Stapellauf

„Hiermit taufe ich dich auf den Namen AKONGA! Möge der Segen des Vaters der Sonne dich auf allen Fahrten begleiten!“

Kapitän Urgar mißfiel, was er zu sehen bekam. Eine Frau, genauer, ein 15jähriges Mädchen, taufte ein Schiff, und anstatt Poseidon anzurufen, in dessen Reich dieses Schiff fahren würde, beschwor sie den Großen Sun bei einem Namen, an den sich nicht einmal mehr die Menschen erinnerten.

Und doch, selbst wenn es verflucht sein sollte, die AKONGA würde SEIN Schiff werden! Der Hüne mit den eisgrauen Haaren hatte das Landrattenleben gründlich satt. Vor einem Jahr hatte Tarman Urgar noch die TAMIRA kommandiert, das schnellste und schönste Schiff, das die Cravor-Werft jemals gebaut hatte. Das einzige Schiff, das jemals ein Etmal von über 300 Meilen geschafft hatte.

Dann hatten diese Kinder die schöne Werft gekauft, um daraus eine Manufaktur für Maschinenbau zu bauen. Sie hatten die besten Schiffe verkauft und nur seine Seemannsehre als Kapitän hatte Urgar veranlaßt, der Reederei die Treue zu halten. Sie hatten die METJARA fertiggestellt, das fast vollendete Schwesterschiff der AKONGA, und dann nur noch an Land gebaut, gebaut, gebaut.

Die Werft hatte früher zwei Docks zu jeweils 60 Klaftern gehabt und ein drittes, das Flußdock, zu 30 Klaftern. Zuerst wollten die Kinder nur ihre Manufaktur aufbauen, doch Urgar hatte sie in zähen Verhandlungen überzeugt, die Werft weiterhin zu betreiben. Als Urgar erfuhr, was er damit angerichtet hatte, war ihm Hören und Sehen vergangen. Tirlion, die kaiserliche Werft und die Konkurrenz, verfügte über ein 100-Klafter-Dock, Cravor besaß mittlerweile ein 150-Klafter-Dock, ein 120-Klafter-Dock und ein Dock für Flußschiffe, das auf stolze 60 Klafter angewachsen war.

Die Reederei brauchte die AKONGA dringend, das wußte Urgar. Seit dem Erdbeben fuhren nur noch wenige Schiffe Poseidonis an, der Frachtverkehr lag heute zu einem großen Teil bei den lahmen Frachtern der Reederei Cravor. Trotzdem hatten die Kinder die AKONGA umbauen lassen, sie um 13 Klafter verlängert und die Masten fortgenommen. Die AKONGA besaß zwei Dampfturbinen, gefertigt in der eigenen Manufaktur.

Dampfmaschinen... Urgar erinnerte sich noch gut daran, wie verzweifelt die beiden Bengel gewesen waren, als sie für die Werft kein Kraftwerk kaufen konnten. Fünf Jahre bis zur Fertigstellung, hatte man ihnen angeboten. Odalin, mit heute 16 Jahren der ältere der beiden, war wütend durch das Büro des alten Cravor getigert. Seine blauen Augen hatten Feuer versprüht, bedrohliches Feuer. Der schmalen Gestalt, gerade einmal 92 Zoll groß und 110 Pfund schwer, sah man nicht an, daß die Kraft von einem Dutzend Männern in ihr steckte. Urgar hatte das demonstriert bekommen, sonst hätte er Odalin bei mancher Gelegenheit schon übers Knie gelegt und mittels einer ausdauernden Gesäßmassage ein wenig Vernunft in ihn hinein geklopft.

Sein erwählter Lebenspartner, Michael, der sich selbst als Eonater bezeichnete, hatte hinter Cravors Schreibtisch gesessen und aus nachtgrauen Augen deprimiert in die Ferne gestarrt. Urgar verstand nicht, wieso ein Magier, der das spielend ändern konnte, immer noch mit der hellen Haut einer Wasserleiche herumlief und mit auffälligen braunen Haaren, wenn alle Atlanter braune Haut und schwarze Haare besaßen.

