heilfähigkeiten verfügen?“

Beide Männer schluckten, worauf Odalin sich wieder ankleidete. „Wir wollten uns für die Lieferungen bedanken. Was sind wir Ihnen schuldig?“

„Die Kalledrische Pyramide hat einiges gekostet“, erwiderte Don Binaris. „Aber die zweihundert Taler, die Sie uns geschickt haben, haben mehr als ausgereicht. Sie bekommen sogar noch Geld zurück.“

Odalin winkte ab. „Behalten Sie es, als Ausgleich für die zwei Türen, die ich beim letzten Mal eingetreten habe.“

„Danke, sehr freundlich.“ Der Boß lächelte freundlich. „Das wäre Schutzgeld für drei Jahre gewesen, nur zu Ihrer Information. Wir sind nicht so teuer, wie Sie womöglich meinen.“

„Oh“, entfuhr es Michael, der bis jetzt geschwiegen hatte.

„Wobei mir in Ihrem Fall eine andere Form der Zusammenarbeit vorschwebt“, fuhr der Hausherr fort. „Ich denke, wir können uns gegenseitig von großem Nutzen sein.“

Diesmal antwortete Michael: „Ich glaube nicht, daß es in unserem Interesse liegt, uns an Ihren... Geschäften zu beteiligen. Und schon gar nicht werden wir in Ihrem Auftrag Gewalt anwenden.“

Ein großer Mann betrat das Büro. Unter seinem linken Arm trug er ein Paket, das er umständlich auf den Schreibtisch legte, wobei sein rechter Arm die ganze Zeit schlaff herunterhing.

„Das ist Nakor Edes, Ihnen ist bestimmt schon aufgefallen, wie Sie ihm helfen könnten.“

„Ihre Leute sind keine Sunmeister“, wandte Odalin ein. „Da sollte jeder Heiler des Sorischen Ordens helfen können.“

Der Boß lächelte. „Ich habe Erkundigungen eingezogen. Was auf der ANTARA passiert ist, übersteigt alles, was selbst Meister des Ordens vermögen. Nakor kann jedenfalls keiner mehr helfen. Selbst Sie brauchen Freunde – und wir, meine Organisation, kann Ihnen bei Problemen helfen, die sonst niemand lösen kann. Glauben Sie etwa, Kalledrische Pyramiden werden einfach so verkauft? Sie müssen Rang und Namen im Orden haben, um eine solche zu bekommen. Diese hier ist für Sie, denn WIR bekommen solche Objekte.“

Michael seufzte leise. „Na gut, schauen wir uns Herrn Edes einmal an. Odalin, hilfst du ihm bitte beim Ausziehen?“

Jetzt staunte der Gangsterboß. „Oh? Sie fackeln wirklich nicht lange, alle Achtung.“

Nakor besaß einen beeindruckenden Oberkörper, in seiner rechten Schulter trübte eine verwachsene Narbe das Bild. Der linke Arm war mit Muskeln bepackt, der rechte Oberarm hingegen durch mangelnden Gebrauch verkümmert.

„Wir haben generell medizinische Probleme“, erklärte Don Binaris. „Verletzungen dieser Art behandeln Ärzte nicht sonderlich gerne – und selten gut. Deshalb bräuchten wir verläßliche Heiler.“

Odalin und Michael gingen darauf nicht ein, sie untersuchten statt dessen die Verletzung. „Sehr gut getroffen. Die Sehne durchtrennt und die Nerven, überdies sind die Muskeln schlecht zusammengewachsen. Don Binaris, das sieht aus, als wäre diese Verletzung überhaupt nicht versorgt worden.“

„Wir konnten Nakor gerade verbinden“, antwortete der Boß. „Krankenhäuser können wir leider nicht beeinflussen.“

„Die Sehne mußt du verlängern“, bestimmte Odalin. „Ich kümmere mich um die Nerven.“

„Du solltest ihn betäuben“, schlug Michael vor. „Das wird schmerzhaft.“

„Na gut.“ Ehe Nakor richtig verstanden hatte, griff ihm Odalin in den Nacken und betäubte ihn mit einem Nervenstich.

Michael zog die Sehnenenden telekinetisch zusammen, Odalin verband sie. Für die Muskeln benutzte der Eonater eine neue Technik, den telekinetischen Schnitt. Odalin reparierte die Nerven und kümmerte sich um die Narbe. Gemeinsam prüften sie die Motorik und das Zusammenspiel von Muskeln und Sehnen. Zuletzt belegte Michael den verkümmerten Oberarm mit einem Zauber, der den Wiederaufbau der Muskeln förderte.

„Wecken wir ihn auf“, schlug Michael vor.

„Das war schon alles?“, staunte Don Binaris. „Das hat keine fünf Minuten gedauert!“

Odalin stimulierte einige Nerven, worauf Nakor erwachte. Er zuckte erst einmal zusammen, schlug instinktiv nach Odalin, der mit Leichtigkeit auswich. Dann schaute der Mann völlig verblüfft auf seinen rechten Arm. „Boß... Don Binaris... Ich kann meinen Arm wieder bewegen!“

„Natürlich“, erklärte ihm Odalin. „Aber jetzt mußt du tüchtig trainieren, damit du groß und stark wirst.“

„Sogar die Narbe ist weg“, fügte Don Binaris hinzu. „Das ist unglaublich! Ich habe zwar von Ihren Fähigkeiten gehört, aber sie zu sehen ist noch einmal etwas ganz Anderes.“

„Was wir können, haben wir Ihnen gerade gezeigt“, antwortete Odalin. „Wir gehen davon aus, daß damit unsere Schulden bezahlt sind. Jetzt wäre interessant, was Sie für uns tun können.“

„Ist Ihnen aufgefallen, wie schnell und problemlos Ihre Möbel geliefert worden sind?“

„Ja, aber...“

„Da haben wir nachgeholfen“, berichtete Don Binaris. „Wir haben den Firmen gesagt, daß wir es schätzen würden, wenn es keine Probleme gäbe.“

„Hm.“

„Dann können wir alles beschaffen, was Sie benötigen.“

„Auch Adressen?“, fragte Michael. „Wir suchen eine Astrologin namens Karen Vergas.“

„Die bringen wir Ihnen gerne“, versicherte der Boß.

„Wir würden sie lieber in Frieden aufsuchen“, widersprach Michael. „Die Adresse genügt uns völlig.“

„Wie Sie wünschen.“

„Algomarstraße 35“, meldete sich Trebor Agos. „Ziemlich ärmlicher Laden, da ist nichts zu holen.“

„Wir wollen dort nur ein paar Auskünfte – die für Sie leider ohne Wert sind“, erklärte Odalin. „Es wäre deshalb nicht sinnvoll, wenn Sie vorher mit Frau Vergas reden würden.“

„Haben wir nicht vor“, antwortete Don Binaris. „Wir wissen schließlich, daß auch Sie überaus überzeugend sein können.“

„Wo ist diese Algomarstraße?“, erkundigte sich Michael.

„Ihr geht aus dem Haus, nach links bis zur Schreibergasse, dort links und vier Straßen weiter seid ihr schon dort“, berichtete Agos. „Is nich zu verfehlen.“

„Danke.“

„Keine Ursache, is mei Bezirk.“ Etwas weniger selbstsicher setzte Agos hinzu: „Macht ihr auch Zähne?“

„Trebor!“, rief Don Binaris leise, aber mit deutlich strafendem Ton.

„Das haben wir bis jetzt noch nicht versucht“, erwiderte Michael. „Löcher in Zähnen wachsen schließlich nicht zu.“

„Rausschlagen und nachwachsen lassen ginge“, überlegte Odalin. „Das dauert aber ein paar Wochen.“

„Vielleicht Gold-Inlays?“, führte Michael den Gedanken weiter.

„Gold?“, staunte Odalin.

„Ja, das wäre am verträglichsten“, belehrte ihn Michael. „Reines Gold ist jedoch zu weich, wir müßten es legieren... Wir denken mal darüber nach.“

„Können Sie wirklich alles heilen?“, fragte Don Binaris.

„Bisher konnten wir es“, antwortete Odalin gelassen.

„Wenn Sie eine Praxis aufmachen wollen, helfen wir Ihnen gerne.“

„Vielleicht sollten wir...“, begann Michael.

„Jetzt laß uns doch erst mal richtig in Poseidonis ankommen“, bremste ihn Odalin. „Jetzt machen wir erst mal ein paar Tage Urlaub und finden heraus, wo es die besten Gavas gibt.“

„Bei Wegar Kalims, am Kaiserin-Ostara-Platz“, verriet Don Binaris. „Gut zu erreichen mit der Straßenbahn.“

Odalin maß ihn dafür mit grimmigen Blicken.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, befürchtete das Oberhaupt des Syndikats.

Michael lächelte freundlich. „Odalin war mehr an einem empirischen Feldversuch als an einer schnellen Lösung gelegen. Allerdings können wir den trotzdem durchführen, um Ihre Behauptung zu verifizieren.“

Jetzt bekam Michael den strengen Blick Odalins zu spüren.

„Du probierst solange, bis du sicher bist, daß es stimmt“, übersetzte der Eonater bereitwillig.

