Nach dem Sturm

Selbst ein Kaiser konnte sich seine Untertanen nicht aussuchen. In den meisten Fällen störte ihn das nicht, es waren bloße Zahlen, die Minister oder Statthalter gelegentlich vortrugen. Nur einem winzigen Bruchteil seiner 1.500 Millionen Staatsbürger war Syrgon XXIII. jemals begegnet, und von diesen Privilegierten wagten es nur ganz wenige, das Mißfallen Seiner Majestät zu erregen.

Der Beherrscher der Erde bearbeitete die unangenehmen Dinge natürlich nicht persönlich, dafür hatte er seine Leute. Kurz vor dem ersten Kronrat des neuen Jahres wollte er ein paar Dinge erledigt wissen, also schickte er seine Leute los.

Lord Dauvos nahm den kaiserlichen Befehl zur Kenntnis. Er sollte zwei Personen aufsuchen, denen er gerne die Karriere ermöglicht hätte, doch leider waren sie auf seine Hilfe nicht angewiesen. Seither hatte er ein Zusammentreffen vermieden. Jetzt mußte es sein.

Lord Dauvos bestellte seinen Dienstwagen für den Nachmittag. Auf nüchternem Magen wollte er sich diesen Besuch nicht antun. Wer Wegar Dauvos ohne Kastenzeichen antraf, hätte ihn für einen drahtigen alten Landwirt gehalten, der seit Jahrzehnten bei Wind und Wetter draußen arbeitete. Dabei hatte der Mann Physik studiert und die folgenden Jahrzehnte in sonnengeschützten und regensicheren Labors und Vorlesungssälen verbracht. Seit der Professor für angewandte Physik zum kaiserlichen Minister ernannt worden war, fand der größte Teil seiner Arbeit hinter seinem Schreibtisch statt. Die Physik betrieb der nunmehrige Verwaltungsfachmann seitdem hauptsächlich als Hobby.

Sein Chauffeur steuerte den Wagen unerbittlich in die Sorische Allee 8, einem pompösen Haus für drei Bewohner im durchschnittlichen Alter von 86 Jahren. Dauvos fand, dies hätte ein gutes Beispiel für eine irreführende Zusammenfassung einer Messung ergeben. In diesem Haus lebten zwei Jungen von 14 und 15 Jahren, sowie der 230 Jahre alte Geist eines früheren Lordmagiers. Diesen Geist stufte Dauvos als den freundlichsten und harmlosesten Hausbewohner ein.

Dauvos ging zur Haustür und suchte nach dem Klingelzug. Statt dessen stieß er auf einen kleinen Knopf, bei dem ein „Hier läuten“ anzeigte, welche Funktion er erfüllte. Der Fürstphysiker drückte darauf und hörte ein Läuten, das in keinem Verhältnis zu dem Kraftaufwand stand, mit dem er den Knopf gedrückt hatte. Demnach betrieben die Hausbewohner eine elektrische Verstärkung, die es eigentlich nicht geben durfte, da dieses Haus nicht an die öffentliche Stromversorgung angeschlossen war. Vorsichtshalber wiederholte der Physiker das Experiment.

„Gefällt Ihnen unsere Klingel?“, erkundigte sich eine nicht gerade erwachsen klingende Stimme.

Dauvos erschrak leicht, dabei hätte er ahnen müssen, daß sich Odalin absolut lautlos bewegte. Odalin war der ältere der beiden Bengel, die hier wohnten. Mit 92 Zoll relativ klein gewachsen, mit knapp über hundert Pfund schlank, fielen nur seine blauen Augen auf. Damit endete bereits die Normalität, denn Odalin war einer der besten Sunmeister der Erde, er hätte Dauvos mühelos in Stücke reißen können. Außerdem war er Großmagier, was ihm den Titel eines Lord Ethirion eingebracht hatte.

„Ich habe eine solche Vorrichtung in einem Privathaus nicht erwartet“, gestand Dauvos.

„Was führt Sie zu uns, Lord Dauvos? Sie wollen doch nicht etwa unsere 10.000-Taler-Spezial-behandlung?“

„Sie überschätzen das Gehalt eines Fürstphysikers gewaltig“, erwiderte Dauvos. „Das kann sich höchstens ein Herzog leisten.“

Natürlich wußte Dauvos, worauf Odalin angespielt hatte. Diese unheimlichen Burschen beherrschten ein Verfahren, das den Empfänger und Jahrzehnte jünger werden ließ. Eine Behandlung, für die sie einen horrenden Preis forderten. Ein kaiserlicher Minister wurde mit 250 Talern pro Monat sehr gut bezahlt, doch diese Behandlung überstieg seine finanziellen Möglichkeiten.

„Seine Majestät wollen wissen, wie weit Sie mit Ferghis Maschine sind“, erklärte Dauvos ungewollt früh. Darauf hatte er erst kommen wollen, nachdem er hereingebeten worden war.

„Ach, herrje“, kommentierte Odalin. Er zögerte einen Moment, dann bot er an: „Ich zeige Ihnen etwas, das können Sie Seiner Majestät berichten.“

Der Junge führte den Fürstphysiker ins Nebengebäude. Dort stand eine eindrucksvolle Skulptur aus glänzendem Edelstahl, die wie ein Kegelstumpf mit geschwungenen Wandungen aussah. Das Objekt mochte anderthalb Klafter durchmessen und erstreckte sich mit drei Klaftern bis dicht unter die Decke. Erst dort zeigten massive Stromkabel, daß dieses Kunstwerk eine Funktion erfüllte.

„Ist das Ferghis Maschine?“, staunte Dauvos.

„Gefällt sie Ihnen?“

„Nun ja, sie ist...“ Dauvos suchte nach Worten und schaute sich reflexhaft um. Dabei fiel ihm das Speicheraggregat aus Auriel-Zellen auf. „Wenn das hier ausreicht, dann liefert dieses Aggregat nicht allzuviel Strom?“

„520 PS, es genügt für unseren privaten Bedarf.“

„Ich hätte mindestens zwei Zehnerpotenzen mehr erwartet“, gestand der Fürstphysiker.

„Mehr haben wir bis jetzt nicht zu bieten“, antwortete Odalin entschieden.

„Ach, Odalin, sei doch nicht so unfreundlich“, bat eine andere, noch hellere Stimme. Michael Ethirion war einfach da, ohne daß Dauvos bemerkt hatte, wie der in diesen Raum gekommen war. Er besaß die helle Haut der alten Meidonier, außerdem braunes Haar und nachtgraue Augen. Menschen mit derartigem Äußeren waren vor zehntausend Jahren ausgestorben. Immerhin war er kein Sunmeister, sondern Physiker, trotz seiner 14 Jahre ein Kollege. Mit 96 Zoll war er etwas größer als Odalin und früher auch deutlich schwerer. Heute schätzte Dauvos ihn auf 125 Pfund.

„Lord Ethirion.“ Dauvos begrüßte den Ankömmling mit einer leichten Verneigung.

„Lord Dauvos... Hier, sehen Sie.“ Der Hellhäutige führte den Besucher um die erste Maschine herum. Dort stand eine metallene Tonne, etwa einen Klafter hoch und einen halben Klafter im Durchmesser. „Das hier ist ein Thermostrom-Generator. Ich habe ihn in den letzten Tagen ein wenig verbessert, er leistet jetzt 120 PS elektrisch.“

„Erstaunlich“, fand Dauvos. „Allerdings sind Thermostromgeneratoren nicht sonderlich effektiv.“

„Nun ja – das Ding könnte mit einer einzigen magischen Aufladung 247½ Jahre Strom liefern“, behauptete Michael. „Sicher, diese Tonne ist unhandlich und läßt sich nicht regulieren, aber für die Grundlast eines Industriebetriebs würden solche Aggregate ausreichen.“

„Ich fürchte, bei Ihren Preisen wäre das unbezahlbar.“

„Vermutlich, ja.“ Michael vollführte eine allumfassende Bewegung. „Lord Dauvos, was wir hier haben, reicht für unsere Bedürfnisse vollkommen aus. Ich weiß, Seine Majestät will von Ihnen eine Antwort. Er hofft bestimmt auf eine negative Antwort, damit er sich richtig schön aufregen kann, ein bißchen über Sie und deutlich mehr über uns.

Also, sagen Sie ihm, Sie hätten einen Prototypen gesehen, der leider ganz und gar nicht den Erwartungen entspricht. Wir arbeiten daran, haben aber noch keine rechte Vorstellung, wie es besser werden soll.“

„Dann... dann ist das tatsächlich... Ferghis Maschine?“

Michael lachte auf. „Natürlich nicht. Das hier ist ein kompaktes Aufstromkraftwerk, das nur deshalb funktioniert, weil wir unten mit 1.200 Grad heizen und oben mit -100 Grad kühlen.“

Von einem Augenblick zum anderen wurde das Gerät durchsichtig. Im Inneren befand sich ein Trichter mit ähnlich geschwungenen Wandungen. Im Hals des Trichters steckte eine Turbine. Erhitztes Wasser im Fuß des Trichters strömte nach oben, verdampfte im Trichterhals und traf auf die brutal gekühlten Außenwände, welche es wieder verdichteten und nach unten rinnen ließen.