Wenig später hatten sie allen Metallschrott der Werft auf einen Haufen schütten und das Gebiet absperren lassen. Acht Tage hatte sie keiner zu sehen bekommen, selbst ihre Lehrlinge waren verschwunden. Woran sie arbeiteten, sah jedoch jeder: Nach und nach veränderte sich der Schrott, wurde zu einer Turbinenanlage mit Generator und einem seltsamen Kessel.

Später hatten sie Urgar freudig verkündet, sie hätten dieses Kraftwerk geklaut, mittels Zauberei einfach das größte Kraftwerk von Poseidonis nachgebildet. Ein Seekapitän war kein Spezialist für Kraftwerke, aber Zahlen lesen konnte er. Das öffentliche Kraftwerk im Hafen erzeugte 50.000 PS elektrischer Leistung, der Nachbau lieferte 85.000 PS.

Mit dem Kraftwerk hatte ein neues Zeitalter auf der Werft begonnen. Werkzeuge, die sich seit Jahrtausenden bewährt hatten, wurden durch neue, elektrische ersetzt. Die Werftarbeiter, die keine Schiffe mehr bauten, arbeiteten entweder in der Maschinenmanufaktur oder sie hoben die Gruben aus für die Erweiterung der Docks.

Dann, endlich, wurde die AKONGA weitergebaut. Urgar hatte Wegar Kannios, den Chefkonstrukteur der Werft, fluchen hören. Kannios hatte noch nie ein Motorschiff gebaut, nur die Marine leistete sich welche, denn der Treibstoff war einfach zu teuer.

Die beiden Bengel stritten nicht mit ihren Konstrukteuren, sie schliefen mit ihnen. Urgar hatte bereits davon gehört, daß sie regelmäßig mit ihren Lehrlingen schliefen, aber erst durch Kannios hatte er erfahren, wie das ablief: Die drei Konstrukteure und die acht Lehrlinge legten sich auf den Boden und wurden von den beiden Bengeln eingeschläfert. Die Bengel legten sich dazu und erschienen den Anderen im Traum. In diesem Traum hielten sie Unterricht ab, denn Kannios wußte danach genau, wie er ein Motorschiff bauen sollte.

Außerdem waren die Konstrukteure danach wie ausgewechselt. Jeder in der Werft wußte, daß die fähigen Leute aus der Konstruktionsabteilung zu Tirlion abgewandert waren, und man nur noch die Trantüten und Flaschen behalten hatte. Nach dieser Schläferei waren die Trantüten Vergangenheit. Die Konstrukteure rannten beinahe im Laufschritt durch die Werft, entdeckten allenthalben Verbesserungen. Nur deshalb wurde die AKONGA pünktlich fertig, zum 29. Vellon 12.994, zum Jahrestag des großen Erdbebens.

Kapitän Urgar ließ sein sturmerprobtes Organ für den uralten Segenspruch der Seeleute erschallen: „Trete nun ein in Poseidons Reich! Großer Poseidon, nimm Dich dieses Schiffes an! Heil Dir, Poseidon!“

Die Mannschaft und die Werftleute nahmen den Ruf auf: „Heil Dir, Poseidon!“

* . . . * . . . *

Adrea Sahor, Prinzessin aus dem Hause Syrgon, verfolgte interessiert, wie das Schiff, das sie gerade getauft hatte, aus dem Dock geschleppt wurde. Es sollte am Poseidor auslaufen, nach der alten Tradition der Seeleute. Doch für die Taufe hatten Odalin und Michael ein noch symbolträchtigeres Datum gewählt, um ganz Poseidonis zu zeigen, daß das Leben weiterging.

