Nach dem Sturm

Der Junge wehrte sich dagegen, den Traum einfach entschwinden zu lassen. Es war so schön in dieser Traumwelt, er fühlte sich geborgen, gebraucht und geachtet zugleich. Und doch entglitt ihm unerbittlich, wo er gerade noch gewesen war und mit wem er gerade noch geredet hatte. Mit einem leisen Seufzen beugte er sich der überwältigenden Macht der Realität.

Die Realität hieß Poseidonis, 20. Wenurion 12.992, 16:18 Uhr. Die Uhrzeit verhieß nichts Gutes, bedeutete sie doch, daß Odalin Frühstück und Mittagessen verschlafen hatte. Nach dieser Erkenntnis meldete sein Magen ein tiefes Loch, das gebieterisch nach Füllung verlangte.

Odalin öffnete seine blauen Augen. Kein Atlanter, den er bisher getroffen hatte, besaß diese Augenfarbe, aber sonst war fast alles normal an dem relativ schmächtigen Burschen: Schwarze Haare, goldbraune Haut – früher war sie dunkler gewesen, doch nachdem die alte Haut von einem Flammenzauber größtenteils verbrannt worden war, hatte sich Odalin entschlossen, sie ein wenig aufzuhellen.

Normale Jungen von 14 Jahren hatten gerade ihre Lehre als Magier begonnen, denen wäre eine solche Veränderung unmöglich gewesen. Normale Jungen besaßen auch nicht DAS BLUT, das außergewöhnliche Körperkräfte verlieh und Odalin dazu verholfen hatte, der jüngste Sunmeister aller Zeiten zu werden.

„Ich habe Hunger“, verkündete Odalin so laut, daß sein Zimmergenosse dadurch aufwachte.

Michael warf Odalin einen so vorwurfsvollen Blick zu, wie es seine Schläfrigkeit zuließ. „Soweit ich weiß, hilft dagegen ein ausgiebiges Frühstück.“

„Frühstück? Weißt du, wie spät es ist?“

„Äh... Oh...“ Michael besaß helle Haut, besser gesagt, viel zu helle Haut für einen Atlanter. Mit braunen Haaren und nachtgrauen Augen gab er einen perfekten Eonater ab, den Bewohner einer Stadt, die vor zehntausend Jahren zerstört worden war.

„Bisher habe ich die Uhrzeit nicht einfach so gewußt“, kommentierte Michael, nun gänzlich wach. Er war vier Monate jünger als Odalin und diesem körperlich total unterlegen. Nur zaubern konnte er besser.

„Wir legen das Frühstück mit dem Mittagessen zusammen und lassen uns genügend Zeit, um es als Abendbrot zu beenden“, schlug Odalin vor und stand auf.

„Ich sehe, es geht euch gut“, kommentierte der dritte Hausbewohner. Die Stimme schien aus dem Nichts zu kommen, was daran lag, daß der Sprecher darauf verzichtete, einen Körper zu projizieren. Askan Tovenar, der Hauseigentümer, hatte seinen Gästen an Alter mehr als nur ein bißchen voraus. Letzten Monat hätte er seinen 229. Geburtstag feiern können. Allerdings war er gerade an diesem 20. Wenurion vor 131 Jahren gestorben, was einer solchen Feier einen recht morbiden Anstrich gegeben hätte.

„Ja, danke, Askan.“ Michael setzte sich aufs Bett und gähnte noch einmal ausgiebig. „Wir hatten Erfolg.“

„Das heißt, ihr könnt meine Wesenskerne wieder in die Kollektoren einbauen?“

Michael warf Odalin einen Blick zu. Der Atlanter bestimmte: „Du kümmerst dich ums Essen, ich um die Kollektoren.“

Odalin, Michael und Adrea, die Dritte im Bunde, hatten kurz nach Mitternacht ein anstrengendes magisches Ritual vollzogen, bei dem sie nicht gewußt hatten, ob sie es überleben würden. Etwa 50 Millionen Menschen verdankten ihnen ihr Leben oder zumindest ihre geistige Gesundheit, ohne es zu wissen. Dafür hatten sie Askan drei Kollektoren entführt, die der Geist brauchte, um seine Wesenskerne und damit seine eigene Energie aufzuladen.

„Einverstanden. Ich schaue vorher noch in den Keller, wie es unserem Tesseract geht.“

Das bedeutete, Odalin hatte freie Bahn für die Toilette im ersten Stock, während Michael die seine im Erdgeschoß suchen mußte. Der Thetanis war auf der Welt von Atlantis das Gegenstück zum Sonntag jener Welt, auf die es Michael zuvor verschlagen hatte. Fast 33 Jahre hatte seine Seele als passiver Beobachter in einem Menschen auf jener anderen Erde gelebt, in einer Stadt namens Würzburg, die dort an dem Ort existierte, wo hier Eonata gestanden hatte. Anfangs hatte Michael sogar geglaubt, wirklich jener Michael Strempfel von dort zu sein, besaß er doch alle Erinnerungen und sogar das Aussehen dieses Mannes. Nachdem er die Wahrheit herausgefunden hatte – sein jetziger Körper war in einer Klonkammer erzeugt worden – hatte er den Vornamen beibehalten, weil er sich daran gewöhnt hatte, den Nachnamen jedoch abgelegt.

Jene andere Welt hatte er nur für ein paar Jahre besucht, er gehörte eindeutig in diese Welt, hatte hier bereits zahlreiche Inkarnationen durchlebt.

Im Keller genügte ein einziger Blick, um zu bestätigen, daß ihre nächtliche Aktion ein voller Erfolg gewesen war: Um den Kühlbehälter des Tesseracts lagen zahlreiche klare durchsichtige Oktaeder-Kristalle. Die 20 größten hatten eine Kantenlänge von 8,4 Zoll. Vielleicht sollte er doch besser nachmessen, diese Länge hatte er nur errechnet. Vor ihrer Aktion wären solche Hyper-Kristalle mit mehr als 25 Millizoll Kantenlänge sogleich zerfallen, diese hier hatten ihre ersten 16 Stunden überstanden.

Michael sammelte die Rhimor-Kristalle ein und brachte sie in den nächsten Kellerraum, wo er bereits eine umfangreiche Sammlung an Kristallen und Metallen eingelagert hatte.

Als nächstes rückte er dem Tesseract mit einem Thermometer zu Leibe. Der Tesseract lagerte in einem Kühlbehälter aus ternärem Eisen, einem weiteren Produkt magischer Forschung. Gestern um diese Zeit hatte sich der Tesseract auf 460° aufgeheizt gehabt, jetzt war er -30° kalt, also exakt die Temperatur, welche die Kühlzauber auf dem Behälter erzeugten. Die Verhältnisse im Hyperraum waren demnach wieder normal.

Die Kühlzauber wurden nicht mehr benötigt, doch Michael fühlte sich zu ausgelaugt, um dafür Energie zu verschwenden.

„Was willst du mit diesen Kristallen?“

Michael erschrak über die Stimme aus dem Nichts. „ASKAN! Würde es dir etwas ausmachen, erst zu erscheinen und dann zu sprechen?“

Der Geist projizierte den Körper eines Mannes von etwa 40 Jahren, der auf seiner Brust das Abzeichen eines Großmagiers trug und dementsprechend der 12. Kaste angehörte. Historisch war das nicht ganz korrekt, mit 40 war Askan bereits Lordmagier gewesen, doch dieses Amt hatte er schon Jahre vor seinem Tod aufgegeben.

„Besser so?“

„Ja.“ Michael ging durch den Geist hindurch nach oben, in die Küche. „Ich werde damit einen Dodekaeder bauen, das mächtigste fümfdimensionale Experimentierfeld, das es jemals auf der Erde gegeben hat.“

„Zusammenbauen werde den ja wohl ich“, folgerte Odalin, der schon kauend in der Küche saß. „Die Kristalle sind also erfolgreich materialisiert?“

„Ja“, bestätige Michael und begann, mit Töpfen zu hantieren.

Odalin erbarmte sich und gab Askan einen kurzen Bericht: „Wir haben mit der Energie des Sirals das Herz der Erde geheilt. Die Narbe ist völlig verschwunden, es wird keine Mirtotscha-Ereignisse mehr geben.“

Als Siral wurde der Kristall im Altarstein im Muttertempel des Sun bezeichnet. Die Explosion, die vor 10.000 Jahren die Stadt Eonata zerstört hatte, hatte im energetischen Körper der Erde eine schwärende Narbe hinterlassen, die erst in 40.000 Jahren vollständig zugewachsen wäre. Diese Narbe erstreckte sich bis in den Hyperraum und hier erfolgten die schwersten Auswirkungen. Der Heilungsprozeß erzeugte Schwingungen, deren Energie der Siral wie ein Kondensator mit unermeßlicher Kapazität speicherte. Etwa alle 1.350 Jahre entlud sich der Siral mit einem Überschlagsblitz, bei dem Millionen Menschen starben und noch weit mehr unheilbar wahnsinnig wurden. Als der Effekt das erste Mal aufgetreten war, hatte das Reich an eine Seuche geglaubt, die ihren Ursprung in der Stadt Mirtotscha gehabt hatte. Dank Odalin und Michael wußte man heute, daß Mirtotscha auf einem Resonanzpunkt gelegen hatte und deshalb das Unglück zuerst über diese Stadt hereingebrochen war.