„Würden wir Heizung und Kühlung von außen betreiben, würde das mehr Energie kosten, als das Aggregat erzeugt. Da wir mit Magie arbeiten, können wir uns diesen Blödsinn leisten.“

Dauvos begriff, daß hier wirklich nur konventionelle, altbekannte Technik eingesetzt wurde. „1.200 Grad sind ein Wort. Sie haben Ihr Material hoffentlich dafür ausgelegt?“

„Berechnet ist das Aggregat auf 800 atü bei 1.500 Grad, wir betreiben es mit 500 atü bei 1.200 Grad. Wir sind damit auf der sicheren Seite.“

„Verstehe.“ Dauvos deutete auf die Akkumulatoren. „Sind das normale Auriel-Zellen?“

„Fast.“ Michael lächelte verlegen. „Askan Tovenar hat uns ein Verfahren gezeigt, um die Kapazität zu verdoppeln.“

„Ja, das kenne ich“, gab Dauvos zu.

„Dabei wird das Material in eine starre Kristallstruktur überführt, was sich durchaus auch technisch erreichen ließe. Was preiswerter ist, weiß ich nicht.“

„Amorphe Auriel-Zellen sind gut eingeführt, daran sollten Sie nichts ändern. Wer mehr möchte, soll einen Magier anheuern.“

„Soviel zu hohen Preisen“, kommentierte Odalin.

Dauvos lächelte das erste Mal. „Der Orden will schließlich auch leben. Aber ich sehe, Sie waren nicht untätig... Verzeihung, ich will damit sagen, daß Sie sich nicht nur mit den Heilverfahren beschäftigt haben.“

Michael lächelte zurück. „Außer Herzog Urian haben uns noch vier Fürsten aufgesucht, die unsere Spezialbehandlung wollten. Zudem haben wir eine Menge Frauen verschönert, da waren diese Tüfteleien an den Maschinen eine willkommene Abwechslung. Wir haben eine volle Woche gebraucht, um diese Turbine und deren Generator zu verbessern. Nebenher haben wir noch ein paar Kleinigkeiten konstruiert, die unser Leben angenehmer gestalten.“

„Darf ich die ebenfall sehen?“, bat der Fürstphysiker.

„Sicher, kommen Sie mit.“ Odalin führte den Minister einen Raum weiter in die Waschküche. Dort sorgte nicht nur ein Klimazauber für trockene Wärme, dort stand auch ein großer Kasten aus Metall.

„Das hier ist eine Waschmaschine“, erklärte Michael. „Unsere Hausmeisterin hatte am Anfang ein paar Schwierigkeiten mit der Bedienung, aber jetzt hat sie sich mit diesem Gerät derart angefreundet, daß wir den Verdacht haben, sie holt saubere Wäsche aus den Schränken, nur um diese Maschine zu benutzen.“

„Diese Maschine wäscht selbsttätig?“, staunte Dauvos.

„Man muß ihr schon sagen, was man von ihr will“, korrigierte Odalin. „Dafür haben wir diese Knöpfe und Schaltuhren. Dann geht es so gut, daß sogar ich schon mal damit gewaschen habe.“

„Ich komme mir vor, wie in einem Wunderland“, gestand Dauvos.

„Nun, wir zeigen Ihnen gerne noch ein weiteres Wunder“, kündigte Michael an. „Wenn Sie uns bitte in die Küche folgen?“

Die Küche befand sich im Hauptgebäude. An dem Elektroherd erkannte Lord Dauvos, daß es hier Strom im Überfluß gab. Solche kostspieligen Einzelstücke leisteten sich nur die vornehmsten Haushalte.

Michael zeigte dem Besucher keine weitere Maschine, er servierte eine Süßspeise aus farbigen, gefrorenen Blöcken, die jedem kaiserlichen Bankett zur Ehre gereicht hätte.

Odalin erklärte gönnerhaft: „Das ist Speiseeis, das wir mit unserer neuen Küchenmaschine herstellen.“

Er holte die Maschine aus dem Küchenschrank und führte Dauvos das Rührwerk mit den austauschbaren Werkzeugen vor.

„Es läßt sich auch von Hand rühren, aber das strengt mehr an und das Ergebnis ist schlechter“, verriet Michael. „Derzeit arbeiten wir an einem Geschirrspüler. Nächsten Monat dürften wir den fertig haben.“

„Bauen Sie das alles selbst?“, staunte Dauvos.

„Das wäre sogar uns zuviel“, erwiderte Odalin. „Wir lassen diese Maschinen bei der Firma Welkon bauen.“

„Ah, Welkon... Die sind wirklich gut, aber auch entsprechend teuer.“

Michael fiel ein, daß sie der Firma Welkon ein wenig helfen wollten. „Wir haben doch ein Stromdeputat? Können wir das auf die Firma Welkon übertragen? Wir sind schließlich Selbstversorger, da brauchen wir das Deputat nicht.“

„Eine solche Übertragung ist unzulässig“, beschied ihm Dauvos. „Das ginge nur, wenn Sie sich in diese Firma einkaufen.“ Er wechselte vorsichtshalber das Thema. „Seine Majestät will von Ihnen Ferghis Maschine. Mit diesem angeblichen Prototyp läßt er sich nicht abspeisen, er möchte die Konstruktionspläne dafür. Was passiert, wenn wir die Größe verdoppeln? Würde das Kraftwerk damit nicht deutlich leistungsstärker?“

„Theoretisch ja“, antwortete Odalin. „Aber leider nicht um Faktor acht. Ohne unseren Spezialstahl wird es schwer, den Druck auszuhalten. Zudem arbeiten wir mit den gleichen Temperaturen und Drücken, da sehe ich keinen großen Vorteil.“

„Durch eine permanente Verzauberung würde ein solches Kraftwerk wenigstens keine Brennstoffe erfordern“, überlegte Michael weiter. „Seien wir optimistisch, dann liefert diese Größe 5.000 PS – und das rund um die Uhr. Haben Sie dafür die Abnehmer?“

Dauvos nickte. „Die Minen von Kenosia würden diesen Strom abnehmen. Mehr noch, da ließen sich ein Dutzend solcher Aggregate aufstellen. Den Strom kriegen Sie auf jeden Fall los, keine Sorge.“

„Dummerweise sind diese Kraftwerke unbezahlbar teuer“, behauptete Odalin. „Wir haben damit eine Menge Arbeit.“

„Ein Nein wird Seine Majestät nicht akzeptieren“, warnte Dauvos. „Was soll ich ihm und dem Kronrat berichten?“

Michael stöhnte auf. „Sagen Sie meinetwegen, wir seien tüchtig dabei. Wir hätten einen Forschungsreaktor errichtet und experimentieren damit herum. Am meisten würde es uns helfen, wenn unser Stromdeputat an Welkon übertragen würde.“

„Aber das ist doch gar kein Fusionsreaktor, sondern ein ganz normales Dampfkraftwerk“, beschwerte sich Dauvos.

„Wenn Sie es ihm nicht sagen, wird er das nie merken“, versicherte Odalin. „Wir lassen sonst keinen an unsere Anlage. Solange niemand hineinschaut, merkt keiner, was wir da rumstehen haben. Betrachten Sie das als Beweis unseres Vertrauens.“

„Der Kaiser läßt diese Anlage aufschneiden, wenn er sich Gewißheit verschaffen will“, warnte Dauvos.

„Das wird bestimmt lustig“, versicherte Michael. „So ein Acetylen-Brenner liefert doch nur 3.200 Grad, oder?“

„Ja, das reicht doch, oder?“

„Nein.“

„Wie – nein?“

Michael erbarmte sich. „Dieser Spezialstahl läßt sich mit keinen Ihnen bekannten Werkzeugen angreifen und widersteht allem außer Plasmabrennern. Letztere dürften Sie nicht zur Verfügung haben.“

„Aber... Wie haben Sie den bearbeitet?“

Odalin feixte ihn an. „Ach, das gehört zu unseren Aufgaben als Großmagier. Ist eigentlich ganz leicht, wenn man es begriffen hat.“

Dauvos stöhnte auf. „Warum tun Sie das? Das bringt doch niemanden weiter? Dieser Stahl... der ist doch ebenfalls magisch erzeugt? Bei all diesen tollen Eigenschaften ist er nutzlos, wenn ihn sonst niemand herstellen und bearbeiten kann.“

Michael zuckte mit den Schultern. „Das ist ein Experiment, das sollten Sie als Physiker verstehen. Wenn die Menschheit diese Erfindungen benötigt, halten wir sie bereit.“

„Über den richtigen Zeitpunkt entscheiden allein Sie?“, vermutete Dauvos. „Ebenso wie über den richtigen Zeitpunkt für Ferghis Maschine?“

„Wissen Sie bessere Leute dafür?“, erkundigte sich Odalin.

„Das ist es ja gerade“, schimpfte Dauvos. „Sie haben so viele Fähigkeiten und vertrödeln Ihre Zeit...“

Michael schlug mit der Faust auf den Tisch, was sogar Odalin verwunderte. „Lord Dauvos, Zeit ist das, was wir wirklich im Überfluß haben. Wenn jemand die Mittel bekommt, sein Leben zu verlängern, so doch wir? Unser Hausgeist geht inzwischen davon aus, daß in 247 Jahren, wenn seine Wesenskerne erneuert werden müssen, wir es sein werden, die das übernehmen. Wir haben wirklich genug Zeit für all die schönen Erfindungen, die Sie oder Seine Majestät von uns erhoffen.“

Der Fürstphysiker erhob sich verärgert. „Verzeihung, aber meine Lebenszeit ist begrenzt. Deshalb möchte ich Sie nicht weiter vom Erfinden abhalten.“

Odalin begleitete ihn zur Haustür. „Lord Dauvos, berichten Sie Seiner Majestät, daß Sie hier schöne neue Maschinen gesehen haben und daß wir eifrig daran arbeiten, noch mehr zu erfinden. Das schont seine und Ihre Nerven.“

Dauvos ging auf diese Worte nicht ein. Erst auf der Rückfahrt entschied er, daß dieser Ratschlag sicherlich gut gemeint gewesen war.