„Ach so... Ja, machen wir.“ Odalin stand auf. „Am besten, wir beginnen gleich damit.“

„Die Pyramide ist dabei ein wenig unhandlich“, erinnerte Don Binaris an das Paket auf seinem Schreibtisch.

Odalin schnippte mit den Fingern, blickte Michael auffordernd an und deutete auf das Paket. Der Eonater seufzte leise und teleportierte es nach Hause, auf ihren Dachboden.

„Jetzt nicht mehr“, kommentierte Odalin. „Der Große Sun segne Ihren Tag.“

*          *          *

Odalin beschloß, seine Gava-Untersuchungen mit einer sicheren Referenz zu beginnen. Dafür suchte er den Imbiß von Herrn Kalims auf. Anders als die Gavabuden, die er bisher kennengelernt hatte, war „Kalims“, wie es über dem Eingang stand, ein gut besuchter Restaurationsbetrieb mit noch besser besuchtem Straßenverkauf. Solche Betriebe sahen in allen Universen ähnlich aus: leicht zu reinigende Fließen, leicht zu reinigendes Mobiliar, eine Verkaufstheke mit Selbstbedienung – und zahlreiche Besucher, die sich am beschränkten Angebot labten. In einem Punkt behielt Don Binaris recht: Hier gab es die besten Gavas, die Odalin je gegessen hatte.

Nach diesem Erfolgserlebnis suchte Odalin allein nach dem Laden von Karen Vergas. Michael wäre zu sehr aufgefallen, schließlich wußte die Astrologin, wer sie drei waren. Für Odalin genügte ein kleiner Tarnzauber, der ihm braune Augen verschaffte.

Ohne die Beschreibung wäre Odalin an dem kleinen Laden vorbeigelaufen, so unauffällig sah er aus. Frau Vergas bot Beratungen am Al-Perestor an, allerdings nach Vereinbarung. Odalin entschied, eine solche Vereinbarung zu treffen, und betrat den Laden.

In der Luft lag ein leichter Essensgeruch, eine Wand war mit einem Regal voller Bücher und Ordner zugestellt. Ein Tisch mit einigen abgewetzten Stühlen vervollständigte die Einrichtung. Immerhin wirkte alles sehr sauber.

„Der Große Sun segne Ihren Tag“, begrüßte ihn eine kleine, allerdings durchaus beleibte Frau.

„Der Große Sun segne Ihren Tag“, antwortete Odalin automatisch. Nach einigen Sekunden drückender Pause setzte er hinzu: „Ich hätte gerne eine Beratung, allerdings am Al-Perestor.“

„Am Al-Perestor?“, fragte die Frau zurück. „Das mache ich nur ungern.“

„Meine Freundin hat nur am Al-Perestor Zeit“, erwiderte Odalin.

„Na ja, das verstehe ich. Allerdings kostet eine Beratung Geld“, eröffnete die Astrologin. „Am Al-Perestor ist es leider ein wenig teuerer.“

„Wie viel? Und wann können wir kommen?“

„Fünf Taler – für die ersten zwei Stunden. Ab neun Uhr.“

Odalin zuckte mit den Schultern. „In Ordnung.“ Er legte fünf Taler auf den Tisch. „Wir haben viele Fragen und wollen alle Auskünfte.“

„Dann benötige ich noch die Geburtsdaten“, verlangte Frau Vergas. „Wenn möglich, mit Uhrzeit. Auf diese Weise kann ich die Horoskope vorbereiten.“

„Die weiß ich nicht, das müßten wir am Al-Perestor machen.“

„Das kostet viel Zeit“, gab die Astrologin zu bedenken.

„Das ist in Ordnung.“

„Gut, dann sehen wir uns am Al-Perestor.“

Erst unterwegs fiel Odalin auf, daß er keine Quittung erhalten hatte. Er zuckte mit den Schultern und ging weiter. War Frau Vergas ehrlich, benötigte er keine, wollte sie ihn betrügen, dann würde er das am Al-Perestor regeln.

Michael hatte die Teile der Kalledrischen Pyramide ausgebreitet und sich damit begnügt, die mitgelieferten Kristalle für die Ecken der Pyramide mit Rhimor-Kristallen aufzurüsten. Ein solches Gerät hatten sie bei Fürst Ravost benutzt, um ein Medikament herzustellen. Dank der Rhimor-Kristalle hatte sich der Effekt deutlich verstärkt. Dies wollte der Eonater natürlich für seine eigene Pyramide nutzen.

Odalin nutzte seine Ausbildung als Goldschmied und setzte die Pyramide schnell zusammen. Das Modell war ein wenig größer als das in Tedoris, folglich sollte das Feld mindestens ein Galos an Flüssigkeit bestrahlen können.

„Bestens“, freute sich Michael.

„Hier können wir die aber nicht stehen lassen“, wandte Odalin ein. „Den Platz brauche ich, um mit Adrea zu trainieren.“

Michael deutete auf eine Kommode. „Da stellen wir sie hin, als Staubfänger.“

„Eigentlich sollten wir damit mehr anfangen können“, meinte Odalin.

„Ja, wir erzeugen eine D6-Lösung auf Vorrat“, schlug Michael vor.

„Ein Galos? Hm... Nicht gerade viel... Das wären gerade mal 32 Dosen.“

Michael zuckte mit den Schultern. „Für deine Heilung wäre das recht nützlich gewesen. Wenn wir D6 bereit haben, können wir daraus schnell D7 herstellen – und das wären 320 Dosen.“

„Hm... Ein paar Mittel mehr wären ganz nützlich“, überlegte Odalin. „Aber noch mehr so sperrige Dinger möchte ich nicht aufstellen.“

„In einem anderen Zimmer vielleicht?“

Odalin antwortete mit einem abweisenden Blick, worauf Michael seufzte und den Plan aufgab.

„Na gut – darf ich um einen Tropfen Blut bitten?“

Odalin stöhnte auf und hielt ihm die Hand hin. „Wenn wir das Blut sowieso zerstören, könnten wir auch deines nehmen.“

„Du bist der Atlanter – dein Blut ist verträglicher.“

Odalin brummte leise. Natürlich hatte er gewußt, daß diese Antwort kommen würde. Michaels Körper war in einer Klonkammer entstanden, deshalb benutzten sie es nicht für Medikamente.

Odalin befahl dem Tropfen, einfach auszutreten. Wozu sollte er unnötig eine Nadel benutzen? Michael fing den Tropfen auf und versetzte ihn mit neun Tropfen destilliertem Wasser. Dieser Urtinktur prägte er eine Agapische Signatur auf und stellte sie in die Pyramide.

„Weil wir sowieso schon angefangen haben, sollten wir gleich weitermachen“, schlug Michael vor. „Wenn wir die Glasflaschen mit Rhimor-Kristallen in den Deckeln versehen, erhalten diese die Aufladung.“

„Wir? Das ist deine Aufgabe“, erwiderte Odalin. „Ich kann keine Rhimor-Kristalle herstellen.“

„Stimmt – aber du kannst ein paar Steine mit einer Agapischen Signatur versehen. Wenn Don Binaris das mit den Heilungen ernst meint, benötigen wir bald Goldstaub für Zahnfüllungen.“

„Was ist mit meiner empirischen Studie der Gavabuden?“, wandte Odalin ein.

„Die halbe Stunde wirst du wohl opfern können. Und wenn du danach losziehst, schau dich um, ob wir noch mehr solche Glasflaschen bekommen. Wir brauchen mindestens noch ein Dutzend, wenn das hier eine funktionierende Praxis werden soll.“

Odalin grummelte ein wenig, doch da er damit keinen Erfolg erzielte, begann er mit der Arbeit.

*          *          *

Ein Stein benötigte mehrere Prägezauber, bevor seine Aufladung für eine Transmutation ausreichte. Odalin hatte demnach auch am nächsten Tag noch damit zu tun. Am Nachmittag suchte er nach einer Apotheke, um dort Glasflaschen zu kaufen, sowie nach unbekannten Gavabuden, um Kalims zu übertreffen. Dabei entdeckte er an einem Gebäude, das wie eine große Behörde aussah, ein Schild mit der Aufschrift „Sunschule Saris“ und „Bürozeiten 14 bis 17 Uhr“.

Zwar hatte Odalin immer noch keine Glasflaschen gefunden, doch eine Sunschule erachtete er für vergleichbar nützlich. Im Gebäude fand er eine verschlossene Metalltür, zwei Türen, die zu Toiletten führten, und eine weitere Tür, auf der wiederum „Sunschule Saris“ zu lesen stand. Hier klopfte er an und wartete auf das Herein.

Hinter einem Schreibtisch arbeitete ein etwa 35jähriger drahtig gebauter Mann in einem Aktenordner. Er trug die Abzeichen der siebten Kaste.

„Der Große Sun segne Ihren Tag. Mein Name ist Odalin und ich wollte mich nach der Sunschule erkundigen.“

Der Mann musterte Odalin und nickte. „Ich bin Meister Saris, der Inhaber der Sunschule. Wenn du willst, kannst du an einem Probetraining teilnehmen. Warst du schon mal in einer Sunschule?“

„Nein. Aber ich habe in Ventria... Privatunterricht bekommen.“

„Privatunterricht?“, staunte Saris. „Den erhalten doch höchstens Adlige!“

„Und deren Sklaven“, gestand Odalin.