Odalin berichtete weiter: „Wir haben den Effekt eingegrenzt, so gut es ging, denn die Energiewellen wollten sich über die Erdlinien verbreiten. Wir haben die Narbe geheilt und vier Erdlinien verschoben, die letzten vier haben wir nicht mehr geschafft.

Der Siral war leider noch nicht vollständig entladen, deshalb hat Michael de Energie genutzt und eine größere Menge Rhimor-Kristalle produziert. Selbst das hat nicht gereicht, also haben wir nach einer weiteren Hyperquelle gesucht und diese außerhalb von Poseidonis gefunden, weit genug von allen Erdlinien entfernt. Wir haben sie als Blitzableiter benutzt und die restliche Energie in die Erde abgeleitet. Hast du eine Ahnung, wer außer uns noch Tesseracte besitzt?“

„Na ja, der Orden verfügt über ein Muster in Mesantia und eines in Tschitar...“

Odalin unterbrach ihn. „Die Tesseracte sind nicht mehr dort, die haben sie doch ausgelagert... Vermutlich in die Berge gebracht, wo es kühl ist.“

„Hoffentlich habt ihr die Herzen der Muster nicht überladen“, befürchtete Askan.

„Unser Tesseract hat die dreifache Menge schlucken müssen – und der ist völlig in Ordnung, nicht wahr?“

Michael fühlte sich angesprochen. „Optisch ja, mehr habe ich nicht untersucht. Aber er hatte keinerlei Ausfallerscheinungen während der ganzen Prozedur, folglich dürfte ihm nichts passiert sein. Die Rhimor-Kristalle sind ungleich empfindlicher.“

„Dieser Tesseract besteht ja auch aus einem viel stabileren Material“, gab Askan zu bedenken.

Michael hatte ein neues Schwermetall erschaffen, mit 126 Protonen und 198 Neutronen, aus dem Adrea, Odalin und er einen einzigen Tesseract erzeugt hatten. Sie besaßen noch vier weitere Tesseracte aus normalem Eisen. Diese hatten sie jedoch in der Nähe des Südpols in Sicherheit gebracht, weil sie keine Überhitzung riskieren wollten. Der Schwerstoff-Tesseract hätte Temperaturen bis mindestens 1.500 Grad überstanden; bei dieser Hitze wäre Eisen ihrer Einschätzung nach instabil geworden, also aus der Hyper-Auffaltung gefallen und geschmolzen.

„Warten wir es ab“, schlug Michael vor und stellte den Topf auf den Tisch. „Nicht gerade ein Siegesmahl, aber besser als der Schikar-Eintopf in Ventria ist meiner bestimmt.“

An Schikar-Eintopf erinnerte sich Odalin nur ungern. Dafür wurden in Schloß Ventria immer die Reste verwendet, in einem Topf zusammengeschüttet, andeutungsweise nachgewürzt – und fertig war das Essen für die Sklaven. Geschmeckt hatte es Odalin erst, als zunächst Michael und schließlich er selbst den Geschmack mittels Zauberei verbessern konnten.

„Ihr hättet auswärts essen sollen“, kommentierte Askan. „Da hättet ihr ein Siegesmahl bekommen.“

Odalin widersprach: „Wir werden das Haus nachher nur verlassen, um nach Adrea zu schauen. Für mehr sind wir zu erschöpft.“

„Obwohl ihr solange geschlafen habt?“, wunderte sich Askan.

Michael betrachtete Askan, als hätte er ihn noch nie gesehen. „Wir haben in dieser Nacht mindestens zwanzig Geheime Belohims nacheinander abgehalten. Es gab nur eine einzige Dreiheit, die in den Jahren ihres Wirkens das geleistet hat, was uns in einer einzigen Stunde abverlangt worden ist. Wir müssen erst noch sehen, ob wir uns vollständig erholen.“

„Wie war das früher?“, erkundigte sich Askan. „Ihr habt bisher sehr wenig über das Geheime Belohim erzählt.“

„Na gut“, knurrte Odalin. „Aber das ist die letzte Frage, die wir dir heute beantworten. Die Dreiheiten waren nur dank ihrer Drogen fähig, eine solche Arbeit zu leisten. Nach einem Geheimen Belohim brauchten sie eine volle Woche Erholung, bis sie ohne Hilfe zurecht kamen. Pro Ritual sind sie um drei bis fünf Jahre gealtert. Dieses Ritual hat die Dreiheiten allesamt umgebracht.“

„Wir waren deutlich besser vorbereitet“, übernahm Michael. „Wir haben keine Drogen benötigt und wir haben vorgebeugt. Wir hatten außerdem eine Heilung vorbereitet, deshalb dürften wir nicht gealtert sein. Und wenn doch – wir können das anwenden, was wir in Yakura gelernt haben. Mit anderen Worten: Wir werden uns verjüngen.“

„Könnt ihr das öfter?“, fragte Askan trotz des vorherigen Verbots.

Odalin antwortete spöttisch: „Wer außer uns sollte sonst in 250 Jahren deine Wesenskerne erneuern?“

Askan schaute ihn fassungslos an. Seine projizierte Gestalt wurde durchscheinend und verschwand schließlich. Odalin atmete auf und aß jetzt endlich in Ruhe fertig.

„Askan hat wohl gedacht, daß er uns nur fünfzig bis siebzig Jahre ertragen muß“, vermutete Michael.

„Ach, er wird sich daran gewöhnen“, erwiderte Odalin. „Aber meinst du wirklich, wir sollten unser Leben verlängern?“

„Frag mich das in fünfzig Jahren“, antwortete Michael. „Abgesehen davon – wir sind an unsere Aufgaben gebunden. Wenn diese gelöst sind, werden wir nicht mehr gebraucht.“

Sie aßen stumm zu Ende und hingen ihren Gedanken nach. Sie brauchten keine Worte zu wechseln, um das Geschirr zur Seite zu räumen und wieder nach oben zu gehen, zurück in ihre Betten.

Odalin gestaltete den virtuellen Raum, Michael nahm mit Adrea Kontakt auf und brachte sie auf die mentale Ebene.

„Oh, eine Trainingshalle mit Matten“, staunte Adrea. „Nicht gerade einfallsreich.“

Die Prinzessin aus dem herrschenden Geschlecht der Feuchtlande begann gerade erst, die weiblichen Attribute zu entwickeln. Natürlich zeigte ihr schulterlang getragenes lockiges Haar und ihre höhere Stimmlage deutlich, daß ein Mädchen vor einem stand, auf ihren muskelbepackten und austrainierten Körper wäre allerdings jeder Junge neidisch gewesen. Zudem besaß Adrea ebenfalls DAS BLUT, ihre Muskeln hielten noch mehr, als deren Anblick versprach. Nur gegen Odalin kam sie nicht auf, obwohl sie größer und schwerer war.

„Ich habe die erste Umgebung genommen, die mir eingefallen ist“, begründete Odalin seine Wahl.

Adrea projizierte für sich einen bequemen Sessel.

Michael nickte und kommentierte: „Das beantwortet unsere Frage, wie es dir geht.“

„Ich bin durchaus erschöpft“, gab Adrea zu. „Aber es geht mir besser als befürchtet.“

Odalin fragte: „Hat dein Vater schon erfahren, daß du in Poseidonis bist?“

„Ja, Agerias hat ihm ein Telegramm geschickt. Er hat ihm zum Glück geraten, noch ein paar Tage Ruhe zu geben. Papa hat mir mitgeteilt, daß ich unseren Stadtpalast nutzen darf, aber nicht, um euch beide dort zu empfangen.“

Michael lachte auf. „Sind wir froh, daß er uns nicht wegen Kindesentführung angezeigt hat.“

Odalin fragte gezielt: „Du bist körperlich gesund, keine Ausfallerscheinungen, bis auf die Müdigkeit? Du brauchst also keine Behandlung?“

„Nein“, erklärte Adrea. „Michael hat mich früh genug ausgekoppelt. Ein bißchen schlaff fühle ich mich, aber es ist eindeutig nicht so, wie sich eine Dreiheit nach einem Geheimen Belohim fühlt.“

„Freut mich zu hören.“

„Ich habe eine Einladung für morgen Nachmittag“, gab Adrea bekannt. „Die Syrgonia erwartet mich um halb drei.“

„Die Kaiserin?“, staunte Michael. „Darf die dich so einfach einladen?“

„Mich schon“, belehrte ihn Adrea. „Ich bin ja eine Frau. Als Tochter eines Herzogs standesgemäß und da meine Eltern nicht in der Stadt sind, ist es nur guter Stil, daß sich die Frau unseres Lehnsherrn um mich kümmert. Bei einem Sohn ginge das nicht mehr, zumindest sollte er höchstens zehn bis zwölf sein, damit ihn die Syrgonia noch bemuttern darf.“

Die Atlanter trugen Vor- und Nachnamen. Adrea gehörte dem Geschlecht der Sahor an, ihr offizieller Name lautete Prinzessin Adrea Sahor. Bis hinauf zum Fürsten wurden die Adligen mit Titel und Nachnamen angesprochen, die Herzöge und der Großfürst hingegen mit Titel und Vornamen. Der regierende Kaiser hingegen führte nur noch den Namen seines Geschlechts und eine Ordnungsnummer. Seine Frau verlor mit der Heirat ihren eigenen Namen und wurde zur Syrgonia, dem bloßen Anhängsel von Syrgon XXIII., dem Beherrscher der Erde und Kaiser von Atlantis.