*          *          *

Ein paar Tage später steuerte eine große Staatslimousine die Sorische Allee 8 an. Für die Anwohner war das zwar noch kein alltäglicher Anblick, sie hatten sich jedoch schon daran gewöhnt, daß hier gelegentlich ein Fahrzeug mit zwei Standern auftauchte. Ein interessierter Beobachter hätte allerdings bemerkt, daß das Weiß-Blau der Auriel das erste Mal erschien.

Herzog Seres hatte jenen Leibesumfang, der dem 56jährigen Autorität verlieh, ohne ihm gleich das Attribut „dick“ einzubringen. Er trug einen einfachen Straßenanzug und nahm nur einen Begleiter mit, als er das Haus betrat. Er wußte, daß gelegentlich nackte Damen im Behandlungszimmer standen, folglich sogar regierende Herzöge warten mußten, bis der nächste Patient aufgerufen wurde. Allerdings ging er davon aus, daß keiner der Anwesenden es wagen würde, vor ihm an der Reihe zu sein.

Folglich schritt er entschlossen auf Odalin zu, als dieser den nächsten Patienten aufrief. Er betrat das Zimmer allein, ohne seinen Diener.

„Ich bin Herzog Seres von den Waldlanden und ich bin gekommen, um diese verjüngende Behandlung zu erhalten“, stellte er sich vor.

„Willkommen, Eure Durchlaucht“, begrüßte ihn Odalin. „Die Behandlung besteht aus sieben Injektionen, eine davon als Vorbereitung. Das Medikament für die eigentliche Behandlung stellen wir personalisiert für den Patienten her, die Injektionen kann Euer Leibarzt vornehmen. Das Medikament könnt Ihr morgen abholen lassen. Und, wie Ihr bestimmt wißt, kostet die Behandlung 10.000 Taler.“

„Das finde ich reichlich viel“, gestand der Herzog. „Vor allem, da Sie das ja im Voraus wollen, wenn ich noch gar nicht weiß, ob diese Therapie bei mir anschlägt.“

Michael beruhigte ihn: „Wir garantieren für die Wirksamkeit des Medikaments.“

„Trotzdem, bei der Bezahlung muß etwas zu machen sein. Die Waldlande sind keine reiche Provinz, als siebte Familie sind wir Auriel vergleichsweise jung. Das müßte doch... Ich meine, 5.000 Taler sehe ich ja ein, aber 10.000?“

Odalin war sehr gut vorbereitet. „Die Auriel sind nach den Talestra und den Syrgon die drittreichste Familie der Welt. Das offizielle Vermögen wird mit 45 Millionen Talern angegeben, doch allein die Beteiligung an den Solarzellenfabriken bei Benjar dürfte mehr wert sein. Die Auriel verdienen an jedem Akkumulator, der auf der Welt produziert wird, diese heißen nicht umsonst Auriel-Zellen. Die Waldlande sind eine Schatzkammer an Rohstoffen, die wegen der spärlichen Besiedelung nur unzureichend ausgebeutet werden, allerdings treibt die Familie Auriel diese Erschließung eifrig voran. Soviel zu Eurem Vermögen, Herr.“

„Erlauben Sie wenigstens Ratenzahlung?“

„Aber sicher“, meinte Michael. „Die erste Injektion kostet Euch nur fünf Taler. Die Ampullen für die eigentliche Behandlung erhaltet Ihr nach und nach. Die erste für 1.500 Taler, die zweite für 1.600 Taler und so fort, bis zur sechsten für 2.000 Taler.“

„Aber dann bezahle ich ja 10.505 Taler“, stöhnte der Herzog auf.

„Ratenzahlung ist immer teuerer“, erwiderte Odalin. „Womöglich bekommt Ihr woanders einen besseren Preis?“

„Ihr beide seid wirklich Halsabschneider“, knurrte der Herzog und warf einen Beutel auf den Tisch. „Hier! 10.000 Taler! Seid ihr jetzt zufrieden?“

Michael lächelte freundlich. „Natürlich, Eure Durchlaucht. Wir benötigen von Euch eine Blutprobe, zugleich erhaltet Ihr die erste Injektion. Die komplette Therapie steht morgen Mittag zur Abholung bereit. Ihr braucht Euch nicht selbst zu bemühen, Euer Leibarzt genügt vollkommen. Selbst ein Diener würde nichts verkehrt machen. Die Ampullen sind von eins bis sechs beschriftet, das Medikament wirkt ausschließlich bei Euch und die Injektionen sollten im Abstand von etwa 24 Stunden erfolgen. Wir garantieren die Wirkung, wenn das Zeitfenster von 22 bis 30 Stunden eingehalten wird.“

„So, Sie garantieren“, knurrte der Herzog. „Und was genau garantieren Sie? Wie viele Jahre?“

Odalin zuckte mit den Schultern. „Da Ihr verhältnismäßig jung seid, zwanzig Jahre Verjüngung.“

„Also nicht so viel wie bei Agerias?“

Michael lächelte verlegen. „Bei Personen, die DAS BLUT besitzen, scheint die Therapie besonders gut anzuschlagen.“

Der Herzog wußte, daß er nicht zu diesem Kreis gehörte. Bestätigt war das nur bei zwei Personen: Lord Agerias, dem amtierenden Hohepriester, und Prinzessin Adrea Sahor aus den Feuchtlanden. Laut Gerüchten sollte Odalin Ethirion ebenfalls damit gesegnet sein.

„Eine Therapie, die einem dazu verhilft, haben Sie noch nicht im Angebot?“

„Nein.“ Odalin zögerte einen Augenblick. „Was wäre Euch eine solche Therapie wert?“

„Mir?“ Der Herzog überlegte seinerseits. „Für mich persönlich, 1.000 Taler. Für meine Familie, wenn es alle Nachkommen erben, gerne 10.000 Taler.“

„Dann lassen wir es lieber“, entschied Michael. „Lord Agerias dürfte das vermutlich nicht gefallen und den möchten wir nicht mehr verärgern als unbedingt nötig.“

*          *          *

Bei besagtem Lord Agerias hatte Odalin an diesem Abend noch einen Termin. Als Hohepriester von Atlantis kam er in der Rangordnung direkt nach dem Kaiser selbst. Sein Amt stand als einziges im Hochadel bürgerlichen Vertretern offen, denn es wurde erkämpft. Wer den bisherigen Hohepriester im Zweikampf besiegte, wurde sein Nachfolger. Der Tempel der Staatsreligion führte über die Amtsinhaber Buch, doch kaum jemand interessierte sich dafür, denn manche von ihnen hatten Amtszeiten von unter einer Woche. Lord Agerias war in dieser Beziehung eine doppelte Ausnahme: Zum einen bekleidete er das Amt bereits seit 35 Jahren, zum anderen gehörte er als Großfürst von Atlantis schon durch seine Abstammung zum obersten Adel.

Seine Familie, die Talestra, besaß bis zum Auftauchen von Adrea Sahor als einzige DAS BLUT, das zu körperlicher Stärke und Schnelligkeit, robuster Gesundheit, jedoch nicht zu einem außergewöhnlich langem Leben verhalf. Kraft und Schnelligkeit des Großmeisters hatten bislang für alle Herausforderer mehr als ausgereicht. Nur das Alter hätte diesen Mann schließlich fällen können. Junge Sunmeister hatten zu hoffen begonnen... Leider vergeblich, denn Agerias sah wieder aus wie Anfang Zwanzig und er fühlte sich auch so.

Das bekam Odalin zweimal die Woche zu spüren, denn er trainierte als Einziger freiwillig mit Agerias. Er teilte mit dem Hohepriester zwei Geheimnisse, von denen jedes die Welt hätte aufhorchen lassen. Zum einen war Odalin der bessere Kämpfer, er hätte eine Herausforderung sogar gegen diesen stark verjüngten Mann gewonnen, wenn auch mit deutlich mehr Mühe als vor dieser Behandlung.

Zum anderen hatte Odalin nicht die geringste Lust, diese Herausforderung auszusprechen. Er wollte sich nicht mit dem Amt des Hohepriesters belasten und er fand, daß sein Großvater genau der Richtige war, um diese Position auch noch die nächsten 40 Jahre auszufüllen.

Agerias trieb seinen Enkel wie so häufig mit wuchtigen Schlägen durch jene private Trainingshalle, die ihm als Hohepriester zur Verfügung stand. Sehr zu seinem Ärger beschränkte sich der Junge auf leichte Blocks und Ausweichbewegungen. Agerias wußte natürlich, daß Ärger ein schlechter Ratgeber für einen Zweikampf war, doch dieser distanzierte, fast überhebliche Kampfstil zehrte an seinen Nerven.

Die Quittung dafür kam, als Odalin eine Lücke in der Deckung bemerkte. Diesmal öffnete sein Vorwärtsblock die Deckung noch weiter, für die abschließende ToCara. Diese Technik lähmte einen Gegner an Armen und Beinen zugleich, deshalb hatte Odalin Hände und Füße nur flach aufgesetzt.