Adrea feierte heute ebenfalls einen Jahrestag: Seit einem Jahr regierte sie die Hauptstadt von Atlantis und der Welt. Zumindest nominal war Poseidonis das noch immer, auch wenn der Kronrat mittlerweile in Gedalan tagte und sich der Kaiser nicht mehr in die Stadt traute.

Unter Poseidonis, ja unter ganz Atlantis, wuchs ein Monster heran, ein Supervulkan, dessen Ausbruch zwei Drittel der Menschheit auslöschen würde. Offiziell war das ein Geheimnis des Kronrats, doch der Kaiser, Fürst Thorin, der eigentliche Herr von Poseidonis, und selbst die Minister hatten ihre Günstlinge und ihre Bekannten, die unter der Hand erfuhren, was dem Zentrum des Reiches drohte. Auffällig viele wohlhabende Poseidonier veräußerten ihren Besitz und zogen aus der Stadt.

Zu ihrem 15. Geburtstag hatte Odalin Adrea die Prüfung als Sunmeisterin abgenommen, vor zwei Monaten hatte Michael ihr eröffnet, daß sie nun ebenfalls den Status einer Großmagierin erreicht hatte. Es waren Freundlichkeiten gewesen, Dinge, die Adrea früher ersehnt hatte, die ihr heute jedoch nicht mehr wichtig erschienen. Sie gedachte, diese Titel für sich zu behalten und ihre Fähigkeiten zu verschweigen.

Eine kaiserliche Hoheit hatte Leibwächter an ihrer Seite, mochte sie denen auch im Kampf unendlich weit überlegen sein. Natürlich trug Adrea weiterhin lange Kleider mit langen Ärmeln, die ihre beeindruckende Muskulatur verbargen, doch diese Muskeln benutzte sie heute nur noch, wenn sie dreimal in der Woche mit Odalin trainierte. Als Stadtregentin bot sich Adrea kaum Gelegenheit zu zaubern. Vor der kaiserlichen Familie hatte sie tiefgestapelt, ihre Fähigkeiten heruntergespielt, jetzt zeigte sich, daß sie diese Fähigkeiten gar nicht benötigte.

Heute, zum Jahrestag ihrer Regentschaft, hatte Adrea ein Geschenk erhalten, das sie früher nie zu schätzen gewußt hätte: Herzog Vantris, ihr Vater, Jarlia, ihre Mutter, und ihr Bruder Magris waren aus Ventria nach Poseidonis gekommen, hatten die Warnungen ignoriert und sie sogar auf die Werft begleitet, obwohl ihr Vater eine tiefe Abneigung gegen Odalin und Michael hegte, seine ehemaligen Sklaven.

* . . . * . . . *

Odalin und Michael hatten viele Hände geschüttelt und einiges an Schulterklopfen zu ertragen gehabt. Sie nutzten die Gelegenheit, als ihre Ehrengäste wünschten, sich zurückzuziehen, um die herzogliche Familie und Adrea in die Gemächer des kaiserlichen Sommerpalastes zu teleportieren.

Sie hatten ihre Prunkkleidung angelegt, strahlendweiße Anzüge mit einem opalisierenden Perlmutteffekt, die sie bei wichtigen Zeremonien trugen. Sie dankten dem Herzog für sein Erscheinen und wollten sich verabschieden, als Vantris sie zurückhielt.

Der Herr der Feuchtlande haßte Schreibtischarbeit und liebte die Jagd, das hatte seine Gestalt drahtig werden lassen und seiner Haut eine lederartige Konsistenz verliehen. Stolz leuchtete in seinen Augen, der Stolz eines Mannes, der von klein auf zum Herrscher bestimmt gewesen war.