Die Frauen der Adligen führten ein zurückgezogenes Leben. Herzogin Jarlia, Adreas Mutter, hatte bei allem mindestens eine Anstandsdame dabei. Nur mit Herrn Weston, einem Tierarzt, der bereits bei ihrem Vater gedient hatte, traf sie sich hin und wieder unter vier Augen, natürlich mit der Erlaubnis ihres Ehemannes. Greise wurden selbst in Atlantis als ungefährlich für adlige Frauen angesehen.

Adrea lächelte und fuhr fort: „Seine Majestät hätte mich nicht einladen dürfen, seine Einladung hätte an meinen Vater gerichtet sein müssen. Allenfalls in Begleitung meines Bruders wäre es noch gegangen – und später natürlich mit meinem Ehemann. Er darf allerdings ‚zufällig’ auftauchen, wenn ich bei der Kaiserin sitze. Da stehe ich ja unter Aufsicht.“

Michael stöhnte leise: „Zum Glück haben wir mit unserer siebten Kaste keine derartigen Probleme.“

„Gewöhne dich nicht zu sehr an dieses Rot.“ Damit meinte Adrea die Kastenzeichen, die alle Atlanter als aufgesetzte Säume an Hemden, Jacken und Mänteln trugen. „Zumindest eine ehrende Kastenerhebung schuldet euch Atlantis.“

„Oh nein“, stöhnte Odalin. „Nicht schon wieder auf das Kreisamt... Du glaubst ja gar nicht, was die Bürokraten für einen Zirkus veranstalten, wenn die eine Kastenerhebung eintragen sollen.“

„Noch schlimmer“, warf Michael ein. „Unsere Ausweise lassen nur eine Kastenerhebung zu, da brauchen wir neue.“

Odalin schloß: „Wenn Seine Majestät von sich aus darauf kommt, meinetwegen. Aber du bittest ihn tunlichst nicht darum.“

„Na schön, wenn ihr nicht wollt...“ Adrea wechselte das Thema. „Wir hatten Erfolg?“

„Ja“, antwortete Michael. „Die Narbe der Erde ist geheilt, Gold- und Silberkreuz liegen wieder unter der Kosmischen Nabelschnur. Nur mit den Kupferlinien sind wir nicht fertig, die müssen wir bei Gelegenheit noch korrigieren.“

Der Punkt an dem die Kosmische Nabelschnur auf der Erde verankert war, wurde als Herz der Erde bezeichnet,. Diese Kosmische Nabelschnur verband das Diesseits mit dem Jenseits. Seelen, die zur Erde kamen, um ihr neues Leben anzutreten, fuhren durch sie herab, so wie die Seelen der Verstorbenen in ihr hinauf fuhren.

Im Herz der Erde hatten sich zur Zeit von Eonata acht Erdlinien gekreuzt. Diese Linien wurden von Sehenden farbig wahrgenommen, ein Kreuz golden, eines silbern und ein Doppelkreuz kupfern. Durch die Zerstörung Eonatas war dieses Gefüge gestört worden. Die Erdlinien liefen noch gestern wild durcheinander, statt sich in einem gemeinsamen Punkt zu treffen. Vier der acht Linien hatte die Dreiheit verschoben, für die anderen hatte ihre Kraft nicht mehr ausgereicht.

„Ich glaube nicht, daß Agerias uns noch mal an den Altar läßt“, überlegte Adrea. „Zumal jetzt nicht mehr Millionen Leben bedroht sind.“

„Es geht vielleicht sogar ohne Altar“, hoffte Michael. „Jedenfalls ist meine Aufgabe erfüllt. Als Sohn der Sonne sollte ich die Wunde der Erde heilen. Damit geht der Stab an dich weiter.“

„Oh...“ Adrea senkte nachdenklich den Kopf. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Jetzt bin ich als Verbinderin der Zeiten gefragt...“

Karen Vergas, eine Astrologin, hatte von der uralten Prophezeiung erzählt. Ihrer Meinung nach bezog sich diese Zeile auf Adrea:

Der Verbinder der Zeiten wird das alte Reich beenden und ein neues Reich schaffen.

„Ja“, bestätigte Odalin. „Du gibst ab jetzt die Richtung vor, so wie zuvor Michael und nach dir ich.“

„Das heißt, ich sollte mir morgen meinen zukünftigen Ehemann anschauen“, folgerte Adrea.

Die Prinzessin wußte inzwischen, daß ihr Vater sie an die Syrgon verschachert hatte. Die offizielle Bestätigung fehlte zwar, aber so, wie sich der Kaiser verhalten hatte, war allen klar, daß der Kronprinz von Atlantis Adrea heiraten sollte, um damit das Blut der Syrgon zu veredeln – und den Sahor mehr Einfluß im Reich zu verschaffen.

Syrgon junior, der Kronprinz, war nicht nur fast zwei Jahre jünger als Adrea, er war außerdem schwachsinnig. Bei seiner Geburt hatte sich die Nabelschnur um den Hals gewickelt und Teile des Gehirns absterben lassen, bevor die Ärzte, die um das Leben seiner Mutter kämpften, es gemerkt hatten.

Vor einigen Monaten hätte Adrea dieses Ansinnen vehement von sich gewiesen, denn ihre vorgesehene Rolle bestand darin, sich vom Kronprinzen begatten zu lassen, dem Kaiserhaus einen Enkel zu gebären und ansonsten hinter den Palastmauern eingesperrt zu sein. Der Enkel sollte dem 23. Syrgon auf den Thron folgen, und alle hofften, daß er von Adrea DAS BLUT erhalten würde. Als Kaisermutter hätte Adrea vermutlich nicht einmal den Titel einer Syrgonia erhalten.

Inzwischen hatte Adrea herausgefunden, daß sie schon einmal die Frau eines Kaisers gewesen war, vor einigen Jahrtausenden. Die Frauen der Dynastie Tarulon wurden der Konvention entsprechend Tarulonia genannt. Mit dieser speziellen Tarulonia hatte jenes Kaiserhaus jedoch Pech gehabt: sie stürzte ihren Mann und usurpierte den Thron von Atlantis. Adreas damalige Inkarnation stand als einzige Kaiserin in den Geschichtsbüchern – und als Ostara die Große wurde sie als gleichrangig mit Krateros dem Großen empfunden, dem ersten Beherrscher der Erde auf dem Thron von Atlantis. Wenn Adrea das alte Reich beenden und ein neues erschaffen wollte, dann genügte es nicht, einen zukünftigen Kaiser zu gebären, dann mußte sie ähnlich vorgehen wie Ostara.

„Ja, tu das“, riet Michael. „Wie lange dauert so ein Kaffeekränzchen? Wir wollen dich morgen besuchen. Es muß sein, auch wenn dein Vater das verboten hat.“

„Um fünf dürfte ich fertig sein... Besser, ihr kommt um sechs. Da werde ich dafür sorgen, daß man euch einläßt. Allerdings wird eine Anstandsdame zugegen sein, die Frau des Haushofmeisters. Darauf würde mein Vater bestehen – allzusehr sollten wir ihn nicht verärgern.“

„In Ordnung“, entschied Michael. „Für die Zeit der Untersuchung werden wir sie ablenken. Wenn du auch nur den geringsten Schaden davongetragen hast, behandeln wir das besser in Poseidonis als in Gilian.“

„Wenn ihr das Muster wieder aufbaut, wäre auch das kein Problem“, erinnerte sie Adrea.

Vor der großen Entladung hatte Michael in Poseidonis und in Gilian, dem Internat, in dem Adrea auf Geheiß ihres Vaters untergebracht war, Muster aus Rhimor-Kristallen errichtet, die eine sichere Teleportation erlaubten. Die Aufladung des Sirals hatte diese Kristalle verdampfen lassen. Rhimor-Kristalle bestanden aus Stickstoff, der oktaederförmige Kristalle ausbildete, deren Atomstruktur aus einem fünfdimensionalen „Tetraedergitter“ bestand. In den kühlen Zonen von Gasplaneten, unter extremen Druckverhältnissen, bildeten sich diese Kristalle auf natürliche Weise. Eine „Ernte“ auf Jupiter und Saturn erforderte eine sehr robuste Maschinerie, die von der Dreiheit künstlich hergestellten Kristalle benötigten keinen derartigen Aufwand.

„Wir werden morgen ein Muster bei uns aufbauen“, erklärte Odalin. „Die Kristalle dazu haben wir. In Gilian richten wir das erst ein, wenn feststeht, daß du zurück mußt.“

„Mein Vater dürfte darauf bestehen“, seufzte Adrea. „Da wäre es schön, wenn mir Seine Majestät einen Orden verleihen würde. Da würden die dummen Puten dort ganz neidisch.“

Adreas Verhältnis zu ihren Mitschülerinnen war nicht besonders gut, weil sie ihnen in allen Punkten überlegen war. Nicht nur an Kraft, sondern auch an Intelligenz – und obendrein in der sozialen Stellung.