„Ach so, du warst der Prügelknabe.“

„Ja.“

„In einer Sunschule läuft das völlig anders“, erklärte der Sunlehrer. „Wie alt bist du?“

„14.“

„Hast du eine Prüfung abgelegt? Ich meine, hast du einen Grad im Sun erlangt?“

„Ja, ich bin Sunmeister.“

Jetzt lächelte der Sunlehrer. „Ja, bestimmt. Komm heute abend vorbei, das Training beginnt um 17:30 Uhr. Falls du keinen Sunanzug hast, reicht fürs erste bequeme Sportkleidung. Sei rechtzeitig da, um dich umzuziehen, denn um 17:30 Uhr schließe ich die Umkleideräume ab. Wenn du mitmachen willst, der Unterricht kostet einen Taler pro Monat. Trainiert wird mindestens an drei Abenden pro Woche. Hast du noch eine Frage?“

„Äh, ja. Gibt es hier irgendwo eine Apotheke? Ich müßte da etwas besorgen.“

„Ja.“ Der Sunlehrer beschrieb Odalin den Weg. Dieser führte an einer Gavabude vorbei, worauf Odalin das Angenehme mit dem Nützlichen verband. Die Gier erwies sich als nützlich, denn auf dem Rückweg trug Odalin einen ganzen Karton voller verstaubter Glasflaschen in verschiedenen Größen, von denen sich der Apotheker bereitwillig und gegen die Zahlung von 2,50 Talern getrennt hatte.

Dem ersten freudigen Aufblitzen von Michaels Augen folgte nach einer ersten Schnüffelprobe ein deutsches Wort, das eindeutig Mißfallen ausdrückte. Auf Atlantisch fluchte der Eonater weiter, weil er diese Sammlung antiker Glaserkunst erst einmal gründlich reinigen mußte. Odalin klopfte ihm beruhigend auf die Schulter und erklärte, daß Michael dafür den ganzen Abend Zeit hätte, weil er selbst eine Sunschule aufsuchen wollte. Die sich anbahnende Explosion umging Odalin mit dem gönnerhaften Hinweis, daß er selbstverständlich vorher noch seine Steine behandeln würde.

Michael ließ sich den Weg zur Apotheke erklären, um dort ein Lösungsmittel zu erstehen, mit dem er die Reinigung einiger Flaschen abschließen wollte. Erst als Odalin sein Wissen preisgegeben hatte, erfuhr er, daß dieses Lösungsmittel hochprozentiger Alkohol sein würde.

Odalin behandelte seine Steine, half noch eine gute Stunde beim Spülen und verließ mit Michael das Haus. Bis zur Sunschule hatten sie den gleichen Weg.

Odalin langte dort kurz nach 17:00 Uhr an. Jetzt war die Stahltür offen und erlaubte den Zugang zu zwei Umkleideräumen. Odalin wurde nicht weiter beachtet. Um ihn herum zogen sich Kinder und Jugendliche um, Odalin schätzte sie auf zehn bis zwanzig Jahre. Vor allem die Älteren besaßen schlanke, muskulöse Körper, die auf mehrere Jahre Training schließen ließen.

Odalin schlenderte in die Halle hinein. Dort wurde er angerufen. „Bist du neu hier?“

„Ja.“ Der Anrufer war ein paar Jahre älter und folglich größer als Odalin. Er trug ein auffälliges rotes Haarband.

„Das merkt man. Wie du siehst, verbeugen sich die Anderen kurz, bevor sie die Halle betreten.“ Er deutete auf sein Band. „Das gilt mir, ich bin der amtierende Hallenmeister. Du zeigst damit deinen Respekt vor dem, was dir hier gelehrt werden wird.“

Odalin beobachtete, daß die anderen Schüler sich tatsächlich in Richtung dieses Hallenmeisters verbeugten, folglich zuckte er mit den Schultern und verbeugte sich ebenfalls.

„Gut gemacht! Du kannst dich ein wenig aufwärmen.“

Odalin beschloß, daß ihm ein langsames Spazieren als Aufwärmübung genügte. Andere Schüler vollführten Dehnungsübungen, übten Tritte, spielten mit einem Ball oder durchquerten die Halle im leichten Dauerlauf. Odalin hätte nie geglaubt, daß Sun in derart großen Gruppen unterrichtet wurde.

Nach einigen Minuten klatschte der Hallenmeister in die Hände. „Aufstellung!“

Odalin reihte sich in die Schüler ein, die ein ziemlich geordnetes Raster bildeten.

„Hinknien!“ Da sich alle knieten, folgte Odalin dem Beispiel. Der Hallenmeister schaute zur Tür, durch die Meister Saris die Halle betrat. Vor ihm verbeugte sich der Hallenmeister, ging an einen Platz seitlich vor der Front der Schüler und kniete sich ebenfalls ab. Der Meister selbst kniete sich den Schülern gegenüber.

„Der Große Sun segne euch und diese Schule“, rief der Hallenmeister.

„Der Große Sun segne uns alle“, antworteten die Schüler und verbeugten sich im Knien.

Jetzt sagte Meister Saris: „Der Große Sun sende euch die Kraft und die Ausdauer, die Lehren zu beherrschen, sowie die Weisheit, euch nicht von ihnen beherrschen zu lassen.“ Auch er verbeugte sich vor den Schülern.

„Wir haben heute ein paar neue Schüler. Nach der Gymnastik geht ihr nach dort hinten und trainiert mit Adolan. Dann fangen wir an!“

Die Sungymnastik strengte Odalin nicht besonders an. Er fand, daß hier sogar Michael mithalten könnte. Einige Schüler schwitzten und keuchten jedoch beachtlich.

Adolan, der die Anfänger trainierte, erwies sich als jünger als Odalin. Er postierte die Neuen in der vordersten Reihe und zeigte ihnen den geraden vorwärts gerichteten Fauststoß. Er ließ die Gruppe üben und kontrollierte die vier Neuen intensiv. Auch Odalin bekam Kritik über seine unsaubere Technik zu hören. Odalin ließ alles geduldig über sich ergehen.

Erst bei den Partnerübungen schüttelte er schließlich den Kopf. Adolan wollte, daß der eine Partner einen Schlag blockte, um dann mit der anderen Faust zuzuschlagen.

„Was ist? Gefällt dir diese Technik nicht?“, knurrte Adolan.

„Ich würde das nie so machen“, gestand Odalin.

„Ach? Was würdest du machen?“

Odalin zuckte mit den Schultern und forderte seinen Gegenüber auf, ihn zu schlagen. Er blockte wie gewünscht, ließ aber sogleich die blockende Hand vorschnellen. Als nächstes deutete er einen Tritt an.

„Wenn ich in die Verteidigung eingedrungen bin, nutze ich das sofort. Entweder ich schlage den Gegner direkt nieder, oder ich öffne ihn wenigstens für den eigentlichen Angriff.“

„Das ist absoluter Blödsinn, so ein Schlag gelingt niemals“, knurrte Adolan. „Und jetzt übst du gefälligst das, was ich dir vorgebe.“

Odalin seufzte und spielte mit. Er hatte in einer Sunschule trainieren wollen, also tat er das jetzt auch.

Nach einer guten Stunde rief Meister Saris die Runde zusammen. „Vor der Abschlußgymnastik noch ein wenig Freikampf. Bitte die Treffer nur andeuten! Falls jemand mit Nakor Dergos oder Schogal Ekon möchte?“

Nakor Dergos war der Hallenmeister von vorhin. Vor der Entscheidung, mit einem der Anfänger zu spielen oder mit einem Gegner, der wenigstens ein bißchen Können versprach, meldete sich Odalin sofort.

„Du?“, staunte Meister Saris. „Na gut... Mal sehen, was Adolan dir beigebracht hat.“

Odalin nickte tapfer und verbarg mühsam ein Feixen. Da jetzt alle nur noch ihm zuschauten, würde das freie Training wohl ausfallen.

Meister Saris begriff, daß er besser dafür sorgte, daß diese Unterbrechung nicht zu lange dauerte. „Aufstellung – verbeugt euch – jetzt vor mir – bereit?“

„Ja.“ – „Ja.“

„Kämpft!“

Odalin ließ seine Deckung weit offen, trotzdem tastete ihn sein Gegner erst einmal vorsichtig ab. Odalin wich nur aus. Endlich traute sich der Hallenmeister einen geraden Faustschlag zu. Odalin blockte, tippte ihm kurz auf den Hals und sprang eine ToCara hinterher. Danach zog er sich zurück.

„Das... Das war ein interessantes Manöver“, kommentierte Meister Saris. „Aufstellung!“

„Wieso?“, wunderte sich Odalin. „Der Kampf ist doch entschieden!“

„Nein, das war ein unkontrollierter Sprung“, behauptete der Sunlehrer.

„Na schön.“ Odalin stellte sich wieder bereit.

„Kämpft!“

Odalin zeigte einen Vorwärtsfußtritt in die Brust. Er ließ sein Bein nur ansatzweise zurückfedern und trat sofort in Richtung Kinn nach.

„He!“

Odalin grinste nun breit. „Ja, ich weiß, das war ein unkontrollierter Tritt.“ Er stellte sich wieder auf.