„MISTVIEH!“, wurde er trotzdem angebrüllt. „Du scheinst jede Woche noch besser zu werden.“

„Ich gebe mir alle Mühe“, versicherte Odalin.

„Ja, doch da gibt es eine Sache, die ich jede Woche bei dir anmahnen muß, ohne daß du mir endlich Bescheid gibst. Wann besuchen wir das Grab deiner Eltern?“

„Oh, ich...“

„Genug Ausflüchte!“, fauchte Agerias. „Nächste Woche beginnen die Inspektionsflüge, ich will nicht noch mal zwei Monate warten.“

Da Odalin nicht antwortete, fügte er hinzu: „Ich weiß, du willst dich der Realität nicht stellen, daß du ein ganz gewöhnlicher Mensch bist, mit Eltern und einer Familie. Aber sei bitte ehrlich: DIESER Familie mußt du dich wirklich nicht schämen!“

„Ich weiß“, murmelte Odalin.

„Also, wann gehen wir?“ Da Odalin zögerte, setzte Agerias hinzu: „Jetzt sag ja nicht morgen, du weißt, daß da der Kronrat tagt.“

„Am Trikanis Nachmittag“, schlug Odalin schweren Herzens vor. „Wir holen dich ab.“

„Nein – ich bin um 12:30 Uhr bei euch.“

„Da kommen wir ja kaum zum Mittagessen“, stöhnte Odalin auf.

„Du hattest die letzten Monate Zeit genug“, beschied ihm Agerias.

Eine Sekunde später flog er drei Klafter durch die Luft. Auf einen derart massiven Angriff war er nicht vorbereitet gewesen, doch er rollte ab und ging in Kampfstellung. Odalin überraschte ihn, weil er einen flachen Sprung vollführt hatte und jetzt von unten auftauchte. Agerias’ Verteidigung wurde weggefegt. Der Großmeister reagierte mit einem Tritt, der Odalin erwischte und wegschleuderte. Doch dieser Erfolg hatte einen hohen Preis gehabt: Agerias spürte die Speerhand auf seinem Kehlkopf. Der Schlag war präzise ausgeführt worden, leicht und voll kontrolliert. Nur deshalb lebte der Hohepriester noch, anstatt mit zerschmettertem Kehlkopf im Todeskampf nach Luft zu ringen.

„13 Uhr, nach dem Essen?“, fragte Odalin scheinheilig den Harmlosen spielend.

„Mistvieh! Einverstanden.“

*          *          *

Michael mochte keine Besucher, vor allem dann nicht, wenn er allein im Haus war. Wer immer hereinschneite, er war seiner Meinung nach bei Odalin viel besser aufgehoben als bei ihm.

Trotzdem ging er seufzend zur Haustür, als es dort das zweite Mal klingelte. „Ein harmloser Bittsteller“, verriet eine Stimme ohne ersichtliche Quelle. Askans Neugierde ersetzte jeden Türspion.

Der Besucher war immerhin zehn Zoll größer, zwanzig Pfund schwerer und doppelt so alt wie Michael, allerdings zugleich auch ein nützlicher Geschäftspartner.

„Eure Durchlaucht?“

„Ich habe euch doch meinen Besuch angekündigt“, erwiderte Herzog Pelovis von den Seelanden. Er war der jüngste Statthalter des Reiches, sogar in dreifacher Hinsicht: vom Lebens-, vom Dienst- und vom Familienalter. Seine Eltern und sein älterer Bruder waren in einem Sturm ertrunken, deshalb hatte er als Zweitgeborener nachrücken und seine erfolgreiche Karriere im Sorischen Orden aufgeben müssen.

„Ach ja, richtig.“ Michael gab den Weg ins Haus frei. „Wenn Ihr ein wenig plaudern wollt, möchte ich Euch in den ersten Stock bitten. Darf ich Euch Vayal anbieten?“

„Gerne.“

„Askan, würdest du bitte unseren Gast führen?“

So genötigt, projizierte Askan Tovenar einen Körper. So hatte er mit Vierzig ausgesehen, schlank, hochgewachsen, mit den ersten Spuren des Alters im Gesicht, welche die Erfahrung des Mannes anzeigten.

„Eure Durchlaucht?“, bat der Geist.

Der Herzog musterte ihn interessiert. „Sie sind der erste Fortexistierende, der mir begegnet. Können Sie mir sagen...“

Michael ging in die Küche. Ein Tablett mit einem Krug Vayal und drei Gläsern – falls Odalin dazustoßen sollte – hätte Askan nur mit größtem Aufwand ins Wohnzimmer bringen können. Für solche Verrichtungen eignete sich ein fleischlicher Körper deutlich besser.

Der Herzog hatte sich einen Sessel gesucht und Michaels vorheriges Lager auf der Couch so wenig angetastet wie die herumliegenden Zettel mit Berechnungen. Allerdings spielte er mit einem Sechskantstab, den der Eonater untersucht hatte.

„Interessantes Material“, befand er und sprach damit zugleich eine Frage aus.

„Leider bisher so nutzlos, daß ich dafür noch nicht einmal einen Namen vergeben habe“, erwiderte Michael und schenkte ein. „Selbst Odalinium ist bis jetzt auf keinerlei Gegenliebe gestoßen.“

„Ein unbekanntes Metall?“, staunte der Herzog.

„Ja, es ist magnetisch und taugt als Ballast für Schiffe, allerdings wäre Blei bedeutend billiger.“

„Dann sollten wir es vorerst bei Blei belassen.“ Der Herzog legte den Stab auf den Tisch und trank einen Schluck. „Odalin ist in der Stadt unterwegs?“

„Er hat einen Schüler gefunden, der von ihm Unterricht in Sun haben möchte“, antwortete Michael am Rande der Wahrheit. „Mit dem trainiert er zweimal die Woche.“

Askan stieß ein Glucksen aus, das auf ein mühsam unterdrücktes Auflachen erinnerte. Seine Gesichtszüge hatte er davon abgekoppelt, deshalb wußte Pelovis nicht, daß hier ein Anfall von Heiterkeit stattfand.

„Nun ja, so hat jeder sein Vergnügen.“ Nach diesem Vorgeplänkel kam der Herzog auf den Grund seines Besuches. „Das Muster in Tedoris ist fertig, ihm fehlt leider noch immer das Herz. Ich könnte natürlich den Kronrat einschalten, doch das würde Lord Aran schwächen... Die älteren Meistermagier suchen nur einen Grund, ihn zu stürzen.“

„Oh...“

„Ich habe mir überlegt, lieber euch ein Herz abzukaufen. Eine Million kann ich mir aber nicht leisten, die Seelande sind das ärmste Reichsland. 200.000 Taler gingen jedoch. Ravost und ich zahlen je ein Viertel aus unserem Privatvermögen, die beiden restlichen Viertel entrichten Yakura und die Seelande.“

„Ich weiß nicht...“

„Es bliebe unter uns, ich werde mich hüten, einem anderen Herzog zu sagen, daß ich einen absoluten Sonderpreis bekommen habe.“

„Ist das wirklich so wichtig für Euch?“, wunderte sich Michael. „Tedoris hat Jahrtausende ohne Muster existiert, da kommt es auf ein paar Monate doch nicht an. Aran wird den Tesseract schließlich herausgeben.“

„Ich hatte gehofft, Eure Freundschaft zu Ravost und mir...“, setzte Pelovis an.

„Ach ja, Freundschaft“, seufzte Michael. „Die wird sehr gerne erwähnt, wenn der Betreffende etwas haben will. Darf ich Euch um ein paar Minuten Ruhe bitten? Ihr dürft solange in diesem Buch blättern.“

Der Hellhäutige zog ein etwas zerfleddertes billig hergestelltes Buch unter dem Papierstapel hervor und schob es dem Herzog hin. Der las: Irrtümer der Physik und beschloß spontan, dieses Buch lieber nicht anzufassen.

Nach einigen Augenblicken des Schweigens fragte er Askan: „Denkt er jetzt über meine Bitte nach?“

„Nein, er bastelt den Tesseract zusammen“, erwiderte der Geist.

„Bitte? Das geht so schnell, daß ich darauf warten kann?“

„Ja, dabei hat er nur die kleine Kalledrische Maschine zur Verfügung, weil die große durch das Medikament für Herzog Seres belegt ist“, antwortete Askan bereitwillig.

Der Herzog horchte auf. „Ich habe noch nie von einer Kalledrischen Maschine gehört. Ich kenne nur die Pyramide.“

„Maschine ist der falsche Ausdruck für eine deutlich verbesserte Kalledrische Pyramide. Michael hat das Objekt so genannt, um die Art des Objekts zu verschleiern, dabei könnte kein Magier der Welt eine solche nachbauen.“

Auf dem Tisch erschien ein Metallwürfel von einem Zoll Seitenlänge. Michael atmete tief ein und betrachtete sein Werk. „Ja, der funktioniert. Wenn Ihr wollt, bauen wir den gleich ein.“

„Das ist ein verbessertes Herz?“ Pelovis benutzte die Bezeichnung des Sorischen Ordens, Herz des Musters. Die physikalische Bezeichnung, Hyperwürfel oder Tesseract, gefiel ihm einfach nicht.