„Darauf habe ich leider keinen Einfluß“, erwiderte Odalin. „Ich könnte höchstens versuchen, Lord Agerias zu verprügeln... Aber so, wie der sich in den letzten Tagen benommen hat, scheint er ganz in Ordnung zu sein.“

„Agerias ist ganz sicher ein zu harter Brocken für dich“, meinte Adrea. „Ich habe es einmal versucht...“

Michael gähnte ausgiebig, ein Zeichen, daß er seine Müdigkeit nicht mehr unter Kontrolle hatte. „Wir sollten das für heute beenden. Falls nichts mehr zu klären ist, wünsche ich eine gute Nacht.“

Odalin und Adrea tauschten einen Blick und schlossen sich diesem Wunsch an. Sie alle kehrten in ihre Körper zurück.

„Adrea hat morgen Geburtstag“, murmelte Michael. „Wir sollten ihr einen Orden schenken.“

„Gute Idee“, antwortete Odalin. Ihre Betten standen im selben Zimmer, aber zwei Klafter voneinander entfernt. „In Handarbeit schaffe ich das allerdings nicht mehr.“

„Ich gehe davon aus, daß wir morgen wieder einsatzfähig sind“, schloß Michael. „Und jetzt endgültig gute Nacht!“

*          *          *

Am Morgen des 21. Wenurion fühlten sich Odalin und Michael erholt genug, um voller Tatendrang ans Werk zu gehen. Zuerst präparierten sie einen abschließbaren Kellerraum mit 13 halbzölligen Rhimor-Kristallen als neues Muster. Ihr altes Muster hatte sie im Dachboden der Sorischen Allee 13 untergebracht, was sich als recht lästig erwiesen hatte, da die ausziehbare Leiter immer hochgeklappt gewesen war, wenn sie das Muster überraschend benutzten.

Auf das neue Muster apportierten sie die vier Eisen-Tesseracte, die sie in die Antarktis ausgelagert hatten. Auf diesem Muster erzeugte Michael aus dem restlichen Osmium, das sie in einem anderen Kellerraum gelagert hatten, und ein wenig von dem noch immer namenlosen Element 126 das magische Leitermetall, das sich in den Konstruktionen für Askan und ihrem Kalledrischen Dodekaeder bestens bewährt hatte. Anders als bei einer Transmutation genügte es, die abgewogenen Materialien auf dem Muster zu entmaterialisieren, sie im Hyperraum gründlich zu durchmischen und wieder zu rematerialisieren.

Odalin erhielt ein Pfund davon, um eine dekorative Kette und die Basis des Anhängers zu formen. Er hatte einmal eine Woche bei einem Goldschmied gearbeitet und dort dank seiner mentalen Fähigkeiten mehr gelernt, als ein Geselle in seiner gesamten Ausbildung. Ihm fehlte zwar die manuelle Übung, doch mit gewöhnlichem Werkzeug wollte er ohnehin nicht arbeiten.

Michael formte in dieser Zeit eine kleine Jadeblume mit einem Zentrum aus Neo-Amethyst und 16 Blättern aus Jadeit. Gewöhnlicher Amethyst unterschied sich von Bergkristall nur dadurch, daß er Eisenatome eingelagert hatte, die ihm die tiefviolette Farbe verliehen. Im Neo-Amethysten hatte Michael die Eisenatome durch das Element 126 ersetzt. Der Kristall wurde so durchscheinend golden und vervierfachte seine Wirksamkeit in magischen Gerätschaften. Die kleine Jadeblume würde Adrea helfen, ihre magische Energie wieder aufzuladen.

Wie fast immer, wenn man in Ruhe arbeiten wollte, beschwor ein solches Vorhaben Störenfriede herbei. Seufzend stand Odalin auf und ging an die Haustür. Dort warteten vier Männer auf ihn. Der kleinste überragte Odalin um eine Handbreite. Er trug sein gepflegtes graues Haar kurz und hatte seinen kurzen Vollbart ebenfalls auf Kante gestutzt. Laut Michael glich er damit einem Mann namens Hindenburg, den er auf dieser anderen Erde kennengelernt hatte.

Die drei anderen Herren waren größer, breiter und kräftiger als ihr Boß. Zwei von ihnen hielten den Dritten mit aller Kraft fest, denn er wehrte sich heftig, obwohl ihm die Hände auf den Rücken gebunden waren.

„Tarmis ist krank, Herr, einfach durchgeknallt“, erklärte der Boß des Verbrechersyndikats von Poseidonis gleich nach der Begrüßung. „Wir haben uns gedacht, daß Sie ihm am besten helfen können.“

Mit Don Binaris, dem großen Boß, hatten Odalin und Michael eine Vereinbarung getroffen, die eine kostenlose medizinische Versorgung der Bandenmitglieder einschloß.

„Bringen Sie ihn herein“, bestimmte Odalin und deutete auf den Durchgang zur großen Halle. „Am besten, Sie legen ihn auf den Tisch.“

„Da wird’er kaum bleibbe“, stieß einer der Begleiter hervor.

Odalin zuckte mit den Achseln, trat auf den Verrückten zu, griff ihm kurz in den Nacken und lud sich den Bewußtlosen auf die Schulter. „Jetzt schon.“

Die ehrenwerten Herren bekamen große Augen, als sie die Juwelensammlung entdeckten, die Odalin und Michael auf dem ersten Tisch ausgebreitet hatten. Odalin hatte keinerlei Bedenken, daß die Besucher sich daran vergreifen würden, dafür sorgte nicht nur Don Binaris, sondern auch der gewaltige Respekt vor Odalins Fäusten.

Michael begrüßte Don Binaris. Er hatte gehört, was an der Haustür gesprochen worden war. Zusammen mit Odalin untersuchte er Tarmis. „Wir benutzen besser ein Werkzeug“, schlug er nach einer guten Minute vor. „Geplatzte Äderchen, anderweitige Verletzungen und Drogenmißbrauch können wir schon mal ausschließen.“

Odalin schaute ihm nach, wie er in Richtung Keller verschwand. Er fragte sich, was der Eonater dort holen wollte. Den einzölligen Rhimor-Kristall, mit dem er zurückkam, erkannte der Atlanter sofort. Aus der Juwelen-Sammlung wählte Michael einen größeren Neo-Amethyst aus und steckte den Rhimor-Kristall hinein.

Mit: „Das sollte es tun“, kehrte er zu dem Patienten zurück und legte ihm das „Werkzeug“ auf die Stirn.

„Ist das ein Diamant?“, staunte Don Binaris.

„Wegen der Oktaeder-Form?“, vermutete Michael. „Nein, das ist kein Kohlenstoff, sondern Stickstoff.“

„Schade, ein Diamant in der Größe... 10.000 Taler mindestens.“ Don Binaris hatte Buchhalter gelernt und liebte es, die Dinge nach ihrem Wert zu taxieren.

„Dieser Kristall ist deutlich wertvoller“, erwiderte Odalin lächelnd. „Aber das will ich jetzt nicht vertiefen. Wir wollen schließlich Tarmis helfen.“

In dem Hyperfeld des Kristalls erkannten Odalin und Michael schnell den Grund des Wahnsinns: Die Seele von Tarmis war weitgehend ausgetreten und hing nur noch mit einem Bruchteil ihrer Substanz in dem Körper fest. Einen ähnlichen Zustand hatte Michael erlebt, als seine Seele in seinen jetzigen Körper eintreten wollte.

„Wann ist das aufgetreten?“, fragte Odalin.

„Gestern“, antwortete Don Binaris. „Mitten in der Nacht... Es kann so ein Uhr gewesen sein. Tarmis fing plötzlich an, wirr zu reden und um sich zu schlagen.“

„20. Wenurion, so gegen ein Uhr“, wiederholte Odalin. „Ist das korrekt?“

„Ja.“

„Oh, oh“, stöhnte Michael.

„Ist das schlimm?“, erkundigte sich Don Binaris besorgt.

„Nicht für Tarmis, aber für uns“, erwiderte Odalin. „Lassen wir ihn jetzt aber nicht noch länger warten.“ Er blickte Michael an. „Ash-Berenai und Tel-Samma? Einverstanden?“

„Ja“, bestätigte der Eonater.

Diese beiden Zauber waren einstmals Rituale der Dreiheiten gewesen, die am großen Altar ausgeführt wurden. Odalin und Michael hatten sie längst gemeistert. Ash-Berenai erlaubte eine Kontaktaufnahme mit Seelen, Tel-Samma zwang ein Bewußtsein unter den Willen des Zaubernden.

Sobald der Kontakt etabliert war, zwang Odalins Wille die Seele dazu, ihre Inkarnation als Tarmis wieder vollständig aufzunehmen. Michael hielt ihr mit einem weiteren Ash-Berenai gewissermaßen die Tür in den Körper offen.