„Äh, ja. – Kämpft!“

Odalin tauchte unter dem Schlag durch, packte Nakor, hob ihn hoch und faltete ihn in der Luft zu einem handlichen Paket zusammen. Er legte ihn sanft ab und hielt ihn mit einem Arm fest.

„Ist das jetzt auch unkontrolliert?“

„Äh... Ich... Nakor?“

Der Hallenmeister strengte sich an, doch die Hebelverhältnisse wirkten sich gegen ihn aus. „Ich... komm nicht raus!“

„Doch“, versicherte ihm Odalin. „Du mußt nur ‚Bitte’ sagen, oder ‚Ich gebe auf’, oder etwas in dieser Art.“

„Verdammt noch mal!“

„Ja, das reicht mir“, lachte Odalin und gab ihn frei.

„Ich gebe auf“, versicherte Nakor. „Sowas habe ich noch nie gesehen.“

Odalin zuckte mit den Schultern und schaute Meister Saris an. „Glauben Sie mir jetzt, daß ich Sunmeister bin?“

„Äh... ja. Wer war dein Lehrer? Also, der Privatlehrer?“

„Meister Gerlos“, antwortete Odalin bereitwillig.

„Ja, den habe ich ’89 bei den Offenen Sunmeisterschaften gesehen, ein verdammt harter Bursche“, meinte Meister Saris. „Und der hat dich auch geprüft?“

„Nein, das war Lord Agerias.“ Durch die Reihen der Sunschüler ging ein erstauntes Raunen. „Meister Gerlos hat mich nur herausgefordert... Ich habe ihm nur ein paar Rippen und den Unterarm gebrochen, ihm also fast nichts getan.“

„Aber du bist doch erst 14?“, staunte der Meister.

„Gerlos hat das nicht gestört – und mich auch nicht“, versicherte Odalin. „Sollte hier nicht trainiert werden? Wie hieß der Zweite, der hier Kampf­erfahrung braucht? Schogal Ekon?“

„Ich weiß nicht... Niemand läßt sich gerne Knochen brechen“, wandte Meister Saris ein.

„Stimmt, das tut ziemlich weh“, meinte Odalin. „Aber erstens beherrsche ich meine Schläge, zweitens lassen sich Knochen fast so schnell heilen wie brechen.“

„Außer bei Sunmeistern“, knurrte der Sunlehrer.

„Auch bei Sunmeistern“, korrigierte Odalin. „Sorische Allee 13, falls Sie die Adresse brauchen. Dort wird alles geheilt – und jeder. Können wir?“

„NEIN!“

„Na gut, dann muß ich mich woanders nach Trainingspartnern umsehen.“

„Am besten im Suntempel“, rief einer der Sunschüler.

„So lieb hat mich Lord Agerias bestimmt nicht, daß er mich dort sehen möchte“, seufzte Odalin. „Dann also Abschlußgymnastik?“

„Ja – Aufstellung!“

Die Abschlußgymnastik wurde hart, zumindest für die meisten Schüler. Odalin bewältigte sie ohne Probleme.

Odalin hatte angenommen, daß er hier nicht mehr willkommen wäre, doch Meister Saris rief ihn zu sich ins Büro, als er gerade nach Hause gehen wollte.

„Ich habe ein paar Fragen zu dem, was du mit Nakor gemacht hast“, eröffnete der Sunlehrer das Gespräch.

Odalin fiel auf, daß Adolan ebenfalls im Büro saß. „Ich habe ihm doch gar nichts getan?“

„Nein, aber du hättest es gekonnt, nicht wahr?“

Odalin zuckte mit den Schultern. „Natürlich.“

„Was hat er falsch gemacht?“

Odalin lachte auf. „Praktisch alles! Ich habe meine Deckung offen gelassen, ohne daß er es bemerkt hat. In einer solchen Situation schlägt man eine Finte, und sollte die durchkommen, beendet man den Kampf. Nakor hat mich abgetastet, ohne überhaupt in Reichweite zu kommen. Dann endlich der Vorwärtsschlag... Da ist er voll in die Falle gegangen.“

„Wieso?“, fragte Adolan dazwischen.

„Ich bin in Rechtsauslage gegangen, damit ich nach außen blocken konnte.“ Odalin stellte Meister Saris auf. „Jetzt sind wir beide in Linksauslage. Sie schlagen mit der Führhand zu, ich kann mit meiner Führhand blocken. Damit drehe ich meine Schlaghand weg und komme Ihrer Schlaghand näher. Gehe ich in Rechtsauslage, bleibe ich zunächst auf Distanz.

Jetzt kommt der erste Trick. Ich blocke mit der Daumenseite, statt mit der Handkante. Natürlich könnte ich den Arm mit einer Cara-Technik lähmen oder versuchen, ihn mit Wucht zu verletzen, aber so ist das viel eleganter.“

Odalin legte seine Hand den Unterarm von Meister Saris und drehte sie. „In der Bewegung öffne ich Ihre Deckung um ein paar Zoll. Das gibt mir Raum für eine Speerhand gegen den Hals.“

Odalin tippte dem Sunmeister an den Hals und brachte ihn zum Taumeln. „Im Kampf fällt das nicht auf, nicht einmal dem Opfer. Eine halbe Sekunde ist es wehrlos – genug Zeit für eine ToCara.“

„Dann habe ich das also richtig gesehen – eine ToCara!“

„Ja – die größte Mühe dabei war, ihr die Wirkung zu nehmen.“

„Die Speerhand an den Hals...?“, fragte Adolan.

„Die hätte den Kampf entschieden, ein wenig härter, und sie wäre ein Niederschlag“, erklärte Odalin. „Im Kampf gegen mehrere Gegner hätte ich das so getan, aber bei einem Einzelkampf wollte ich die ToCara zeigen.“

„Puh...“

Odalin lächelte ihn an. „Saubere, exakte Grundtechniken habe ich nie gelernt. In der Meisterprüfung genügte es, schnell und hart zu sein. Dafür bin ich ganz gut im Kämpfen.“

„Hättest du Lust, an zwei Abenden das Kampftraining zu leiten?“, fragte Meister Saris. „Wir haben hier dreimal Grundlagen, dreimal Fortgeschrittene und zweimal Kampftraining, am Vendalor und am Trikanis, jeweils anderthalb Stunden.“

„Mit einer so großen Gruppe habe ich noch nie trainiert“, gab Odalin zu.

„Ein Taler pro Woche – und 80% der Honorare, wenn du Privatunterricht gibst“, lockte der Sunmeister.

„Privatunterricht?“, staunte Odalin.

„Ja, Meisterschüler, insbesondere wenn sie danach in den Suntempel wollen, nehmen gerne Privatunterricht am Nachmittag.“ Der Sunlehrer zögerte einen Augenblick. „Du hast eine Grundausbildung in erster Hilfe? Für den Fall, daß etwas passiert?“

„Ich bin Assistent bei einem Heiler“, antwortete Odalin bescheiden. „Ich dürfte jede mögliche Verletzung behandeln können.“

„Gut, dann schlage ich vor, daß du am Vendalor einfach mal ein Training leitest, damit du siehst, ob es dir gefällt. Die Teilnehmer sind 16 bis 25 Jahre alt, das dürfte kein Problem sein. Adolan würde auch gerne mitmachen.“

Odalin musterte Adolan überlegend.

„Adolan ist mein Sohn – und soll die Schule mal übernehmen“, erklärte Meister Saris.

„Na gut – solange er mir nicht vor versammelter Mannschaft erklärt, daß meine Techniken unsinnig seien, bin ich einverstanden.“

*          *          *

Michael reagierte nicht gerade begeistert auf Odalins Nachricht, in Zukunft in einer Sunschule das Kampftraining zu übernehmen. Odalin riet ihm, sich die Zeit mit jenem Buch zu vertreiben, das er Michael vor fast zwei Monaten zum Geburtstag geschenkt hatte. Michael brummte unwillig, bequemte sich aber dann doch, das Buch herauszusuchen.

Den folgenden Abend ärgerte der Eonater Odalin damit, daß er von ihm Begründungen erwartete, wieso die in Irrtümer der Physik beschriebenen Perpetuum Mobiles tatsächlich nicht funktionierten.

Odalin freute sich deshalb um so mehr, am Vendalor das Kampftraining abzuhalten. Diesmal amtierte Meister Saris als Hallenmeister und Odalin wurde als Übungsleiter begrüßt. Allerdings fehlte Odalin die Erfahrung darin. Nach 15 Minuten Aufwärmen japsten fast alle Schüler derart nach Luft, daß er sich zu einer Pause genötigt sah.

Von der Größe und dem Gewicht paßte Adolan nur zu Odalin, folglich holte er ihn sich als Trainingspartner. An ihm erläuterte Odalin eine kurze Angriffskombination aus Öffnungsschlag, Wirkungsschlag und Niederschlag. Adolan begriff diese Kombination sofort, doch bei den anderen dauerte es eine volle Viertelstunde, bis sie die Technik-Abfolge beherrschten. Odalin wechselte die Techniken aus, blieb aber bei der Dreier-Kombination. Leider half das wenig, denn die Schüler brauchten wieder eine Viertelstunde. Danach sollten sich die Schüler eine eigene Dreier-Kombination zusammenstellen.