„Ihr...“ Vantris zögerte sehr lange, denn die Anrede zu ändern, kostete ihm große Überwindung. „Sie bauen tatsächlich Motorschiffe. Ich verstehe nicht, womit sie diese antreiben. Treibstoffe sind schließlich sehr teuer.“

Michael lächelte freundlich. „Wenn man sie selbst herstellt, wird der Preis erträglich. Wir verzaubern Wasser, so entstehen kaum Kosten.“

„Wie kommt man auf einen solchen Zauber?“, erkundigte sich Vantris.

Michael schaute Odalin auffordernd an, doch der bedeutete ihm, das Gespräch allein weiterzuführen. Sonst antworteten sie abwechselnd, woran sich Gesprächspartner nur schwer gewöhnten.

„Eure Durchlaucht wissen vielleicht, daß ich Physiker bin“, begann Michael. „Ich habe damit den Drang, das Primat der Physik auch in der Magie nachzuweisen. Es ist mir gelungen, vier einstmals identische Steine in die Hand zu bekommen. Zwei davon haben als Sonnensteine geleuchtet und sind schließlich ausgebrannt.“

Natürlich unterschlug Michael ein paar Einzelheiten. Sie hatten herausgefunden, daß in der Nähe eines Sirals Zeitreisen möglich waren. Michael hatte sich im Grab der Ethirion 300 Jahre zurückversetzt und diese Rohlinge hergestellt. Zwei hatte er verzaubert, die anderen im Urzustand belassen. In der Gegenwart hatten sie die Steine geborgen und untersucht.

„Die Sonnensteine hatten an Gewicht verloren, demnach wurde ein Teil ihrer Materie in Energie umgewandelt. Das wiederum heißt, die Energie, die solche Objekte zum Leuchten bringt, entsteht nicht aus dem Nichts, sondern wird durch einen Massendefekt freigesetzt. Mit diesem Ansatz haben wir weiter geforscht.“

Ebenfalls mit Hilfe des Sirals im Grab hatten Odalin, Michael und die acht Lehrlinge, die früher die „Hafenbande“ gewesen waren, Schrott in mühevoller Zauberarbeit in ein Kraftwerk umgeformt. Ihre erste Idee war, Heizsteine zu erzeugen und diese abbrennen zu lassen, um das Kraftwerk anzufahren. Zum Glück hatte Odalin gerade rechtzeitig eine Tasse Tee getrunken, mit viel Zucker. Michael schaute zu, wie der Atlanter umrührte und begriff, daß dies die Lösung war: Ein ruhender Heizstein auf dem Boden des Kessels hätte höchste Temperaturen abgeben müssen und so womöglich ein Loch in die Kesselwand geschmolzen. Würde der Heizstein jedoch wie Zucker im Kesselwasser gelöst, würde er nicht nur effektiver aufheizen, sondern auch dieses Problem vermeiden.

Um das Kraftwerk zu beheizen, wählte Michael eine anorganische Substanz, die in einzelne ionisierte Atome zerfiel, eben Kochsalz. Ihr neues Kraftwerk wurde angefahren. Es lieferte in jedem Fall viel mehr Strom, als die Werft und die Manufaktur abnehmen konnten, folglich hatten Odalin und Michael eine Akkumulatorenbatterie aus Dynarium aufgebaut. Das Element 126 nahm unter den richtigen Bedingungen große Mengen an Energie auf und gab sie zuverlässig wieder ab. 20 Speicherzellen zu jeweils einer Tonne nahmen 700.000 Pferdkraftstunden auf, genug, um das Kraftwerk auf Last zu fahren und dabei zu optimieren.

Sie hatten nur eine einzige Unze Salz eingebracht. Am Ende der Sitzung leistete ihr Kraftwerk 85.000 PS, und sie mußten den Effekt aktiv beenden, weil sonst ihre Speicher übergelaufen wären. In mühsamer Kleinarbeit fanden sie heraus, daß ihr Dynotherm 1 – den Namensvorschlag „Odalinotherm“ verwarf der Vorschlagende gleich nachdem Michael das Wort dreimal ausgesprochen hatte – sich zu 51 Promille in Energie umsetzte.