„Sicher.“ Die Magier arbeiteten unsauber, ihre „Herzen“ wiesen zahlreiche Fehlstellen auf. Dieser Würfel hingegen war komplett durchgeformt. Er verlieh einem Muster eine höhere Transportkapazität als die Erzeugnisse der Magier.

Es gab noch einen Unterschied: Die Arbeit an einem Hyperwürfel kostete einem Magier fast immer den Verstand und zumeist auch das Leben, deshalb hatte es viertausend Jahre lang niemand mehr versucht. Erst Odalin und Michael hatten den Herstellungsprozeß gemeistert. Bis jetzt hatte es jedoch kein Herzog und nicht einmal der Kronrat gewagt, von ihnen neue Tesseracte zu fordern.

„Dann wäre es mir lieber, wenn wir dieses Herz in Vardosia einsetzen und das von Vardosia nach Tedoris bringen.“

„Nach Vardosia darf ich alleine, aber wenn wir Tedoris besuchen, will Odalin unbedingt dabei sein.“ Michael lächelte und hob die Schultern. „Sonst hängt bei uns der Haussegen schief.“

„Wann erwartest du ihn?“

Michael wies auf das Tablett. „Ich hatte angenommen, er würde dieses Glas füllen, bevor ich das meine ausgetrunken habe.“

„Gute Idee“, befand eine Stimme aus Richtung der Tür zum Treppenhaus. „Der Große Sun segne Eure Durchlaucht.“

Pelovis musterte die halbnackte Gestalt verblüfft. Spielende Muskeln unter nackter Haut ließen Odalin deutlich größer erscheinen, als er korrekt angezogen wirkte.

Der Sunmeister bemerkte den Blick des Herzogs. „Wenn ich mich sowieso dusche, ziehe ich mich nicht erst an.“ Er zögerte einen Augenblick, schaute Michael intensiv in die Augen und nickte. „Ja, Vardosia schaffst du ohne mich, gib mir Bescheid, wenn ihr nach Tedoris geht.“

Odalin drehte um und verließ das Wohnzimmer.

„Das heißt, wir gehen jetzt gleich nach Vardosia?“, vergewisserte sich der Herzog.

„Ja – und wir sollten Ravost Bescheid geben, daß er einen Imbiß vorbereitet. Wie lange dauert so ein Austausch eines Tesseracts?“

„Wir müssen das Muster schließen, da sind einige Protokolle einzuhalten“, überlegte Pelovis. Mindestens eine halbe Stunde.“

„Geben wir ein wenig Sicherheit zu“, schlug Michael vor. „Ich unterrichte den Fürsten, daß wir in einer Stunde sein Muster eröffnen.“

*          *          *

Michaels Schätzung erwies sich als besser als jene des Herzogs. Pelovis schickte persönlich den Blockadeimpuls aus, doch er bestand darauf, daß vier Magier diesen während der ganzen Zeit aufrecht erhielten. Nach einer Viertelstunde hatte er nur zwei Magier aufgetrieben, folglich übernahm Michael und versprach, zwei weitere Magier zu ersetzen.

Mit dem geeigneten Werkzeug – es ähnelte dem eines Uhrmachers, um einen Gehäuseboden zu öffnen, hatte aber die zwanzigfache Größe – wuchteten zwei junge Magier den Verschluß auf, unter dem der Tesseract ruhte. Pelovis nahm ihn selbst heraus und murmelte von einer „Farbübertragung“. Diese dauerte eine weitere Viertelstunde. Danach prüfte der Herzog ausgiebig, ob alles gelungen war, bevor er den neuen Tesseract in die Bodenöffnung versenkte und diese wieder verschrauben ließ.

Der Blockadeimpuls sollte fortgesetzt werden. Pelovis hingegen verschwand und kehrte nach einigen Minuten zufrieden zurück. Er hatte das Muster von Gedalan aufgesucht und Vardosia erfolgreich angesprungen. Jetzt durfte das Muster freigegeben werden.

Michael gab Odalin Bescheid und sprang mit Pelovis nach Tedoris. Dort erlitt der Herzog erst einmal einen leichten Nervenzusammenbruch, als er bemerkte, daß Odalin direkt neben ihm materialisiert war.

„Du hast uns alle gefährdet! Wenn du in uns hineingesprungen wärst, hätte das eine Katastrophe ausgelöst! Das war unverantwortlich! Um das zu vermeiden haben wir die Musterprotokolle entwickelt, die jeder einhalten muß!“

„Durchlaucht...“, begann Michael begütigend.

„Nein, das muß ich sagen, gerade als Freund!“

Michael entschied, die Vorrede wegzulassen. „Ich habe den Sprung koordiniert.“

„Wie bitte? Ich... Ich verstehe nicht?“

„Ich habe Odalin seine Zielposition angegeben und seinen Abstoßimpuls ausgelöst. Wir sind somit kontrolliert eingetaucht.“

„Aber das... aber das...“

Odalin klopfte ihm auf die Schulter. „Das zeigt das Können eines Großmagiers.“

„Willkommen in Tedoris“, begrüßte sie jemand, der geduldig das Ende des kleinen Streits abgewartet hatte. Die Stimme gehörte einem kräftigen Mann mit strengem, abweisendem Gesicht, in dem das erfreute, ehrlich gemeinte Lächeln ein wenig deplaziert wirkte.

„Der Große Sun segne Euch, Fürst Ravost“, begrüßte ihn Odalin. „Prinz Delos, Dr. Nobar – danke, daß Ihr uns begrüßt.“

Außer dem Fürsten, seinem Sohn und seinem Leib¬arzt standen noch mindestens zehn Angehörige des Sorischen Ordens in der Musterhalle, die sich nur durch die Schrift „Tedoris“ an der Wand von anderen Mustern unterschied. Michael nickte diesen Magiern freundlich zu, er wurde im Gegenzug ignoriert. Da Odalin und Michael dem Suntempel unterstanden, wurden sie von Angehörigen des Ordens nicht als Kollegen angesehen.

„Ich wäre ein schlechter Fürst, wenn ich das wichtigste Ereignis meiner ganzen Dynastie ohne mich stattfinden ließe“, erklärte Fürst Ravost. Er verbeugte sich vor dem Herzog. „Und als treuer Vasall empfange ich natürlich meinen Lehnsherrn.“

„Die Inbetriebnahme eines Musters ist derart bedeutend?“, staunte Michael.

„Für uns gewöhnliche Magier schon“, stichelte Pelovis. „Seit viertausend Jahren hat niemand mehr gewagt, das Herz eines Musters anzufertigen.“

Ein weißhaariger Mann trat auf sie zu, verbeugte sich vor dem Herzog und fragte: „Herr, ist dieses Herz sicher? Ich meine... Ein unerprobtes Herz...“

Der Herzog lachte auf. „Keine Sorge, Professor Malten, dieses Herz hat über 4.000 Jahre seinen Dienst in Vardosia versehen. Die neuen... Tesseracte erlauben ein 50 Prozent größeres Transportvolumen, deshalb verwenden wir sie in den Hauptstädten.“

Ein deutlich jüngerer Magier rückte mit dem überdimensionalen Uhrmacherwerkzeug an und öffnete die Bodenkapsel.

Dr. Nobar nutzte die Ablenkung, um Michael leise zu sagen: „Ich habe noch nie von einem Großmagier gehört, der nur den 14. Machtgrad erreicht hat.“ Er lächelte freundlich. „Deine... Ihre Patienten sind alle gesund.“

Odalin hatte alles verstanden. „Keine Sorge, Dr. Nobar, ob Großmagier oder nicht, ein Vierzehnjähriger nimmt es nicht übel, wenn er geduzt wird. Ich bin übrigens mittlerweile Fünfzehn.“

„Danke für den Hinweis“, erwiderte der fürstliche Leibarzt. „Wobei bei euch beiden vermutlich jeder Vergos-Test mehr aussagt, als ein paar Zahlen auf der Geburtsurkunde.“

„Ein aktueller Vergos-Test von dir würde mich auch interessieren“, gab Pelovis zu.

„Dabei kommt nur heraus, daß ich den Test bestehe“, wiegelte Michael ab.

Der junge Magier hatte den Deckel erfolgreich entfernt und trat jetzt zurück. Pelovis hielt den Tesseract hoch und verkündete: „Hiermit nehme ich das neue Muster des Ordens hier in Tedoris in Betrieb!“

Er setzte den einzölligen Tesseract in seine Halterung, wo er als Eisenkern einer Spule fungierte. Jene innere Spule hatte einen Durchmesser von zehn Zoll. Es gab noch eine äußere Spule, die zwei Klafter durchmaß. Zwei Heizsteine und zwei Kühlsteine sorgten für einen Thermostrom, der ein Magnetfeld erzeugte, das durch den Tesseract zu einem Hyperfeld wurde. Dieses Hyperfeld erlaubte eine sichere Materialisation bei einer Teleportation. Kein Angehöriger des Ordens wagte einen freien Sprung auf ein Ziel ohne ein solches Hyperfeld.

Der Jungmagier schloß den Tesseract weg. Damit war alles installiert. Odalin und Michael spürten, wie sich das Hyperfeld aufbaute.

„Sie haben die Ehre, Professor“, bestimmte der Herzog. „Sie dürfen den ersten Sprung auf das neue Muster durchführen.“

Prof. Malten nickte und verschwand nach einer guten Minute. Alle Anwesenden räumten das Muster und warteten auf seine Rückkehr. Die Magier spürten, wie das Muster vor ihnen reserviert wurde. Die Beleuchtung wechselte auf Rotlicht. Eine Minute geschah nichts mehr, dann entstand der Professor im Zentrum des Musters.