Nach einer weiteren halben Stunde war Odalin an einem Punkt angelangt, an dem er am liebsten gerufen hätte: „Alle auf mich!“ Er befürchtete jedoch, daß Meister Saris es mißbilligen würde, wenn er zum Abschluß eines Kampftrainings seine Schülergruppe zusammenschlug. Folglich wählte Odalin ein sanfteres Mittel: die Abschlußgymnastik.

Zu Hause erwartete Odalin eine Überraschung. Diesmal brauchte er keine einfachen bis mittelschweren Physikaufgaben lösen, dafür hatte Michael schon das eine oder andere Blatt Papier mit Berechnungen bedeckt.

„Was tust du denn da?“, wunderte sich Odalin.

„Ich spüre einem Irrtum der Physik nach“, antwortete Michael ein wenig müde klingend. „Demnach soll Tschandor Ferghi an einem Fusionsreaktor gearbeitet haben. Leider steht in dem Buch nicht viel mehr als Ferghis fehlerhafte Formel.“

„Wir haben die Maschine gesehen“, behauptete Odalin. „In unserem letzten Traum...“

Michael blickte ihn verblüfft an, dann nickte er langsam. „Stimmt, deshalb ist mir der Name so bekannt vorgekommen. Ferghi hat damit seine Arbeitsgruppe in die Luft gejagt... Hm, kein Wunder, daß die sich in dem Buch über seine Blödheit auslassen. Die glauben, Ferghi hätte Eonata vernichtet.“

Der Traum hatte ihnen ein physikalisches Labor gezeigt, in dem eine schwere Explosion die erwartungsfrohen Beobachter getötet hatte. Kurz nach dieser Explosion hatten die Wächter der Herren der Sterne eine Atombombe über der Stadt gezündet. Die Nachricht über Ferghis Experiment mußte nach außen gedrungen sein, die Bombe hingegen hatte niemand überlebt, der nahe genug gewesen war, um sie zu sehen.

„Ein Grund mehr, diese Gleichung zu lösen.“

„Ich gebe dir noch eine Stunde, dann hole ich dich ins Bett“, versicherte Odalin. „Morgen ist auch noch ein Tag.“

„Einverstanden. Für unser Zahnpulver habe ich übrigens die richtige Mischung herausgefunden: 90% Gold, 9% Platin und 1% Titan. Geschmacksneutral, härter als natürliche Zähne und chemisch absolut stabil.“

Odalin folgte einer fahrigen Bewegung und fand eine Galosflasche aus braunem Glas, die Michael mit „Zahnpulver“ beschriftet hatte. Die Flasche war erstaunlich schwer und bis oben hin mit feinkörnigem gelbem Sand aus dieser Metallmischung gefüllt.

„Was machen wir damit?“

„Wenn wir einen kaputten Zahn reparieren, entfernen wir den erkrankten Teil und lassen das Pulver hineintropfen. Ich habe die Agapische Signatur erhalten, wir können es also problemlos passend ausformen. Gewissermaßen nutzen wir ein kaltes Schmelzverfahren.“

Odalin beschloß, Michael die erste Zahnheilung zu überlassen und dabei zu lernen, wie das ging. Allzu kompliziert hörte es sich nicht an.

„Wir sollten uns überlegen, wie viel Geld wir für eine Behandlung nehmen.“

„Ja, Odalin. Darf ich jetzt weiter arbeiten?“

Der Atlanter seufzte leise und begab sich nach oben, ins Schlafzimmer. Er hatte sich für eine Thurische Trance entschieden, ein mentales Training für seine magischen Fähigkeiten. Dabei behielt er die Kontrolle über die Zeit. Michael brauchte folglich nicht zu hoffen, die Nacht durcharbeiten zu dürfen.

*          *          *

Den nächsten Tag über tat Michael nur das nötigste, um jede freie Minute an seiner physikalischen Aufgabe zu arbeiten. So hatte sich Odalin das nicht vorgestellt.

„Was du da rechnest, ist bestimmt schon seit Jahrtausenden gelöst“, versuchte es Odalin nach dem Mittagessen. „Wir gehen in die Stadt und kaufen ein paar Bücher, ja?“

„Nein, das bekomme ich bestimmt so hin“, widersprach Michael. „Es ist ein gutes Training.“

„Mistvieh!“ Odalin wartete ab, ob dieses Wort eine Wirkung erzielte, doch Michael stand unbeeindruckt auf und wollte wieder an seine Arbeit gehen.

„Wie die Maschine aufgebaut war, steht nicht in dem Buch?“, rief ihm der Atlanter nach.

„Nein...“ Michael drehte um und setzte sich wieder. „Du kannst mir helfen.“

„Äh... Na gut.“ Odalin hoffte, daß er bei dieser Hilfeleistung nicht als Rechenknecht herangezogen würde.

Michael erzeugte ein dreidimensionales Abbild von Ferghis Maschine, so wie er sie in jenem Traum gesehen hatte. Odalin steuerte einige Details dazu bei. Dann fing Michael an, vor sich hin zu murmeln.

„Keine besondere Stromversorgung... Keine Kühleinrichtung... Meßgeräte mit kleinem Druck- und Temperaturbereich... Womit will er die Energie abführen? Torus oder Kugelgeometrie?“

Odalin spürte leichte Kopfschmerzen, da erlosch das Bild. Michael rieb sich ebenfalls die Schläfen.

„Die Apparatur war erstaunlich klein“, dozierte der Eonater wenig später. „Der Kollege Ferghi hat damit gerechnet, daß die Reaktion schon bei Raumtemperatur einsetzt und nur eine bescheidene Energieausbeute liefert. Außerdem hat er mit relativ dichtem Gas gearbeitet... Das ergibt alles keinen rechten Sinn.“

„Stimmt – das, was du sagst, ergibt keinen Sinn.“

„Mistvieh!“ Michael lächelte zufrieden. „Ferghi hat eine Methode gefunden, eine Fusion bei Raumtemperatur einzuleiten, aber er war nicht in der Lage, sie zu kontrollieren. Er hat vielleicht zwei bis drei Tonnen Sprengwirkung erzeugt. Das wäre ein Materieumsatz von sechs Mikrounzen... Demnach hätte er etwa zehn Milliunzen Wasserstoff zur Reaktion gebracht. Hm... Da haben sich 6.400 Pferdekraftstunden ausgetobt. Vermutlich hätte der Reaktor damit einige Stunden oder vielleicht Tage laufen sollen. Ja, ich glaube, ich bin einen Schritt weiter.“

„Freut mich“, kommentierte Odalin. „Du hast nichts dagegen, daß ich jetzt eine Gava-Bude suche?“

„So kurz nach dem Essen?“, staunte Michael. „Aber meinetwegen.“

„Kurz“ empfand Odalin als durchaus relativ. Diese Projektion hatte fast eine Stunde gedauert, bis sie vollständig genug gewesen war.

*          *          *

Als Odalin zurückkehrte, fand er Michael nicht etwa über seinen Berechnungen gebeugt, sondern entspannt auf der Couch liegend in Thurischer Trance. Nach einigen Augenblicken entschied Odalin, ihn aufzuwecken.

„Na? Ist dir langweilig geworden?“

Michael überlegte einen Augenblick, bis er die Frage richtig zugeordnet hatte. „Nein, das Problem ist gelöst.“

„Oh? So schnell?“

Der Eonater grinste zufrieden. „Ich hatte Hilfe.“

„Du hast Lord Dauvos aufgesucht?“ Der Fürstphysiker von Atlantis wußte bestimmt die Lösung für solche Berechnungen.

„Nein, jemand weitaus Besseren.“

Odalin seufzte und schaute Michael erwartungsvoll an.

„Teneva Kelim hat mir den Rat gegeben, mit einem thermodynamischen Zustandsintegral anzufangen und dann quantenmechanisch weiterzurechnen“, berichtete Michael. „Und weil wir schon mal dabei waren, hat sie mir den Plasmapulsgenerator gezeigt, der Ferghis Apparatur gezündet hat.“

„Teneva Kelim?“, fragte Odalin fassungslos. „Du... du hast einen Kontakt zum Jenseits hergestellt?“

„Ja“, erwiderte Michael achselzuckend. „Ich habe unser Muster im Dachboden genutzt und ein Ash-Ashator abgehalten. Wenn Professor Kelim sich zu mir bemüht, um mich zu retten, gibt sie mir vielleicht ein paar Ratschläge.

Beginnen wir bei dem Plasmapulsgenerator: Der erzeugt einen kohärenten Plasmaimpuls, mit dem sich kalter Wasserstoff für eine Kernfusion zünden läßt. Das Solare Imperium hat damit experimentiert, um knappe Spaltmaterialien zu sparen. Die Bomben wurden dadurch allerdings zu groß und zu unhandlich. So ein Plasmapulsgenerator ist recht einfach konstruiert, aber ihn zu entwickeln übersteigt alles, was wir bei Eonata erwarten dürfen. Folglich hat ihm jemand geholfen, und zwar die Wächter.“

„Warum sollten die ihm helfen?“

„Um ihre Bombe wie einen Unfall aussehen zu lassen. Wenn eine ganze Stadt vernichtet wird, untersuchen die Überlebenden sehr genau, was dort passiert sein könnte. Da liefert Ferghis Maschine einen guten Grund.