Nach einer letzten Überprüfung löste Odalin die Bewußtlosigkeit auf, die sein Nervenstich hervorgerufen hatte.

Tarmis öffnete die Augen. Er schaute sich eine halbe Sekunde um und sprang kampfbereit auf die Beine. Jetzt erkannte er seinen Anführer.

„B... Boß? Wo bin ich’n hier?“

„Sorische Allee 8“, antwortete Odalin. „Woran können Sie sich noch erinnern?“

„An Kopfweh“, erwiderte der erfahrene Schläger respektvoll. „Die verdammten Greifer ham uns doch nit mehr hierher gelasse.“

„Schauen Sie bitte auf meinen Finger und halten Sie Ihren Kopf gerade“, bat Michael. Er bewegte den Finger vor dem Kopf des großen Mannes und beobachtete, wie dieser die Augen bewegte, um den Finger zu beobachten.

„Wie viele Finger sehen Sie?“ – „Zwei.“

Michael benutzte beide Hände. „Und jetzt?“ – „Sieben.“

Michael nickte zufrieden. „Der Mann ist einsatzfähig, Don Binaris.“

„Ich wußte, daß Sie es schaffen werden“, sagte der Boß erleichtert.

„Trotzdem haben Sie uns eine sehr schlechte Nachricht überbracht“, erklärte Odalin ernst.

„Ich?“ Der Boß überlegte. „Die drei brauchen wir nicht mehr?“

„Nein.“

„Wartet draußen!“ Ein Befehl von Don Binaris wurde ohne Zögern befolgt. Erst dann fragte der Boß: „Ich denke, das ist auch in Ihrem Sinne.“

„Ja, danke.“ Odalin deutete auf einen Stuhl. „Don Binaris, in dieser Nacht... Sind da noch mehr Leute gestorben oder übergeschnappt?“

„Ein paar, ja.“

„Das habe ich befürchtet“, stöhnte Odalin. „Wir müssen zu Lord Agerias.“

„Sie steigen ja wirklich ganz oben ein“, wunderte sich der Gangsterboß. „Sind ein paar Tote und ein paar Wahnsinnige so wichtig? Sie haben Tarmis doch spielend heilen können?“

Odalin lachte bitter auf. „Ja, wir haben eine Krank­heit geheilt, sie seit gut 8.000 Jahren als unheilbar gilt. Wir hatten jedoch gehofft, daß diese Krankheit gar nicht mehr ausbricht.“

Michael setzte hinzu: „Don Binaris, Sie sind vermutlich einer der am besten informierten Menschen in Poseidonis, aber es geht um ein weltweites Problem. Der Mann da gerade, der hat uns ein Mosaiksteinchen geliefert, das uns bislang gefehlt hat. Aber jetzt müssen wir trotzdem zu Lord Agerias.“

„Kann ich Sie wenigstens in meinem Wagen mitnehmen?“, bot Binaris an. „Außerdem hätte ich noch ein Angebot für Sie.“

„Eines, das wir nicht abschlagen können?“, vermutete Michael.

„Zumindest ein sehr gutes Angebot“, meinte der Boß. „Das ist schließlich ein Riesenhaus – und Ihr zweites Haus gegenüber steht leer. Ich hätte da ein Ehepaar für Sie. Die Frau kann kochen, waschen und putzen, der Mann kümmert sich um den Garten, erledigt kleinere Reparaturen, geht für Sie einkaufen und wenn Sie einen Wagen anschaffen, kann er Sie sogar fahren. Die beiden wohnen drüben in dem kleinen Haus, damit haben Sie abends Ihre Ruhe und das Gehalt dürften Sie sich ebenfalls leisten können.“

„Aha – und was haben Sie davon?“, fragte Odalin.

„Zum einen helfe ich ein paar Menschen in Not, zum anderen... fünf Prozent von ihrem Gehalt“, gab der Syndikatschef zu.

Michael schlug vor: „Wenn wir uns mit den Steuern, Abgaben und sonstigen Angelegenheiten nicht abgeben wollen – können Sie das übernehmen? Wir bezahlen Ihnen 150 Taler im Monat, wie viel bekommen die Hausmeister dabei heraus?“

„Puh, die werden überglücklich sein – mehr als 100 Taler.“

„Dann sind wir uns einig“, schloß Odalin. „Die Leute sollten jedoch unbedingt ehrlich sein, bei dem, was wir hier im Haus haben.“

Don Binaris schaute auf die verbundenen Kristalle. „50.000 Taler für das hier? Ich verstehe.“

„Da haben wir wohl übertrieben“, gestand Odalin. „Derzeit kann niemand außer uns etwas damit anfangen, kein Juwelier dürfte auch nur 50 Taler dafür ausgeben.“

„Nicht einmal der Orden?“

Odalin grinste breit. „Der Orden sollte besser nie erfahren, was es in diesem Haus alles gibt. Weder von Ihnen, noch von den Hausmeistern.“

„Ich verstehe.“

*          *          *

Don Binaris besaß einen Motorwagen, doch für sechs Personen, denn der Fahrer war im Wagen geblieben, war dieser trotzdem zu klein. Kurzerhand hatte er Tarmis, den geheilten Patienten, in den Kofferraum befohlen. Odalin und Michael teilten sich den Beifahrersitz, Binaris hatte sich zwischen seine verbliebenen Leibwächter auf den Rücksitz gequetscht.

Der Wagen setzte die Kinder an einer Seitenpforte ab. Don Binaris versicherte, daß dies der schnellste Weg zu Lord Agerias sei. Tarmis atmete auf, als er aus dem Kofferraum geholt wurde, aber er schien eine solche Behandlung nicht krumm zu nehmen.

An der Pforte vertrat ihnen ein Priester den Weg. „Wir müssen dringend zu Lord Agerias“, erklärte ihm Odalin.

„Zu unserem erhabenen Herrn?“, staunte der ältere Mann. „Ist das eine Mutprobe vor euren Freunden?“

„Nein“, erwiderte Michael ernst. „Ich wollte, es wäre so, aber es geht leider um das Leben von zahllosen Menschen.“

„Das kann jeder behaupten.“

„Kennen Sie das Stichwort Mirtotscha?“, fragte Odalin.

„Einen Augenblick.“ Der Wächter griff zum Telephon. Er fragte nicht den Hohepriester selbst, dafür klang sein Bericht zu wenig unterwürfig. „Ja, Mirtotscha.“ Und nach einigen weiteren Sekunden: „Ja, gut, mache ich.“

Er hängte ein und wandte sich an Odalin. „Ihr scheint mehr zu wissen als ich. Ihr kennt den Weg?“

„Ja.“

„Dann geht ihn, unserer erhabener Herr ist immer zu sprechen.“

Odalin und Michael verbeugten sich und gingen den Gang entlang. Im Büro des Hohepriesters gab es einen Leuchtstein, den Michael hergestellt hatte. Dessen Signatur wies ihnen den Weg.

„Ihr beide?“, begrüßte sie der Hohepriester überrascht. Lord Agerias hatte die Sechzig schon überschritten, bewegte sich jedoch noch immer so geschmeidig, als sei er vierzig Jahre jünger. Seine schlanke, durchtrainierte Gestalt strahlte Gefährlichkeit aus, seine Augen schimmerten kalt und seine schlechte Laune war längst sprichwörtlich geworden.

„Ja, Eure Erhabenheit“, erwiderte Odalin. „Ich fürchte, wir überbringen schlechte Nachrichten.“

„Ich höre!“

„Wir haben gerade einen Wahnsinnigen behandelt. Die Symptome zeigen eindeutig, daß unser Einsatz gestern nicht erfolgreich war.“

Agerias nickte. „Ich weiß, es hat Tote und Wahnsinnige gegeben. Ihr habt von einer Behandlung gesprochen? Im Sinne von Heilung?“

„Ja, Herr“, bestätigte Odalin. „Wir wissen jetzt, was diese Mirtotscha-Energie bewirkt.“

Agerias zögerte einen Augenblick, als ränge er mit sich selbst, diese Worte zu sagen: „Setzt euch.“

„Danke, Herr“, antworteten Odalin und Michael gleichzeitig.

„Also, was passiert bei diesen Mirtotscha-Ereig­nissen?“

Michael erklärte: „Es handelt sich um eine Seelenaustreibung, Herr. Wir wissen nicht, ob es früher ebenfalls die negativeren Seelen verstärkt getroffen hat, diesmal war es jedenfalls so. Die Energiewelle drückt Seelen aus ihrer Bindung an den Körper. Bei den Toten war der Effekt so stark, daß eine völlige Ablösung stattgefunden hat. Bei den Wahnsinnigen ist diese Austreibung nur teilweise erfolgt. Das ist so, als würdet Ihr mit einem Fuß in Eurem Bett festhängen, also gefangen zwischen Tag und Nacht sein. Der Seelenrest kann den Körper nicht mehr steuern, der größte Teil der Seele ist bereits freigesetzt, kann aber nicht ins Jenseits entweichen.“

„Das klingt, als hättest du das selbst erlebt?“

„Ja, Herr“, gab Michael zu. „Meine Seele wurde auf eine andere Welt verschlagen und von da aus in diesen Körper geholt. Ich wollte mich gewissermaßen ins Bett legen und bin nur mit dem Fuß hineingekommen.“

„Dann war dein Zustand am Anfang nicht gespielt?“

„Nein, Herr. Erst als Dr. Schiman und Meister Shagrim mit ihrem Vergos-Test den Durchgang geöffnet haben, konnte ich eindringen.“

„Im Gegensatz zu den Wahnsinnigen von heute warst du aber völlig passiv.“

Michael nickte. „Das lag an meinem völlig leeren Gehirn. Um die Steuerung des menschlichen Körpers zu erleichtern, sind eine Menge Erinnerungen chemisch gespeichert, also nicht nur energetisch in der Seele. Diese Erinnerungen bleiben zurück und lassen den Körper unkontrolliert handeln. Wir haben bei unserem Patienten vor einer knappen Stunde die Seele in den Körper zurückgeholt und damit den Wahnsinn vollkommen geheilt.“

„Könnt ihr das bei allen Patienten?“, fragte Agerias.