„Ich melde Vollzug, Herr“, verkündete er pathetisch. „Tedoris ist an das Netz der Muster angeschlossen.“

„Sehr gut“, antwortete der Herzog. „Lieber Fürst, damit ist Ihre Residenz in den Kreis der Weltstädte aufgenommen.“

„Das freut mich, Eure Durchlaucht. Wir haben einen kleinen Imbiß vorbereitet, wenn Sie mir bitte folgen wollen?“

„Das trifft sich gut“, kommentierte Odalin. „Ich hatte noch kein Abendessen.“

Fürst Ravost hatte die Stunde genutzt und auftischen lassen, was Küche und Keller hergaben. Odalin entschied sich, besonders höflich zu sein und lieber ein wenig mehr zu nehmen und dafür öfter zuzulangen.

Dr. Nobar nutzte die heitere Stimmung für einen erneuten Vorstoß: „Warum verweigerst du dich einem Vergos-Test?“

Michael stöhnte auf. „Ich habe den Machtgrad 34 oder vielleicht auch 35 erreicht – sind Sie jetzt zufrieden?“

„Nein“, antwortete Herzog Pelovis. „Das wäre für den Orden durchaus interessant. Die 35 hat es nur ein einziges Mal gegeben – bei Tarman Sor.“

„Und bei Askan Tovenar“, ergänzte Michael. „Der hat die 35 ebenfalls erreicht.“

„Bist du denn gar nicht neugierig?“, wunderte sich Pelovis. „Es wäre eine Ehre, mit Tarman Sor gleichzuziehen.“

„Wir gehen nach Poseidonis und Ihr benutzt das Muster“, schlug Michael vor.

„Ach, laß sie doch“, fiel ihm Odalin in den Rücken. „Wenn die unbedingt wollen...“

„Mistvieh!“ Michael zögerte einen Augenblick, bevor er hinzufügte: „Oder besser: Verräter! Ich hatte geglaubt, du seiest auf meiner Seite!“

Odalin lachte auf. „Bin ich doch! Wenn dich jemand verprügeln will, bekommt er es mit mir zu tun. Aber diesen harmlosen Test kannst du mit dir geschehen lassen.“

„Ach ja? Warum machst du nicht gleich mit?“

„Gute Idee“, fand Odalin. „Ich würde als Einziger erkennen, wenn du Mendrals Schild anwendest.“

„Ich gebe auf“, jammerte Michael. „Wer immer messen möchte – nur zu.“

Odalin sprang als Erster auf, der Herzog reagierte noch einen Augenblick vor Dr. Nobar. ‚So kann ich die beiden kontrollieren und vor Rückkopplungen schützen’, gab Odalin unhörbar durch. ‚Und ja, ich bin auch neugierig.’

‚Mistvieh!’

‚Der letzte Test ist Monate her’, verteidigte sich Odalin. ‚Wir hätten das längst selbst machen sollen.’

Michael senkte seine Abwehr, die sonst einen Machtgrad von 14 vorgaukelte. Einen überraschenden Angriff hätte er jetzt nur mit Mühe abwehren können, allerdings gab es in seinem Geist mindestens eine weitere Sicherung, die unbewußt funktionierte und schon einigen Magiern zum Verhängnis geworden war.

Unter Odalins Führung legten Pelovis und Nobar die Hände auf Michaels Kopf und konzentrierten sich auf den Zauber. Nach einer halben Minute brach der fürstliche Leibarzt ab. „Das gibt es nicht!“

„Doch – ich habe das ebenfalls gemessen“, beruhigte ihn der Herzog. „Auch, wenn ich das kaum glauben kann.“

Odalin lachte auf. „So viel mehr als bei Tarman Sor ist das doch gar nicht. Machtgrad 37 – ein klein wenig mehr als erwartet.“

„Jetzt glaube ich das mit der koordinierten Materialisation“, murmelte Pelovis. „37 – und Michael ist erst 14... Das bedeutet, der Grad wird noch weiter ansteigen.“

„Bei mir wohl auch“, sagte Odalin bestimmt. „Obwohl ich schon 15 bin.“

„Du stehst immerhin kurz vor dem 33. Machtgrad“, verriet ihm Michael. „Seine Durchlaucht hat den 28. Machtgrad erreicht und Dr. Nobar den 18. Grad.“

Der Herzog lächelte. „Wenn du das während unseres Tests herausgefunden hast, ist das eine großartige Leistung. Allerdings hast du mich ein wenig überschätzt – ich habe seit Jahren den 27. Machtgrad. Ich komme nicht mehr dazu, mich zu verbessern.“

„Dr. Nobar wird das gerne herausfinden“, schlug Odalin vor.

„Wenn ich darf, Herr?“, fragte der Arzt.

„Nur zu“, erwiderte der Herzog. „Ich mache daraus kein solches Geheimnis, wie die beiden Herren aus Poseidonis.“

Nach einer Weile sagte der Leibarzt: „28 – wie es Michael gesagt hat. Ich habe dreimal nachgemessen.“

„Das ist nicht möglich...“

Michael zuckte mit den Schultern. „Natürlich ist es möglich. Mirtotscha – ein paar Leute sind gestorben, ein paar andere wurden wahnsinnig und mit unserem Medikament geheilt, die meisten Menschen sind nicht betroffen und ein paar bekommen Entwicklungsschübe.“

Fürst Ravost überlegte laut: „Ein Medikament, das Angehörigen des Ordens zu höheren Graden verhilft, wäre bestimmt ein Verkaufsschlager.“

„Ganz bestimmt“, kommentierte Odalin amüsiert. „Vor allem, wenn der Tempel entscheidet, wer es bekommt und wer nicht.“

„Der Tempel?“, begehrte Pelovis auf. „Ach so, ja, ihr gehört ja zu Lord Agerias...“

„Ihr gehört dem Suntempel an?“, staunte Ravost.

Michael nickte. „Ja. Für besonders schwierige Zau¬ber benötigen wir den Altar des Vaters der Sonne, da war es nur logisch, sich dem Tempel anzuschließen.“

Odalin fügte hinzu: „Schon allein, weil Agerias uns verboten hat, in den Orden einzutreten.“

„Was ist mit eurem dritten Mann?“, erkundigte sich der Fürst. „Das war doch dieser Lord Seben?“

Michael lächelte freundlich. „Das war eine Schutzbehauptung, Lord Seben gehört nicht zu uns, dem Vater der Sonne sei Dank! Unser dritter ‚Mann’ ist mittlerweile bekannt: Prinzessin Adrea Sahor. Sie balanciert uns aus, wenn wir am Altar arbeiten.“

„Sahor? Die Tochter des Herzogs der Feuchtlande?“

Odalin nickte. „Ja – und die zukünftige Syrgonia. Es ist also gar nicht einfach, uns zu unerlaubten Zaubern zu überreden.“

„Da habt ihr wirklich hochkarätige Gönner gefunden“, bestätigte der Fürst.

Michael beschloß, den Besuch zu beenden. „Wir leben trotzdem nach poseidonischer Zeit. Für uns ist es spät am Abend – und ich denke, Seine Durchlaucht möchte ebenfalls ein paar Stunden schlafen, vor dem Kronrat.“

*          *          *

Lord Agerias erschien um 12:43 Uhr, er hatte sich demnach weitgehend an die Vorgabe seines Enkels gehalten. Ohne diese Vorgabe wäre Odalin ganz sicher keine Zeit zum Mittagessen geblieben.

„Ich bin auch gleich der Bote vom Kronrat“, eröffnete der Hohepriester. „Künftig dürft ihr diese Verjüngung nur durchführen, wenn sie durch Seine Majestät oder den Kronrat genehmigt worden ist.“

Odalin legte den Kopf schief. „Laß mich raten – Seres hat dafür gestimmt?“

„Ja – er hat allerdings vorher verraten, daß er die Therapie bereits begonnen und vor allem bezahlt hätte.“

Michael nahm das gelassen auf. „Ich habe nichts dagegen. Diese Behandlungen sind eher lästig.“

Agerias knurrte: „Ich bin leider selbst ein schlechtes Beispiel, aber vermutlich wollen die lieben Kollegen verhindern, daß ich in 40 Jahren noch einmal verjüngt werde. Es geht sowieso nur ums Geld. Wer die Behandlung haben will, zahlt jetzt 25.000 Taler. 5.000 an den Kaiser, damit der sie genehmigt, 10.000 Taler Sondersteuer und 10.000 an euch. Bei euch werden sie deshalb feilschen wollen.“

„Da sind sie bei mir genau richtig“, versicherte Odalin. „Ich feilsche ziemlich gut.“

„Können wir jetzt endlich los?“, drängte der Hohepriester.

„Ja doch“, antwortete Odalin. Er ergriff Agerias am Arm, faßte mit der anderen Hand nach Michael und signalisierte so, daß dieser den Schnellen Weg einleiten konnte. Augenblicke später fielen sie aus ein paar Zoll Höhe in eine bewachsene Landschaft.

„Hast du dich versprungen?“, knurrte Agerias.