Das Imperium benutzte übrigens Fusionskraftwerke, doch die waren riesige Anlagen und sie benutzten Helium 3, das auf der Erde nur in Spuren vorkommt. Ferghi hingegen hat mit Deuterium gearbeitet... Und er hatte einen Fehler in seinen Berechnungen: Er hat zwei Glieder eliminiert, die ihm seine gesamte Apparatur zerstört haben. Er hat einen Sonderfall realisiert, bei tiefen Temperaturen und niedrigem Druck. Die Gleichung stimmt für die Startbedingungen, aber binnen Sekundenbruchteilen heizt sich der Wasserstoff auf und bricht aus dem Sonderfall der Gleichung aus. Was das in der realen Welt bedeutet, haben wir gesehen.“

„Ja, es explodiert...“ Odalin interessierte eine andere Sache noch viel mehr: „Wie hat Teneva Kelim reagiert? Ich meine, du hast sie aus dem Jenseits herbeizitiert... Wir haben noch nie ein Ash-Ashator durchgeführt. Außerdem... Moment – bist du sicher, daß es kein Ash-Berenai gewesen war?“

„Ich... Oh... Verdammt...“

Odalin legte den Kopf schief und betrachtete Michael skeptisch.

„Ich habe tatsächlich nur daran gedacht, ein Ash-Ashator durchzuführen.“ Michael atmete tief ein. „Das heißt, ich habe meine eigene Seele kontaktiert. Ich war demnach... Teneva Kelim!“

„Hast du ihr ganzes Leben gesehen?“ Das Ritual Ash-Ashator kannte Odalin als vage Erinnerung aus dem Leben als Ervan, von dem er geträumt hatte. Das Ritual war den Dreiheiten verboten, aber im Ritualbuch der Dreiheiten gab es eine Beschreibung und ein Protokoll dessen, was dabei geschehen war.

„Nein, ich habe nur eine freundliche Gegenwart gefühlt, die mir das Wissen förmlich aufgedrängt hat. Puh...“ Michael lachte unmotiviert auf. „Weißt du, was das heißt? Die Seele eines Menschen bekommt alles mit, als stiller Beobachter. Was ich hier tue, wird von 20, 50 oder 100 Personen miterlebt, die ich früher gewesen bin. Mainon würde mir zu gerne mehr über die Rituale der Dreiheit beibringen, Teneva ihr Wissen über das Raum-Zeit-Kontinuum, doch bei so einem Kontakt sickert nur wenig Wissen zu uns durch, denn wir Kleingeister wären mit dem Wissen aus vielen Leben völlig überfordert.“

Diese Geringschätzung wollte Odalin nicht akzeptieren. „Na ja, immerhin sind wir Kleingeister die letzte Ausprägung, gewissermaßen die Vollendung dieser vielen Personen. Wir wissen zwar nicht alles, aber wir sind die Summe aller Erfahrungen, die diese Leute gesammelt haben. Um es in den Rängen der Magier auszudrücken: Teneva hatte den 4. Schülergrad erreicht, Mainon war immerhin schon Geselle, aber erst du bist der Großmagier.“

„Und nach mir kommt ein noch größerer Großmagier“, überlegte Michael. „Aber du hast recht. Damit hat sich dein Geburtstagsgeschenk mehr als gelohnt.“

„Ach? Das hast du jetzt endlich begriffen?“

„Ja. Ohne Ferghis Gleichung hätte ich Ash-Ashator und Ash-Berenai nicht verwechselt. Dann wüßte ich jetzt nicht, daß ich Teneva Kelim gewesen bin und ich wüßte nicht, daß dieses Symbol für Ash-Ashator steht.“

Michael projizierte eines der 32 Symbole, das er bei den Träumen von der Dreiheit erhalten hatte. Odalin prägte sich dieses Symbol gut ein.

„Unser Hyperfeld reicht aus, um damit zu experimentieren?“, vergewisserte er sich.

„Das muß sich zeigen“, antwortete Michael. „Teneva hat mich schon mal besucht, als Lord Seben mich getötet hatte. So langsam wird mir klar, was damals passiert ist. Teneva hat meine Energie benutzt, um das auszutreiben, was Lord Seben besetzt hatte. Anschließend hat sie wieder mit meiner Energie ein Belohim durchgeführt, um mein gebrochenes Genick zu heilen. Und zuletzt hat sie mir soviel Wissen zukommen lassen, wie es der kurze Kontakt zuließ.“

„Noch ein gelöstes Rätsel.“ Odalin überlegte einige Sekunden. „Wer könnte ich gewesen sein? Der größte Kämpfer in der atlantischen Geschichte? Sergon Talestra?“

„Auf Sergon den Schlächter wäre ich nicht besonders stolz“, meinte Michael. „Ganz davon abgesehen – Lord Agerias gefällt es bestimmt nicht, dich als den geschätzten Ahnherrn seiner Familie hofieren zu dürfen.“

„Den würde ich im Nachhinein enterben“, versicherte Odalin. „Aber sonst... Wer könnte ich sonst gewesen sein?“

„Vielleicht sollten wir versuchen, ein einziges Leben zurückzugehen?“

„Wir? Du hilfst mir dabei?“

„Ja – aber bestimmt nicht heute.“

Odalin seufzte, aber er gab nach. „Na gut, wenn es so sein muß...“

„Es muß – ich bin zu müde, um dir zu helfen.“

*          *          *

Natürlich gab Odalin am nächsten Tag keine Ruhe, bis Michael mit ihm auf den Dachboden ging. Sie setzten sich in das Zentrum des Hyperfeldes und versenkten sich in Thurische Trance. Michael stellte einen leichten Kontakt her, gerade genug, um eine Hilfestellung zu geben.

Sie konzentrierten sich beide auf das neue Symbol und fragten nach ihrem letzten Leben. Zuerst geschah gar nichts, sie mußten sich intensiver bemühen. Beiläufig gab Michael durch, daß sie schon wesentlich mehr Energie verbraucht hatten, als bei seinem Kontakt zu Teneva Kelim.

Dann schwangen plötzlich Namen im Raum. Talos Enebran... Odalin fing diesen Impuls auf wie ein Ball, doch dieser Ball ließ sich nicht greifen, sondern verschwand in seiner tastenden Hand.

Bauer.

Verheiratet.

Drei Kinder.

Matjar Enebran.

Dieser Name glitt auf Michael zu. Er war demnach Matjar Enebran gewesen, die Frau von Talos.

Tarmis, Darla, Askan.

Zwei Söhne, eine Tochter – ihre Kinder.

Otrean, Kreis Pertanus.

Ein kleiner, ärmlicher Hof.

Hunger und Armut, aber auch Zufriedenheit.

56 Waneß, vierte Kaste.

Dann ließen Kopfschmerzen die Verbindung zusammenbrechen.

Odalin rieb sich die Schläfen. Ihn wunderte Michaels Gesichtsausdruck. „Was hast du?“

Der Eonater atmete tief durch. „Ich hatte gerade das Bedürfnis, dich zu umarmen und zu küssen. Na ja, nach 40 Jahren Ehe...“ Er seufzte. „Ich war schon wieder eine Frau. Immerhin, ich habe in einer Art Echo erlebt, wie ich die Kinder geboren habe. Das ist eine Erfahrung, die ein Mann nie erlangen wird.“

„Du hast dich demnach erst in diesem Leben für einen Mann qualifiziert“, stichelte Odalin.

„Adrea würde bestimmt sagen, ich habe mich zum Mann zurückentwickelt.“

Odalin holte Luft, doch dann lachte er leise. „Nach 40 Jahren Ehe tituliert man seine Frau nicht als Mistvieh. Wie lange mag das her sein? Ob die Kinder noch leben?“

„Sie waren damals schon erwachsen“, überlegte Michael. „Ich habe dich überlebt, dann kommen mindestens 20 Jahre als Michael Strempfel hinzu... Talos Enebran ist bestimmt schon 40 Jahre tot.“

„Ich hätte gute Lust, dieses Dorf zu besuchen. Otrean...“

„In den Feuchtlanden sind wir leider nicht willkommen“, gab Michael zu bedenken. „Außerdem – das waren kleine, unwichtige Leute. Nicht gerade das, was du erhofft hast.“

„Stimmt – vierte Kaste!“ Odalin seufzte. „Wenigstens waren sie nie Sklaven.“

„Ja. Aber du siehst, Ash-Ashator hat uns wenig gebracht. Kein Wunder, daß dieses Ritual so selten benutzt wurde. Es wäre für uns völlig sinnlos, alles über Ackerbau und Viehzucht im Kreis Pertanus zu wissen.“

„Stimmt. So gesehen ist es gut, daß ein Schleier über frühere Leben liegt.“ Odalin erhob sich. „Ich frage mich, durch wie viele Leben wir uns durchhangeln müßten, um auf interessante Personen zu stoßen.“

„Teneva hat vor über 18.000 Jahren gelebt. Bei einem Leben alle... na ja, 300 Jahre, wären das schon 60 Leben. 90 bei 200 Jahren... Zwei Sitzungen pro Woche, da ist ein Jahr schnell herum.“

„Und es würde nur unsere Neugier befriedigen.“ Odalin seufzte. „Ich hatte gerade das Gefühl, dich in die Arme nehmen zu müssen... Matjar.“

„Jedenfalls weiß ich jetzt, wieso ich für das Kochen zuständig bin“, knurrte Michael in gespieltem Ärger. „Ich sitze auf der Planstelle der Ehefrau.“

„Das machst du gut“, lobte Odalin. „Was gibt es zum Abendessen?“

„Mistvieh – und zwar gebraten.“

*          *          *

Adrea hatte den Al-Perestor herbeigesehnt. Gewiß, jede Schülerin in diesem verdammten Internat hatte sich mit ihrer Führungsrolle abgefunden, aber was sollte sie in dieser abgelegenen Gegend führen? Die Mädchen gaben durchaus ihr Bestes, aber keine von ihnen war eine Kämpferin. Begeisterung allein reichte für Sun nun mal nicht.