„Ja, Herr.“

Odalin unterbrach: „Herr, wir haben nach besten Kräften versucht, den Effekt einzudämmen. Das hat leider nicht geholfen, weil sich der Effekt entlang der Erdlinien ausbreitet. Wie viele Tote und Wahnsinnige gab es? Habt Ihr bereits Zahlen?“

Agerias lächelte: „Nicht einmal der Geheime Rat ist so schnell, um heute schon exakte Zahlen zu nennen. Es sind 3.000 bis 5.000 Tote und vielleicht 15.000 Wahnsinnige. Statt 50 Millionen Opfer nur 20.000 – das halte ich für einen großartigen Erfolg. Wenn ihr es jetzt noch schafft, die Wahnsinnigen zu heilen, verbessert ihr die Bilanz noch weiter.“

Odalin und Michael tauschten einen Blick. „So viele Tote?“ Michael stöhnte leise. „Das klingt nicht gerade nach einem Erfolg. Und 15.000 Patienten können wir nicht nach Poseidonis holen. Wir müssen ein Medikament entwickeln, das denen hilft. Würdet Ihr bitte die Betroffenen von Poseidonis in einem einzigen Krankenhaus zusammenführen lassen? Dann können wir morgen mit der Arbeit beginnen.“

„Gut, ich lasse alle in die Universitätsklinik verlegen. Morgen 14:00 Uhr könnt ihr beginnen.“

„Danke, Herr.“

„Bitte sehr. Ist das dann alles?“

„Ja.“ Odalin stand auf und nötigte Michael, seinem Beispiel zu folgen.

„Dann will ich euch nicht länger aufhalten.“

Odalin und Michael verabschiedeten sich. Vor dem Büro des Hohepriesters blieben sie stehen und erstarrten. Sekunden später verschwanden sie in einer Leuchterscheinung.

*          *          *

Der Haushofmeister des Stadtpalastes der Sahor hielt sich an die Vorgaben von Herzog Vantris und stellte Adrea die große Staatslimousine zur Verfügung. Nur ein einziges Detail fehlte: Die beiden Stander, mit dem Wappen der Feuchtlande und den Farben der Familie Sahor standen nur dem Herzog selbst, als amtierender kaiserlicher Statthalter und Oberhaupt der Familie zu. Doch auch ohne Stander erwiesen die übrigen Verkehrsteilnehmer dieser Karosse gehörigen Respekt. Als sie beim kaiserlichen Palast vorfuhren, hielt sie niemand auf, die Wache winkte sie bereitwillig durch.

Adrea wurde von einer Baronin Folari empfangen, einer älteren Dame, von der Adrea vermutete, daß sie eine Witwe war und ihr Sohn irgendwo einen Kreis regierte. Immerhin, das Leben als kaiserliche Hofdame galt als Auszeichnung. Die Baronin führte Adrea durch die Gänge und Treppen des Kaiserpalastes in einen Bereich, dessen Ausstattung zeigte, daß hier die privaten Gemächer lagen. Ihr Ziel war kein Kabinett, diese waren männlichen Besuchern vorbehalten, sondern ein kleiner Salon mit bequemen Sofas um einen runden Tisch.

„Eure Hoheit – Ihre Durchlaucht, Prinzessin Adrea Sahor!“, meldete die Baronin.

Die Kaiserin erhob sich und ging Adrea entgegen. Sie war eine schlanke, noch immer schöne Frau, der jedoch die Trauer im Gesicht und den Augen anzusehen war. „Willkommen, Adrea.“

„Eure Hoheit.“ Adrea zeigte den Hofknicks, den sie in Gilian gelernt hatte.

„Du brauchst nicht so förmlich zu sein“, lud die Syrgonia sie ein. „Komm, setz dich. Möchtest du Tee oder Kaffee?“

„Tee, bitte.“ Adrea bemerkte, daß sie völlig allein waren. Die Baronin hatte sich zurückgezogen.

„Ich habe viel von dir gehört“, begann die Kaiserin das Gespräch und schenkte Adrea eigenhändig ein. „Sehr viel Gutes, aber auch ein paar Dinge, die nicht so gut sind.“

„Die nicht so guten Dinge wurden bestimmt übertrieben, Herrin“, antwortete Adrea selbstsicher.

„Ach? Du bist also nicht gegen den erklärten Willen deines Vaters von Gilian nach Poseidonis gekommen?“

„Meine Aufgabe hat das verlangt, Herrin. Es ging um das Leben von Millionen Menschen – und ich hatte die Erlaubnis von Lord Agerias.“

„Ja, das mag sein, aber du treibst dich mit diesen beiden Sklaven herum. Das schadet dem Leumund einer Dame von Stand.“

Adrea lächelte freundlich. „Da können Sie völlig unbesorgt sein. Odalin und Michael heiraten sich meistens gegenseitig. Denen ist kaum bewußt, daß ich eine junge Frau bin.“

„Oh? Sind sie etwa...?“

„Ziemlich sicher nicht“, erwiderte Adrea. „Ich weiß nur, daß Michael in früheren Leben öfter eine Frau war – und Odalin geheiratet hat.“

Die Kaiserin zuckte mit den Schultern. „Nun gut, wenn die beiden aufeinander fixiert sind, finde ich das beruhigend.“

„Sie sollten die besten Ärzte der Welt zudem nicht als Sklaven abtun, Herrin. Sie könnten deren Dienste ganz gut gebrauchen.“

„Ich?“, wunderte sich die Syrgonia. „Oder meinst du etwa...?“

„Ja, ich meine Ihren Sohn“, sprach Adrea offen aus. „Die beiden würden es schaffen, wenn Sie höflich genug fragen.“

„Wie meinst du das – höflich? Sollen wir uns anbiedern oder viel Geld bieten? Oder sind sie gar auf einen Titel aus?“

„Es dürfte schon reichen, sie nicht ganz so herablassend zu behandeln, wie Fürst Thorin“, riet Adrea. „Die beiden müssen es wollen, sonst geht es nicht.“

Die Kaiserin schaute Adrea scharf an. „Die beiden sind deine Freunde – begehst du nicht gerade einen Verrat?“

„Ja“, gab Adrea unumwunden zu. „Aber das hat einen guten Grund, den Sie mit Sicherheit nachvollziehen können. Ich weiß, daß mein Vater mich längst verschachert hat. Wenn es sich irgendwie vermeiden läßt, will ich keinen lallenden Idioten heiraten. Mit einem bißchen guten Willen bekommen Sie einen richtigen Sohn und ich einen richtigen Ehemann.“

Die Kaiserin schluckte. So klare Worte war sie nicht gewohnt. „Du weißt mehr als ich, Seine Majestät hat mir bisher nicht gesagt, daß...“

Unter Adreas Blick verstummte die Frau. „Sie dürften es aber ahnen?“

Die Syrgonia atmete tief ein. „Ja.“

„Dann sollten wir uns einigen, bevor Seine Majestät zufällig hier auftaucht.“

„Bist du so gerissen oder so klug?“

„Ich habe die letzten beiden Jahre der Mittelschule und die vier Jahre der Oberschule in einem einzigen Jahr absolviert“, erklärte Adrea. „Zu meinem zwölften Geburtstag war ich noch ganz normal. Erst als Michael mich behandelt hat – er nennt das ‚den Kopf durchpusten’ – haben sich meine geistigen Fähigkeiten verbessert.“

„Und das kann er auch bei meinem Sohn?“, vergewisserte sich die Kaiserin.

„Ja, zweifellos. Die Frage ist, ob er will.“ Adrea zuckte mit den Schultern. „Ich habe schon mal vorgefühlt – derzeit will er nicht.“

Zum ersten Mal lächelte die Syrgonia. „Wir werden ehemaligen Sklaven bestimmt etwas bieten können, was sie dazu bringt, das noch einmal zu überdenken.“

„Sicher – es sollte jedoch so aussehen, als sei es der Wille Seiner Majestät“, riet Adrea.