„Nein“, erwiderte Michael gelassen. „Jeder dieser Grashalme wird zur Messerklinge, wenn wir dazwischen materialisieren.“

„Was tust du überhaupt hier?“, beschwerte sich Agerias. „Das ist eine Familienangelegenheit!“

„Eben“, konterte Odalin. „Michael gehört zur Familie.“ Er schaute sich um. „Das muß das Flugzeug sein – zumindest seine Überreste.“

Die zweimotorige Maschine war bei der Notlandung durch Scherwinde erfaßt worden, die zum unkontrollierten Absturz führten. Der Treibstoff an Bord war verbraucht gewesen, das Wrack hatte folglich nicht gebrannt. Trotzdem fehlten größere Teile.

„Dort ist das Grab“, stellte Odalin fest. Er ging mit seinem Großvater hinüber. Mehr als ein Pflock mit einer kleinen Tafel daran war nicht zu sehen. Ziemlich verwittert, gerade noch zu lesen, stand darauf in ungelenker Schrift: Ein unbekannter Flieger und seine Frau.

Odalins Sinne drangen in die Tiefe des Grabes vor, fanden dort die beiden Skelette. Das also waren seine Eltern... Odalin fühlte nichts für sie. Er hatte sie nie kennengelernt, sich damit abgefunden, aus dem Nichts entstanden zu sein. Jetzt einer Familie anzugehören empfand er als Ballast.

„Tihesin...“, schluchzte Agerias. „Ich hätte dir so viel zu sagen gehabt!“

Odalin atmete tief ein. „Der Vater der Sonne hat sie in sein Reich aufgenommen, bis ihre Zeit gekommen ist, um in ein neues Leben zurückzukehren.“

„Das klingt verdammt kalt“, warf ihm Agerias vor.

Odalin erwiderte achselzuckend: „Mag sein, es ist trotzdem die Wahrheit. Tihesin und Messania sind tot, ihre Seelen leben jetzt in Eleulorien. Was soll ich demnach für sie tun?“

„Einen Segen sprechen, ein Gebet... Irgend etwas, was Anteilnahme zeigt.“

„Das ist dein Fachgebiet, du bist hier der Priester.“

Agerias ballte die Fäuste, bevor er sich dem Grab zuwandte und seine Arme segnend ausstreckte. „Der Große Sun segne euch, er empfange euch in seiner Gnade, er gebe euch das Licht des jenseitigen Lebens!“

Odalin nickte und ging zu Michael. „Hast du etwas gefunden?“

„Nein“, erwiderte der Eonater. „Die Maschine wurde gründlich ausgeschlachtet. Die haben sogar die Motoren demontiert.“

„Wozu denn das?“, staunte Odalin. „Hat da jemand Ersatzteile gebraucht?“

„Nein.“ Michael lachte kurz auf. „So ein Flugzeug ist eine gute Rohstoffquelle. Der beste Stahl, den sich ein Dorfschmied wünschen kann. Die haben verwertet, was vom Himmel gefallen ist.“

„Das werden sie büßen“, versprach Agerias. „Wo sind diese Leute?“

„Diese Leute haben mir das Leben gerettet“, widersprach Odalin. „Auch wenn sie mich wenig später ausgesetzt haben.“

„Sie hätten den Absturz melden müssen“, beharrte Agerias auf seiner Position.

„Betrachten wir die Angelegenheit als verjährt“, schlug Michael vor. „Nach 15 Jahren sollten wir die Toten ruhen lassen.“

„Es sind ja nicht DEINE Toten“, blaffte Agerias.

„Die Toten gehören keinem“, beschied Odalin. „Diese Bauern haben sie bestattet. Das Flugzeug zu bergen wäre teurer gekommen, als es hier verrotten zu lassen, da haben die sich eben bedient. Also, reg dich nicht auf!“

„Er will sich aber aufregen“, stellte Michael fest. „Wir sollten nach Poseidonis zurückkehren.“

„Das wagst du nicht!“

„Es ist kein Wagnis“, knurrte Michael zurück. „Wir sind auf diese Welt gekommen, um unsere Pflicht zu erfüllen. Wir sind nicht hier, um die Familie Talestra wieder aufleben zu lassen. Das ist DEINE Aufgabe, Agerias Talestra, du bist wieder jung genug dazu. Vereinnahme uns nicht, stelle dich nicht in unseren Weg. Wenn wir dich zu den Bauern bringen, dann nur, wenn du versprichst, ihnen nichts zu tun.“

„Wie redest du mit mir?“, staunte der Hohepriester.

„Wie mit einem störrischen Kind“, antwortete Odalin fröhlich.

„Fängst du jetzt etwa auch noch an?“

„Anfangen?“ Odalin seufzte laut. „Ich würde es lieber beenden.“

Agerias zuckte mit den Schultern. „Oh, das ist ganz einfach: Gehorcht mir, alle beide. Die Bauern werden bestraft und der Eonater... Dem verzeihe ich sein Benehmen, wenn er sich entschuldigt.“

Odalin sackte in sich zusammen. „Na gut, das hätten wir sowieso irgendwann klären müssen. Michael, würdest du bitte meinen Opa verhauen?“

„WAS SOLL ICH???“, rief der Hellhäutige.

„Ihm nicht allzu weh tun, ich habe nur zwei Großväter“, erklärte Odalin ungerührt. Er wußte natürlich, daß sich Michael nicht zutraute, gegen den Großmeister des Sun zu bestehen, doch er wußte ebenfalls, daß Michael sich wirksam wehren würde, wenn man ihn in die Enge trieb.

„Gute Idee“, fand Agerias. „Auch wenn das nicht der richtige Ort für ein solches Duell ist. Komm, stell dich hin – zwölf Schritte Abstand, Odalin gibt das Kommando, ab dann darfst du zaubern... Es zumindest versuchen.“

„Sechs Schritte“, korrigierte Odalin. „Eine kleine Chance will ich dir lassen.“

„Bist du übergeschnappt?“, rief Michael ängstlich.

„Nein, nur realistisch“, behauptete Odalin. „Einem gewöhnlichen Sunmeister hätte ich vier Schritte gewährt, Agerias sechs und mir acht. Und jetzt fangt an, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“

„Ja, fangen wir an“, drängte Agerias. Er zeichnete mit dem Fuß einen Strich in den Boden, maß sechs Schritte ab und stellte sich auf. „An deinen Platz!“

„Aber...“

„Mach schon“, drängte Odalin.

Michael knurrte leise und stellte sich mit hängenden Schultern auf.

„Ich stelle fest, daß Michael keinen Zauber begonnen hat“, erklärte Odalin. „Damit herrschen gleiche Bedingungen. Fertig? Drei – Zwei – Eins – LOS!“

Agerias stürmte auf Michael zu, prallte gegen eine unsichtbare Wand und fiel zu Boden. Er wollte aufstehen, überlegte es sich anders und schlief ein.

Michael bedachte Odalin mit einem „Mistvieh!“ Er beugte sich zu Agerias, zog ihm die Jacke aus und fesselte ihm damit die Arme auf den Rücken. „Bist du jetzt zufrieden?“

„Noch nicht – erst mußt du ihn aufwecken.“

Michael setzte sich vor Agerias und schnippte mit den Fingern. „Ist das jetzt geklärt, Eure Erhabenheit?“

„Was zum Tarakonus...“

Odalin stichelte: „Entschuldige meine Fehleinschätzung. Ich hätte dir besser nur vier Schritte vorgeben sollen.“

Agerias versuchte aufzustehen. Dabei versagten ihm seine Beine den Dienst. „Hast du mich jetzt auch noch gelähmt?“

„Nur zu meiner Sicherheit“, bestätigte Michael. „Können wir uns darauf einigen, daß die Bauern nicht bestraft werden, ich hingegen Euch in Zukunft wieder den geforderten Respekt erweise?“

„Den gebotenen Respekt“, korrigierte Agerias.

„Geboten?“, wiederholte Odalin. „Du sprichst mit dem mächtigsten Magier, der je gelebt hat. Und du sprichst mit meinem erwählten Lebenspartner, meinem zweiten Ich.“

„Also gut, ich werde den Bauern nichts tun.“

Michael atmete auf. Er beendete die Lähmung, band den Hohepriester los, glätte dessen Jacke und hielt sie ihm hin, damit dieser leicht hineinschlüpfen konnte. Statt dessen fuhr ihm Agerias an den Hals und warf ihn zu Boden.

„Na? Was ist jetzt mit deinen Künsten?“

Michael erschlaffte unter der Hand des Hohepriesters. Gleich danach löste sich dieser auf und materialisierte in geringer Entfernung zwei Klafter über dem Boden. Michael kam wieder zu sich, atmete mehrmals mit leichtem Ächzen durch, weil sein zusammengedrückter Kehlkopf noch schmerzte.

„Genügt dir die Antwort?“, erkundigte sich Odalin.

„Ja – mir scheint, ich habe ihn unterschätzt.“ Agerias hatte seinen Fall gekonnt abgefangen.

„Ich hatte gehofft, daß dir die Weisheit des Alters trotz der Verjüngung erhalten geblieben wäre“, meinte Odalin. „Kannst du ein gebrochenes Genick überleben?“

„Natürlich nicht“, erwiderte Agerias.

„Michael schon.“

„Ich gebe auf“, sagte Agerias. „Das ist ein Satz, den kaum ein Talestra je im Leben ausspricht. Dann gewöhne ich mich eben daran, daß ich ab jetzt zwei Enkel habe.“

„Wie wäre es mit zwei Vasallen?“, schlug Odalin vor. „Das mit dem Enkel widerstrebt mir immer noch.“

„Dann solltest du die Zeit nutzen, dich ebenfalls daran zu gewöhnen“, schlug Agerias vor.