Um den Direktor und das Lehrpersonal nicht in zu große Verlegenheit zu bringen, nahm Adrea am Unterricht teil. Nur von den Hausaufgaben hatte sie sich freigestellt. Die Nachmittage verbrachte sie häufig auf dem Dachboden des Gästebungalows. Dort hatte Michael ein paar Rhimor-Kristalle installiert, die ihr bei der Thurischen Trance halfen. Außerdem stand dort der Hölzerne Mann, eine bösartige Konstruktion, an der sich Sunanfänger die Finger brachen und die mit Eisenkugeln nach ihren Köpfen schlug. Adrea hätte sich ein paar Verbesserungen gewünscht, aber dieses Gerät ließ sich einfach nicht zum Leben erwecken.

Odalin und Michael hielten sie zwar auf dem Laufenden, doch das ließ Adrea ihre Abgeschiedenheit nur noch deutlicher spüren. Endlich war der ersehnte Tag da, der Adrea einen kurzen Urlaub aus dem Gefängnis gewährte. Adrea ging nach dem Frühstück direkt zu Direktor Owan und meldete sich ab. Der vier Zentner schwere und durch einen Unfall kastrierte Mann verzog zwar das Gesicht, aber er akzeptierte, daß Prinzessin Adrea weder gesucht noch gefunden werden wollte.

Adrea begab sich auf den Dachboden und schickte einen telepathischen Ruf aus. Nach guten zwei Minuten voller Ungeduld bestätigte Michael den Empfang. Eine halbe Minute später stand Adrea auf einem anderen, ein wenig größerem Dachboden. Die Zugleiter wurde gerade geöffnet. Adrea hatte keine Lust zu warten und sprang einfach. Dank seinen Kämpferinstinkten gelang es Odalin gerade noch, ihr auszuweichen.

„Müssen wir wirklich zu dieser doofen Astrologin?“, fragte Adrea.

„Der Große Sun segne Eure Durchlaucht. Wie ist das werte Befinden?“, erwiderte Odalin.

„Mistvieh! Hätte es eine Stunde später nicht ebenfalls gereicht? Da hätte ich dich vorher noch verdreschen können.“

Odalin klappte gelassen die Zugleiter wieder hoch. „Ich weiß nicht, wie lange es dauert. Karen Vergas ist außerdem wichtiger als eine Sunstunde.“

„Ja, aber du hast hier eine ganze Sunschule voller kampfeswütiger Schüler, während meine Weiber... Wenn ich die an den Hölzernen Mann ließe, würden die sich eher die Finger brechen, als dem Ding weh zu tun.“

Odalin lächelte sie an. „Oh? So hart können die zuschlagen? Ich hatte angenommen, daß gerade wir gut genug gewesen waren, um uns daran die Finger zu brechen.“

Adrea wußte, wann sie ein Rededuell besser verloren gab. Sie beide hatten sich in Ventria an diesem Schlagbaum blutige Hände und gebrochene Knochen zugezogen. Das beschleunigte ihre Ausbildung, lernten sie auf diese Weise nicht nur das Zuschlagen, sondern auch sich selbst zu heilen.

„Also gut, gehen wir los.“

„Einen Augenblick“, bremste sie Odalin. „So kannst du nicht auf die Straße.“

Damit meinte Odalin die gold-und-silbernen Kastenzeichen, die zuviel Aufsehen erregt hätten. Er legte einen Tarnzauber darüber, wodurch sie sich rot verfärbten. Die siebte Kaste fiel nirgendwo auf.

„Ist deine Haut so nachgewachsen oder hast du nachgeholfen?“, stichelte Adrea beiläufig.

„Ich habe mich ein wenig aufgehellt und einige Kleinigkeiten ausgebessert“, gestand Odalin. „Ich mußte sowieso steuernd eingreifen, also habe ich die Gelegenheit genutzt.“

„Solange du kein zweiter Eonater wirst, meinetwegen“, kommentierte Adrea huldvoll. „Oh, hallo, Michael – oder hast du inzwischen einen weiblichen Vornamen angenommen?“

„Wegen zweier weiblicher Inkarnationen?“, lachte der Hellhäutige auf. „Nein, ich werde keine Michaela. Ich muß Odalin schließlich nicht in jedem Leben heiraten.“

„Eine Partnerschaft können auch Männer abschließen“, meinte Adrea und schritt zur Haustür hinaus, die Michael vor ihr geöffnet hatte. „Das ist gar nicht so ungewöhnlich.“

„Kein Interesse“, erwiderte Odalin. Er übernahm die Führung. Einige Minuten vor neun Uhr standen sie vor dem kleinen Laden der Astrologin. Die verschlossene Tür wäre kein wirkliches Hindernis gewesen, aber so unhöflich wollte Odalin nicht sein. Auf sein Klopfen erschien Frau Vergas.

„Ah, ihr seid pünktlich...“ Sie stockte und betrachtete ihre Besucher genauer. „Oh... IHR seid das... Kommt herein!“

Sie verriegelte die Tür hinter ihnen. „Was fällt euch ein, mich hier aufzusuchen? Das war so nie geplant gewesen!“

„Als Betroffene haben wir ein Recht auf Auskünfte“, antwortete Adrea mit der ganzen Autorität einer herzoglichen Prinzessin. „Meine Mutter war in dieser Beziehung ebenfalls sehr zurückhaltend.“

„Sie weiß genau, warum“, versicherte Vergas. „Aber da ihr nun mal hier seid – setzt euch.“ Sie ging nach hinten, in einen anderen Raum.

In der Luft lag ein leichter Geruch nach Kaffee, der sich verstärkte, als diese Tür offen stand. Vermutlich lag dahinter die Wohnung der Astrologin.

Frau Vergas kam mit einem dünnen Ordner zurück. „Für euch habe ich natürlich die Horoskope. Aber ich denke, ich fange besser mit der Prophezeiung an. Ihr wißt, daß es eine uralte Prophezeiung der Hoffnung gibt?“

„Nein“, antwortete Adrea. Ihre beiden Begleiter schüttelten die Köpfe.

„Man hat sie euch vorenthalten, weil die Hüter glauben, daß sie euch nicht betrifft. Hört sie euch in Ruhe an:

Endlose Zeiten werden vergehen,

in denen alles verloren scheint.

Dann endlich, wenn der Lauf der Zeit sich erneuert,

werden die drei kommen, welche die Hoffnung uns verspricht:

Der Sohn der Sonne wird mit ihnen die Wunde der Erde heilen,

Der Verbinder der Zeiten wird das alte Reich beenden und ein neues Reich schaffen,

Der Herr des Feuers wird die Macht der verlorenen Stadt neu begründen.

Ist die Aufgabe der Drei erfüllt, wird die Zeit der Größe wiederkehren und die Menschen erneut nach den Sternen greifen.

Frei werden sie unter den Sternen wandeln, bereit, die nächste Stufe zu erklimmen, wahre Söhne des all-einigen Vaters!

Wenn die Zeit vollendet ist, werden die zwei, die einer sind, wieder vereint.

Lange vermißt, wird ER der HERR der Sonne sein.

Jeder Hüter kennt diese Verse.“

„Sie klingen rätselhaft“, fand Michael.

Vergas lächelte. „Im Gegenteil, sie drücken sich erstaunlich klar aus. Das wirkliche Rätsel ist, wo diese Prophezeiung herkommt. Sie tauchte im Jahr 3.572 das erste Mal auf. Eine Serenun Vergas hat diese Zeilen an die Hüter geschickt, ohne jede Erklärung. Sie lebte in einer Stadt namens Mirtotscha, die kurz darauf zerstört worden ist. Das war der letzte Brief, der Mirtotscha verlassen hat.“ Sie lächelte intensiver. „Ich glaube nicht, daß sie mit mir verwandt ist, ganz so selten ist mein Name nicht.“

„Ja, gut“, brummte Adrea ungeduldig. „Aber was heißt das?“

Die Astrologin lächelte immer noch. „Nach all den Jahren, in denen wir auf euch gewartet haben, seid ihr so ungeduldig? Eonata wurde im ersten Baloraska gegründet. Der Lauf der Zeit dauert 25.918 Jahre – und er erneuert sich mit dem zweiten Baloraska. Habt ihr das verstanden?“

„Jetzt schon“, drängte Adrea.