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. „Meine Liebe, ich bringe dir unseren Sohn.“ Der Kaiser, ein kräftiger Mittvierziger mit beginnendem Bauchansatz, stutzte gekonnt und musterte Adrea. „Oh, ich sehe, du hast Besuch...“

Adrea erhob sich und zeigte wieder ihren Hofknicks. „Eure Majestät.“

„Ah, Adrea...“ Der Kaiser spielte sehr gut, daß er sich mit ein wenig Mühe erinnerte, wer da vor ihm stand. „Du bist ein sehr ungezogenes Mädchen, wenn du einfach aus dem Internat ausreißt, in das dich dein Vater zu deinem Besten geschickt hat.“

„Es war nötig, Herr, zum Besten Eueres Reiches.“

„Bei Agerias zeigt sich jetzt doch langsam das Alter“, kommentierte der Kaiser. „Früher hätte er sich nicht so leicht überzeugen lassen.“ Der Kaiser winkte ab, als Adrea antworten wollte. „Aber lassen wir das. Mein Kind, geht es dir gut? Es soll eine recht anstrengende Zeremonie gewesen sein, mit diesen beiden Sklaven? Mein Leibarzt wird sich gerne um dich kümmern.“

„Danke, Eure Majestät, aber das wird nicht nötig sein“, lehnte Adrea ab. „Ihr habt natürlich recht, mit meinen geringen Kräften war ich bei dieser Zeremonie gefährdet, aber nachdem ich sie überlebt habe, werde ich mich vollständig erholen.“

„Wieso haben die beiden Kerle dich überhaupt geholt? Es gibt doch starke Magier in Poseidonis?“

„Weil ich vom Altar akzeptiert werde, Eure Majestät“, erwiderte Adrea. „Die Magier sind nicht auf den Altar abgestimmt. Es müssen immer drei Personen sein, und jede davon muß in der Lage sein, die Dreiheit zu stützen. Die Arbeit haben Odalin und Michael erledigt, ich habe ihnen gewissermaßen die Leiter gehalten, damit sie nicht herunterfallen. Dazu genügt sogar ein schwaches Mädchen wie ich.“

„Ja, das freut mich, du hast tapfer durchgehalten“, lobte der Kaiser. Er bestätigte damit Adreas Ansicht, wonach die meisten Männer der Raffinesse einer Frau nicht einmal im Ansatz gewachsen waren. Sie hatte ihre Fähigkeiten bewußt heruntergespielt, weil sie ahnte, daß der Kaiser nur ungern eine Meistermagierin in seine Familie holen würde.

„Ja, Adrea hat Millionen Menschen gerettet“, warf die Syrgonia ein.

„Leider ist das bei einer geheimen Reichsangelegenheit geschehen“, meinte der Kaiser. „Da kann ich nur schlecht einen Orden verleihen, weil der Grund auf der Urkunde angeführt werden muß.“ Er seufzte und wandte sich wieder an Adrea. „Willst du immer noch Sunmeisterin werden?“

„Nein.“ Adrea lachte auf. „In Gilian finde ich keine Übungspartner. Es war wohl doch keine so gute Idee, das anzustreben.“

„Du klingst überaus vernünftig“, lobte der Kaiser. „Da siehst du, wie gut dir die Ausbildung in diesem Internat bekommt. Dein Vater hat gut daran getan, dich dahin zu schicken.“ Er schaute sich suchend um. „Ach ja, unser Sohn...“ Er griff hinter sich, in den Gang, und schob einen teilnahmslos dreinschauenden Jungen in den Salon. „Er ist sicher besser bei dir aufgehoben, meine Liebe.“

„Ja, mein Liebster“, antwortete die Syrgonia. „Aber das mit dem Orden für Adrea solltest du dir vielleicht noch einmal überlegen. Es wäre eine nette Geste, die Herzog Vantris bestimmt gefallen würde.“

„Gewiß, meine Liebe. Aber müssen wir dann nicht auch die beiden Sklaven auszeichnen?“

„Mein Liebster, du hast doch gehört: Adrea als die Schwächste hat das größte Risiko getragen. Außerdem wird für den Erfolg einer Truppe der Kommandeur ausgezeichnet, nicht die einfachen Soldaten.“

„Ja, meine Liebe... So gesehen...“ Der Kaiser wollte das unangenehme Thema schnell beenden. „Tanis geht es wieder ganz gut, morgen dürfte er wieder seinen Dienst antreten. Da kann ich das gleich mit ihm besprechen. Und nun will ich euch nicht länger stören.“ Er winkte huldvoll. „Ich wünsche dir noch ein paar schöne Tage in Poseidonis, Adrea.“

Lord Tanis war der Fürstschatzkanzler des Reiches und der engste Vertraute des Kaisers. Er stand im Ruf, hinterhältig, durchtrieben und ein Genie zu sein. Der Mirtotscha-Effekt hatte ihn besonders schwer mitgenommen, denn bei ihm hatte ein Heilmittel nicht angeschlagen, das Odalin und Michael hergestellt hatten, allerdings für andere Patienten, nicht speziell für Tanis.

„Danke, Eure Majestät.“ Adrea zeigte wieder ihren Hofknicks.

Der Kaiser zog sich zurück und ließ seinen Sohn einfach stehen. Adrea führte den Kronprinzen zu einer Couch und drückte ihn in den Sitz.

„Wenn du den ganzen Ruhm einstreichst, werden Odalin und Michael neidisch“, überlegte die Kaiserin. „Sie sind dann eher bereit, sich ihre Orden auf andere Weise zu verdienen.“

„Für Orden dürften sich die beiden nicht interessieren“, verriet Adrea. „Ich hingegen... Es wäre nett, wenn ich mit einem Orden nach Gilian zurückkehren würde. Wobei ich natürlich lieber in Poseidonis bliebe.“

„Das würde leider deinem Ruf schaden“, erwiderte die Kaiserin. „Selbst im Palast der Sahor... Es schickt sich nun mal nicht für Mädchen, allein in einer Großstadt zu leben.“

Die Syrgonia merkte, daß Adrea dies ganz anders einschätzte und wechselte lieber das Thema. „Hier ist Syrgon, mein Sohn, der die Mutter in mir nicht erkennt. Sein Gehirn ist schwer geschädigt, sagen die Ärzte. Sie können ihm nicht helfen. Und du glaubst wirklich, deine Freunde würden es schaffen?“

„Herrin, vielleicht müssen wir dazu noch einmal zu dritt an den Altar, aber sie werden es schaffen.“

„Dann sollten wir sie dazu überreden“, schlug die Kaiserin vor.

Damit waren die „geschäftlichen“ Angelegenheiten geklärt, jetzt konnte das Kaffeekränzchen beginnen.

*          *          *

„Kein Zutritt“, knurrte der stämmige Mann am Palast-Tor, ehe Odalin überhaupt sagen konnte, wen er besuchen wollte.

Der neue Zeitsinn vermittelte Odalin, daß es 17:58:14 Uhr war, Adrea also jeden Augenblick auftauchen müßte. „Wir werden erwartet“, antwortete er freundlich.

„Und zwar von MIR!“, rief eine Stimme vom Eingang. „Öffnen Sie!“

„Aber, Eure Durchlaucht, Euer Vater hat befohlen, daß...“

„...daß Sie mir gehorchen sollen!“

„Sehr wohl, Eure Durchlaucht.“ Die devote Antwort hinderte den Mann nicht, Odalin und Michael mit grimmigen Blicken zu bedenken, während er das Gittertor öffnete.

„Alles Gute zum Geburtstag, Adrea“, wünschte Odalin.

„Von mir ebenfalls“, schloß sich Michael an.

„Danke sehr, kommt rein. Habt ihr schon zu Abend gegessen?“

Hinter Adrea erschien ein schlanker Mann mit den Abzeichen der neunten Kaste. „Eure Durchlaucht, sind das die beiden Jungen, die Euer Vater auf gar keinen Fall hier sehen wollte?“

„Ja, Herr Garkon“, bestätigte Adrea. „Mein Vater dürfte sehr ungehalten sein, wenn er erfährt, daß Sie diesen Besuch nicht verhindert haben. Es wäre also besser für uns beide, wenn wir diesen Besuch für uns behalten.“

Der Haushofmeister ballte die Fäuste, aber er nickte. „In Ordnung, Durchlaucht, aber meine Frau und ich werden die ganze Zeit anwesend sein.“

„Das ist bestimmt kein Problem“, versicherte Adrea. „Sie sind herzlich eingeladen, mit uns zu Abend zu essen. Lassen Sie in einer halben Stunde servieren.“

Herr Garkon gab die entsprechenden Anweisungen und führte Adrea und ihre Besucher in einen der repräsentativen Räume im Erdgeschoß. Sekunden später stieß eine Frau mit einer kunstvollen Frisur und einem eleganten Kleid zu ihnen.

Kaum saß das Ehepaar Garkon am Tisch, schliefen beide tief und fest. Adrea erklärte: „Wir haben 25 Minuten.“

„Wieso ist die Frau so aufgetakelt?“, wunderte sich Michael. „Haben die uns erwartet?“

„Sie leisten mir beim Essen Gesellschaft“, antwortete Adrea. „Da ich hier keine Hofdame habe, begleitet mich Frau Garkon.“

Odalin schlug vor: „Leg dich am besten auf den Boden, wir untersuchen dich als erstes.“

Er zog den Kristalldetektor hervor, den Michael am Vormittag gebastelt hatte. Damit leuchtete er Adreas Gehirnfunktionen aus und stellte fest, daß alles in Ordnung war. Als nächstes legte er den Detektor auf Adreas Herz, wozu er ihre Bluse öffnete.