„Ich habe den Bauernhof gefunden“, gab Michael bekannt. „Wir können.“

Odalin ergriff die Hand seines Großvaters und stellte sich zwischen ihn und Michael. „Wir können.“

Das Anwesen war an einer Kante errichtet worden, wo der Hang steiler abfiel. Das bergseitige flachere Gelände war mit Weizen bepflanzt. Neben dem Wohnhaus gab es noch eine Scheune und einen Brunnen, dessen Wasser als schmales Rinnsal zu Tal floß. Und einen überaus großen Hund, der sich schneller orientierte als die drei Eindringlinge und auf sie zustürzte, ohne seinen Atem für ein wütendes Knurren zu verschwenden.

Der Hund hatte bisher nur begrenzte Erfahrung mit Menschen gesammelt. Daß sich ein Zweibeiner schneller bewegte als er, hatte er noch nie erlebt. Odalin ging gnädig mit ihm um. Er kannte die Anatomie eines Hundes nicht gut genug, um wirkungsvoll zuzuschlagen, aber er wußte, daß Tiere über Halsschlagadern verfügten, die sich zudrücken ließen. Der Hund konnte nur noch einmal ängstlich aufwinseln, bevor er bewußtlos wurde.

„Nette Begrüßung“, fand Odalin. „Das macht richtig Spaß.“

„Was habt ihr mit Zahn gemacht?“, rief ein breitschultriger junger Mann mit einer Axt in der Hand.

„Was hat euch das arme Tier getan?“, fügte eine Zweitausgabe von ihm hinzu, die ein massives Holzscheit in der Hand hielt.

Agerias trat mit wiegenden Schritten auf die beiden zu. Michael wollte eingreifen, doch Odalin hielt ihn zurück und sagte ihm unhörbar: ‚Gib ihm eine Chance!’

Agerias zertrümmerte das zum Angriff erhobene Holzscheit mit einem Handkantenschlag. Die Axt entriß er ihrem Besitzer und warf sie so, daß sie im Holz der Scheune stecken blieb. Den beiden Jünglingen ließ er keine Zeit zum Reagieren. Er packte sie an ihren groben Jacken, hob sie beide zugleich hoch und schlug sie mit dem Rücken gegeneinander.

„Begrüßt man so vornehme Gäste?“, fragte er grimmig.

„Gnade“, winselte der eine.

„Erbarmen“, setzte der andere hinzu.

„Ja, schon gut. Wo ist der Hausherr?“

„Tante Meta ist in der Küche“, murmelte der eine eingeschüchtert.

Agerias wartete einen Augenblick, ob sein Bruder noch etwas hinzufügen wollte, doch der schwieg. „In Ordnung – und ihr stört uns nicht, verstanden?“

„Ja, Herr.“ – „Natürlich, Herr.“

Agerias schlug zu, mit einem raschen Fingerstich gegen den Hals. Er sorgte sogar dafür, daß sie sich nichts taten, als sie zu Boden sanken.

‚Für seine Verhältnisse war das sanft’, stellte Odalin fest.

‚Finde ich nicht, aber wenn du es sagst, wird es wohl stimmen.’

Unter der Führung des Hohepriesters betraten sie das Bauernhaus. Agerias folgte den Geräuschen und betrat die Küche. Dort hantierte eine robuste, breitschultrige Frau. „Was habt ihr hier zu schaffen? Zurück an die Arbeit!“

Sie wandte sich um, erblickte die Fremden und griff nach einem Schürhaken. Agerias nahm diesen weg, faßte die Frau mit einer Hand an den Hals und hob sie hoch. „Wir sind bei der Arbeit und haben ein paar Fragen!“

Die Frau trat zu, doch der Großmeister des Sun reagierte schneller und drehte empfindliche Stellen weg. Er schüttelte die Frau und fragte: „Weib – versuchst du, was den besten Kämpfern der Welt nicht gelungen ist?“

Sie ächzte, griff nach dem Unterarm, um eine Zugentlastung für ihren Hals zu schaffen und würgte hervor: „Nein, Herr. Ich habe Euch nicht erkannt, Herr.“

„Gut.“ Agerias stellte sie ab. „Antworte und bleibe bei der Wahrheit, dann hast du nichts zu befürchten.“

Odalin setzte sich auf eine Bank am Tisch und gab so Michael ein gutes Beispiel. Die Küche war nur mit dem nötigsten eingerichtet, aber sehr sauber. Agerias ließ die Frau herunter.

„Du weißt jetzt, wer ich bin?“

„Ja, Herr, der Hohepriester.“

„Die korrekte Anrede ist ‚Eure Erhabenheit’“, belehrte sie Agerias. Er setzte sich ebenfalls. „Es geht um das Flugzeug, das vor 15 Jahren hier abgestürzt ist.“

„Oh.“ Um Zeit zu gewinnen, holte sie ein paar Gläser aus dem Schrank, füllte sie an der Pumpe über dem Spülbecken mit Wasser und stellte es ihren Gästen als Willkommenstrunk hin.

„Ich weiß leider nicht viel darüber, Herr...“

Michael nahm einen Schluck aus dem Glas und fragte beruhigend: „Wissen Sie noch das Datum?“

„Natürlich – 15. Logran 12.978.“ Sie seufzte leise. „Wir haben das Flugzeug gesehen... Die Motoren haben gekracht und sind ausgegangen. Dann hat es gekracht... Retos und Medon sind hin, um zu sehen, ob sie helfen können. Da hat nur noch das Kind gelebt.“

„Das Kind?“, fragte Odalin.

„Ja, die Frau hat ein Kind zur Welt gebracht, hat mir Retos erzählt. Das Kind war nicht verletzt, also haben sie es mitgenommen.“

„Und ihr habt das Kind ausgesetzt!“, warf ihr Agerias vor.

„Herr, das Kind eines Barons!“, rief die Frau verzweifelt. „Wir waren damals Landflüchtige... Also ich und Retos. Da haben wir das Kind dem alten Baron auf die Schwelle gelegt.“

Odalin trank ebenfalls. „Hier hätte ich nicht aufwachsen wollen. Da war sogar Ventria besser.“

Die Frau zeigte, daß sie schnell denken konnte. „Ihr wart dieses Kind, Herr? Dann ist ja alles gut geworden.“

„Nicht Ihr Verdienst“, beschied Odalin. „Haben Sie noch etwas, das meinen Eltern gehört?“

„Nein, Herr, wir sind arme Leute, wir haben alles verkauft.“

Entsetzt zuckte die Frau zurück, als auf dem Tisch ein schmutziges Etwas entstand. „Sie sollten besser nicht lügen, Frau Fedara“, riet ihr Michael. Er schob es Odalin zu. „Hier – das gehört dir.“

Agerias trank und sagte spöttisch: „Du solltest dich besser nicht mit Großmagiern anlegen. Das ist zwecklos – und Lügen ebenfalls.“

Mit andächtigen Bewegungen öffnete Odalin das spannenlange und unterarmdicke Päckchen. Er tat es so sorgfältig, als könne der Inhalt verletzt werden. Er hätte die alten Schnüre mühelos zerreißen können, doch er knotete sie sorgfältig auf. Vor vielen Jahren mußte das ein feiner Kleiderstoff gewesen sein. Als er ihn auffaltete, erkannte er, daß er aus dem Kleid seiner Mutter gerissen war.

In den Stoff eingewickelt waren zwei dreifache goldene Ringe und ein Medaillon. In den Ringen stand eingraviert „Tihesin * 20.5.77 * Messania“. Das Medaillon bestand aus schwerem Silber mit einem goldenen Mittelstück. Einst wurde es an einer dünnen Kette getragen, doch bestimmt hatten die Fedaras jenes Kettchen verkauft. Thoras öffnete das Medaillon. Er fand das Abbild einer sehr schönen Frau mit blauen Augen. Im Deckel las er die Worte „Dein in ewiger Liebe“.

Agerias nahm es ihm weg. „Wer hat das getragen? Der Mann oder die Frau?“

„Der Mann, Herr.“

„Das ist Serija Agolis“, erklärte Agerias und gab es Odalin zurück. „Deine Großmutter.“

„Ich kenne das Bild“, antwortete Odalin.

Agerias blickte die Frau streng an. „Du kannst dem Großen Sun auf Knien danken, daß ich dich mit meinem Zorn verschone! Ihr habt den Besitz der beiden Flieger an euch genommen und ihr habt deren Sohn der Sklaverei überantwortet. Es wäre genug, um euch lebenslang der Zwangsarbeit zu überantworten. Ihr habt jedoch dem Schicksal einen Dienst erwiesen, den ihr nicht ermessen könnt. Deshalb – nur deshalb – werde ich euch die gerechte Strafe ersparen.“

„Herr, wir wurden bestraft!“, wandte die Frau ein. „Strenger, als selbst Ihr es vermocht hättet. Meine Kinder sind alle gestorben, ebenso meine Schwägerin. Delos und Wedon, die Zwillinge, sind die letzten Kinder, die auf diesem Hof überlebt haben.“

„Dann hat der Große Sun Gerechtigkeit geübt“, schloß Agerias. „Ich habe trotzdem genug von euch! Wir kehren nach Poseidonis zurück.“ Den letzten Befehl richtete er an Michael.

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