„Ihr drei seid jene, welche die Hoffnung uns verspricht“, erklärte Vergas weiter. „Viele Hüter glauben, daß sich die Ereignisse über mehrere Epochen hinziehen werden, und sie glauben, daß hier von verschiedenen Dreiheiten gesprochen wird. Meine Horoskope sagen das ganz anders voraus.“

Sie unterbrach sich und musterte die drei Kinder bedeutungsschwer. „Am 15. Logran 12.991 hat ein Drachenjahr begonnen, eine Zeit gewaltiger Umwälzungen. Das letzte Drachenjahr hat Atlantis die Tarulonischen Kriege beschert, es erlebte den Aufstieg von Drakon Talestra, dem größten Kriegshelden von Atlantis. Ein Drachenjahr dauert 18,6 normale Jahre, das heißt, ihr müßt eure Aufgaben bis zum 24. Paltas 13.009 erledigt haben. Die erste Aufgabe kennt ihr natürlich.“

„Die Wunde der Erde heilen“, antwortete Michael.

„Ja – und das ist deine Aufgabe, Sohn der Sonne!“ Sie ließ die Worte einige Augenblicke wirken. „Sohn der Sonne war der Ehrentitel der Priester des alten Eonata. Du bist deshalb der Priester unter euch Dreien. Dir wird der Altar gehorchen, wenn du vor ihm stehst.“

„Falls Lord Agerias mich bei dem Versuch nicht totschlägt“, kommentierte Michael pessimistisch.

„Agerias?“ Vergas schüttelte den Kopf. „Er ist ein rauher, ungehobelter Mann, aber niemand hat mehr Ehrgefühl als dieser Talestra. Merkt euch eines: Agerias wird niemals lügen und euch niemals täuschen. Und ich glaube, er wird euch selbst an den Altar holen.“

„Na schön“, sagte Adrea. „Und danach geht es weiter? Wir werden also nicht sterben, wenn wir die Wunde der Erde heilen?“

„Natürlich nicht, ihr werdet noch gebraucht.“ Vergas schaute Adrea intensiv an. „Deine Aufgabe ist es, die Verbinderin der Zeiten zu werden. Du wirst das alte Reich von Atlantis beenden und ein neues Reich schaffen. Ich weiß auch schon, wann das sein wird.“

Sie holte aus ihrem Ordner eine Karte hervor. „Am 17. Tenuris 12.997 findet eine totale Sonnenfinsternis statt. Der Kernschatten des Mondes wird von Poseidonis nach Eonata wandern.“ Sie hatte diese Linie auf ihrer Karte eingezeichnet. „Die Schwerkraft von Sonne und Mond wird vereint an der Erde ziehen, und diese Vereinigung trifft Atlantis bis ins Mark. Ich kann nur den Anfang der Ereignisse berechnen, den Auslöser. Ob es nach dieser Sonnenfinsternis Stunden oder Tage dauert, bis die Katastrophe sichtbar wird, weiß ich nicht. Der Scharak Poseidonal wird ausbrechen und Poseidonis zerstören. Ich gehe sogar davon aus, daß große Teile, wenn nicht gar die ganze Heilige Insel im Meer versinken werden.“

„Atlantis geht unter?“, fragte Michael verblüfft. „An einem einzigen schrecklichen Tag und einer einzigen schrecklichen Nacht?“

„Ja, vermutlich.“ Die Astrologin wandte sich wieder an Adrea. „Dann wird es deine Aufgabe sein, das zerstörte Reich neu aufzurichten. Du bist die Ver­binderin der Zeiten, an dir ist es, die Menschheit wieder aufzurichten, nach dieser Weltkatastrophe.“

„Das klingt nach Ostara...“, überlegte Adrea.

„Ja, du wirst Ostara die Zweite sein. Die Syrgon, die Talestra, die Ubiron und auch die Sahor werden untergehen, nach der Adelsrolle wäre es dann an dir, den Kaiserthron zu besteigen. Deshalb haben wir uns alle gewundert, daß du ein Mädchen geworden bist. Aber es war eine Frau, Kaiserin Ostara, die dem Reich den Frieden gebracht hatte, nach den Tarulonischen Kriegen. Deshalb ist es gut möglich, daß eine andere Frau das Reich neu aufrichtet.“

„Klingt nach verdammt viel Arbeit“, befürchtete Odalin.

„Oh, deine Aufgabe ist noch viel größer“, meinte Frau Vergas. „An dir, dem Herrn des Feuers, liegt es, Eonata neu zu gründen. Du bist der Erbe von Parla Ethir, kein Mensch hatte jemals eine größere Aufgabe. Die Sonnenfinsternis wird sich ebenso auf Eonata auswirken, womöglich trocknet sie den See aus und schafft so den Raum für dein großes Werk. Während die Verbinderin der Zeiten die Welt neu ordnet, mußt du die Stadt über allen Städten aufbauen, mitten im Chaos der Weltkatastrophe. Es muß im Drachenjahr geschehen, bis zum 24. Paltas 13.009.“

„Ein wenig Hilfe werde ich dabei wohl haben“, kommentierte Odalin.

„Ja, bestimmt.“ Vergas atmete tief ein. „Den Rest der Prophezeiung verstehe ich selbst nicht. Wie die Menschen nach den Sternen greifen sollen...“

„Mit dem Kelim-Antrieb“, unterbrach Michael. „Damit haben die Menschen schon einmal Sternenschiffe gebaut.“

„Oh? Kannst du auch den Rest deuten?“, fragte Adrea. „Welche Stufe die Menschheit erklimmen wird? Und wer sind die Zwei, die zu Einem werden sollen?“

„Michael und ich“, behauptete Odalin. „Herr der Sonne zu werden, gefällt mir bestimmt.“

„Mistvieh!“, schimpfte Adrea.

„Es kann sein“, meinte die Astrologin. „Das Geheimnis dieser Verse wird sich euch enthüllen, wenn es soweit ist.“

„Gut“, sagte Michael. „Können Sie uns nun ein paar Dinge aus unseren Horoskopen sagen?“

„Nein, denn das würde euch beeinflussen. Ihr als Dreiheit wärt in der Lage, meine Voraussagen selbst gegen den Willen des Schicksals zu erfüllen. Das darf nicht geschehen.“ Sie stand auf und ging zu ihrer Theke. „Ich gebe euch das Geld zurück.“

„Behalten Sie es“, bestimmte Michael. „Sie haben uns ein paar wichtige Informationen gegeben. Wir sind keine armen Sklaven mehr, wir können uns das leisten.“

„Es wäre schön, wenn ich das auch von mir sagen könnte.“ Sie blieb hinter der Theke stehen und dachte intensiv nach. Schon wollte Adrea sie bedrängen, da hatte sie sich zu einem Entschluß durchgerungen. „Hütet euch davor, Lord Agerias zu vernichten. Er mag im Augenblick euer Feind sein, doch er wird euer wichtigster Verbündeter. Er ist an euch gebunden durch ein Versprechen aus ferner Vergangenheit. Ein Versprechen, das er jetzt einlösen wird.

Es gibt noch andere, die diesen Pakt mit euch eingegangen sind. Ihr werdet sie treffen und erkennen, wenn es soweit ist.“

Nach diesen Worten ging sie zur Tür und schloß auf. „Mehr darf ich euch nicht sagen. Ihr seid ungeduldig, also möchte ich euch nicht weiter aufhalten.“

Adrea überlegte, ob sie den Hinauswurf akzeptieren wollte. Allerdings wurde sie überstimmt, da Odalin und Michael aufstanden und anstandslos zur Tür gingen.

Adrea überholte Michael mühelos. Erst dann merkte sie, daß dies in der Absicht des Eonaters gelegen hatte. Ganz gegen dessen sonstige Gewohnheiten, mit Fremden so wenig Kontakt zu pflegen wie möglich, streckte er die Hand aus und berührte die Astrologin mit zwei Fingern an der Stirn. „Der Vater der Sonne segne Dich und dieses Leben.“

Karen Vergas schaute ihm fassungslos nach, wie er sich abwandte und ohne einen Blick zurück davonging. Odalin zuckte mit den Schultern und folgte ihm, worauf Adrea ebenfalls folgen mußte.

Außer Hörweite der Astrologin fragte Adrea den Eonater: „Glaubst du das alles, was sie uns gesagt hat?“

„Ja und nein“, erwiderte Michael. „Karen Vergas glaubt daran, es ist das, was sie in unseren Horoskopen gesehen hat. Aber es wird nicht das sein, was eintrifft.“

„Bist du jetzt Hellseher?“

Michael lachte auf. „Nein, aber ich bin nicht das erste Mal bei einer Astrologin. Ich, das heißt, Michael Strempfel, hat sich mit Horoskopen befaßt und 15 Jahre versucht, sein eigenes zu verstehen. Adrea, du wirst heute Mittag satt werden, aber ob ich dir billige Gavas oder einen teueren Braten vorsetze, steht nicht in deinem Horoskop.“

„Das habe ich nicht verstanden.“

„Wenn wir eine Prophezeiung hören, machen wir uns ein Bild von der Zukunft. Es wird aber nicht unser Bild sein, das eintrifft, sondern ein ganz anderes Bild. Deshalb habe ich gesagt, du wirst satt, aber es bleibt ungewiß wovon.“

„Oh...“ Adrea entschied, das Thema zu wechseln. „Nun, du hast genug Zeit in der Küche, während ich Odalin verprügle.“

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