„Sieht soweit alles gut aus“, stellte Odalin fest.

„Nicht ganz“, widersprach Michael. „Ich habe eine leichte Zellfunktionsstörung festgestellt.“ Er übermittelte Odalin auf geistigem Weg seine Erkenntnisse. „Wir sollten es beseitigen.“

Odalin nickte und verband sich mit Michael, um eine kleine Form des Geheimen Belohims durchzuführen. Sie opferten dabei ein paar Funken ihrer Lebensenergie, um Adrea vollständig wiederherzustellen. Sich selbst konnten sie in den nächsten Tagen behandeln, wenn Adrea ihrem Zugriff entzogen sein würde.

„Du warst etwa ein Jahr gealtert“, berichtete Odalin. „Das haben wir korrigiert.“

„Und ihr?“

„Wir haben dir gerade jeder eine Woche geschenkt“, erklärte Michael. „Nichts, was wir nicht ausgleichen könnten.“

„Wir haben noch ein Geburtstagsgeschenk“, fuhr Odalin fort.

„Eine kleine Bastelei, die deine Mitschülerinnen neidisch werden läßt“, ergänzte Michael.

„Hört auf!“, beschwerte sich Adrea. „Ihr redet gerade, als wärt ihr eine Person in zwei Körpern!“

Odalin und Michael schauten sich verwundert an. „Ehrlich?“, staunte Odalin.

„Das haben wir gar nicht gemerkt“, führte Michael den Gedanken weiter.

Adrea deutete auf Odalin. „Du darfst reden, Michael ist still, klar?“

Odalin half Adrea auf die Beine. „Na gut, hier!“ Er holte einen Anhänger hervor.

„Aus Silber?“, wunderte sich Adrea.

„Aus Osmium, das ist deutlich wertvoller“, korrigierte Odalin. „Aber sag ruhig, es wäre Platin. Unter dem Opal im Zentrum ist eine Jadeblume versteckt, die dir hilft, deine Kraft zu regenerieren. Wir haben den Opal darüber gegossen, das dürfte keinem auffallen. Die Steine, die das Zeichen des Vaters der Sonne formen, sind natürlich echt. Vier Diamanten, vier Rubine und, um dich ebenfalls zu repräsentieren, acht Saphire.“

Adrea bestaunte das schwere, fünf Zoll durchmessende Amulett. Ein solches Schmuckstück besaß nicht einmal ihre Mutter.

„Das ist bestimmt enorm teuer“, vermutete sie.

„Ja, wenn wir die Steine nicht selbst basteln könnten, wäre es das bestimmt“, bestätigte Odalin. „10.000 Taler – mindestens.“

„Danke“, sagte Adrea und umarmte Odalin. Michael wich leicht zurück, er war jedoch nicht schnell genug. Zum Glück umarmte ihn Adrea ganz vorsichtig.

„Ich war heute bei der Kaiserin“, berichtete Adrea. „Ihr solltet dem kleinen Syrgon wirklich helfen, So ist er eine Plage, für seine Mutter und mich.“

„Adrea, du weißt...“, setzte Michael an.

Die Prinzessin unterbrach ihn. „Ich bin die Verbinderin der Zeiten, nicht wahr? Also gebe ich jetzt die Richtung vor!“

„Adrea, du weißt nicht, was du verlangst!“

„Doch, Michael, ich weiß genau, was ich verlange“, erwiderte Adrea. „Um Syrgonia zu werden, muß ich die Frau eines regierenden Syrgon sein. In seinem jetzigen Zustand, wird der Kronprinz jedoch niemals regieren. Begreift ihr das nicht?“

„Doch, wir haben es begriffen“, behauptete Odalin. „Aber diese Heilung ist größer als alles, was wir jemals gewagt haben.“

„Ihr habt Zeit, euch vorzubereiten“, bestimmte Adrea. „Ich bin sicher, der Kaiser wird sich bald an euch wenden, also denkt schon mal nach.“

„Mistvieh“, kommentierte Michael.

„Noch etwas: Ich habe gezielt tiefgestapelt. Könnt ihr meinen mentalen Schild derart verstärken, daß er selbst einer Gedankensondierung standhält? Ich bin ein wildes Talent der Machtstufe zehn, nicht mehr. Ich besitze allerdings eine einseitige Fähigkeit, die verhindert, daß jemand meine Gedanken lesen kann.“

Odalin lächelte. „Laß mich raten: Die Syrgon wollen weder eine Sunmeisterin noch eine Magiemeisterin in ihrer Familie?“

„Ja, zumindest sollten sie nicht wissen, was ich kann, sonst überlegen sie es sich noch anders, wenn der Kronprinz geheilt ist.“

Michael seufzte leise. „Wir werden dich konditionieren, so gut es geht. Vielleicht können wir dir einen zusätzlichen Schutz in dieses Amulett einbauen. Allerdings mußt du ein paar Tage warten.“

„Wie viel Zeit haben wir noch?“, fragte Adrea.

„15 Minuten“, verkündete Odalin. „Setz dich hin.“

Gemeinsam legten Odalin und Michael ihrer Freundin die Hände auf und wirkten einen massiven Schutzzauber. Sie instruierten Adrea, wie sie diesen Schutz mit ihrer eigenen Kraft aufrecht erhalten konnte.

„Du hast den 24. Machtgrad erreicht“, berichtete Michael. „Aber jeder Magier wird nur noch den 10. Machtgrad messen, was für ein wildes Talent durchaus üblich ist.“

„Zehn Minuten“, sagte Odalin an.

„Ich bin fertig, jetzt könnt ihr berichten“, schlug Adrea vor.

Michael gab ihr eine Zusammenfassung über die neuen Patienten. „Es sind zwar nur kleine Energiemengen über die Erdlinien verteilt worden, aber es gab trotzdem Tote und Wahnsinnige.“

„Die Seelenaustreibung hat doch nur negative Seelen erfaßt?“, fragte Adrea. „Die Gute Aura hätte sonst nicht gewirkt, oder?“

„Vermutlich, ja“, bestätigte Michael. „Trotzdem – wer dadurch gestorben ist, hatte keine Möglichkeit mehr, sein Leben zum Besseren zu wenden. Wir sollten also nicht sagen, sie hätten es so verdient.“

„Ihr könnt den Überlebenden helfen?“

„Vermutlich“, gab Michael zu.

„Wir haben eine neue Maschine gebaut“, berichtete Odalin. „Einen neuen, noch größeren Kalledrischen Dodekaeder. In seinem Feld sollten wir ein Medikament binnen Stunden herstellen können.“

„Er ist leider noch nicht ganz fertig“, dämpfte Michael den Triumph. „Wir brauchen noch größere Mengen Neo-Amethyst und Jadeit. In einem Punkt haben wir aber schon einen Superlativ: Wir haben zwanzig Rhimor-Kristalle mit 8,4 Zoll Kantenlänge eingebaut und aufeinander abgestimmt. Im Arbeitsbereich von einem Achtel Kubikklafter haben wir eine Feldstärke von einer Milliarde Rhimor-Einhei­ten.“

„Du hast Teneva gefragt?“, vermutete Adrea.

Teneva Kelim war eine von Michaels früheren Inkarnationen, eine Professorin für Hyperphysik. Michael schickte gelegentlich Fragen zu ihr und bekam kurze Antworten.

„Ja – das mächtigste Feld, das sie damals hinbekommen hatten, besaß 25 Millionen Rhimor-Einheiten. Sie haben es nie geschafft, mehrere Kristalle aufeinander abzustimmen, das geht offenbar nur mit unseren künstlichen Kristallen.“

„Zwei Minuten“, mahnte Odalin.

„Ihr seid also bestens gerüstet?“, folgerte Adrea.

„Ja“, bestätigte Michael. „Wir müssen morgen früh jedoch eine Apotheke plündern, uns fehlt destilliertes Wasser.“

Sie nahmen die Plätze ein, die sie innegehabt hatten, als Adrea das Ehepaar eingeschläfert hatte. Michael versah die beiden mit einer tarnenden Erinnerung. Anschließend weckte er sie auf.

Odalin fragte: „Herr Garkon, uns wurde angeboten, ein Hausmeisterehepaar einzustellen. Wir sorgen für die Unterkunft, welches Gehalt ist Ihrer Meinung angemessen?“

Der Haushofmeister überlegte kurz. „Das wäre eine Tätigkeit der vierten Kaste, allenfalls. Der Mindestlohn beträgt 50 Taler, der Höchstlohn 100 Taler im Monat. 150 Taler Brutto für beide ist angemessen, ziehen Sie zehn Taler für das Zimmer ab...“

„Es ist ein eigenes Haus“, korrigierte Odalin.

„Oh? Dann dürfen Sie 30 Taler ansetzen“, riet der Haushofmeister. „Das heißt, 120 Taler Brutto.“

„Danke, Herr Garkon.“

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