Dynotherm 1 kannte nur die Zustände „brennen“ und „aus“, was bei Großkraftwerken mit entsprechenden Pufferspeichern nicht weiter störte. Schiffsantriebe, die nur „äußerste Kraft voraus“ und „Maschine stopp“ beherrschten, eigneten sich bestenfalls für Rammschiffe in einer Welt voll Feinden, aber nicht für Frachter. Eine Mehrkessel-Konstruktion oder ein Pufferspeicher mit elektrischem Sekundär-Antrieb nähme zuviel Platz weg, also ging die Forschung weiter.

Zwei Wochen später hatten Odalin und Michael Dynotherm 2 entwickelt, eine Substanz, mit der sie nur zwei Versuche unternahmen: Mit einer Mikromenge sprengten sie ihr Labor in die Luft, mit einer vollen Unze erzeugten sie in einer abgelegenen Gegend einen veritablen Atompilz.

Dynotherm 3 hatte einen Vorteil in der Anwendung: Es explodierte immer noch, doch anders als die vorherige Variante wartete es erst auf die Erlaubnis, anstatt sofort bei Kontakt mit Wasser loszulegen.

„Das heißt, Sie betreiben Ihre Schiffe mit Heizsteinen?“, fragte Vantris weiter.

Diesmal konnte Odalin nicht an sich halten: „Nein, wir betreiben sie mit Wasser und blauem Licht.“

In Versuchen mit höchster Verdünnung hatten Odalin und Michael herausgefunden, daß die Kettenreaktion von Dynotherm 3 mittels Photonen angestoßen wurde. Wenn ein Atom zerfiel, sandte es eine ganze Kaskade von Photonen aus, die andere Atome zerfallen ließen und somit neue Kaskaden erzeugten.

Der ganze Trick, um mit Dynotherm 4 einen handhabungssicheren und regelbaren Treibstoff zu gewinnen, bestand darin, die Frequenzen von anregenden und freigesetzten Photonen zu trennen. Dynotherm 4 zerfiel in wäßriger Lösung unter blauviolettem Licht und setzte dabei thermische Photonen, also infrarotes Licht frei. In dieser simplen Erkenntnis steckten sechs Monate intensiver und frustrierender Forschung.

Odalins Zuckerlösung wurde dabei ebenfalls überwunden. Anstatt den Effekt in Salz zu prägen, legten ihn Odalin und Michael in destilliertes Wasser, somit gab es keinerlei Fremdsubstanzen mehr im Turbinenkreislauf. Ganz nebenbei hatte sich die Umsetzungsrate verbessert: Mittlerweile zerfielen 128 Promille der eingesetzten Substanz.

„Könnte man damit auch meine Kraftwerke betreiben?“, kam Vantris nun endlich zum Ziel.

„Natürlich“, bestätigte Michael. „Der Umbau ist recht einfach, dann geht es mit der neuen Energiequelle problemlos. Stationäre Kraftwerke sind obendrein einfacher als unsere Schiffsmotoren: Da genügt ein Regelbereich über 50% der Leistung, während wir bei Schiffsantrieben 90% regeln. Unsere Schiffe können zwischen einem Zehntel Leistung und voller Leistung stufenlos geregelt werden, was einigen konstruktiven Aufwand erfordert. Kraftwerke an Land sind einfacher, da brauchen wir nur zwischen halber und voller Leistung zu regeln.“

„Da kommen wir noch einmal auf Sie zu“, versprach Vantris.

Alle vier Kohlekraftwerke von Poseidonis wurden inzwischen mit Dynotherm 4 betrieben. Das sparte vor allem Schiffsraum, weil keine Kohle mehr transportiert werden mußte. Dieser stand jetzt für wichtigere Produkte zur Verfügung.

„Gerne“, versicherte Odalin. „Wir werden Euch für die erste Umstellung einen guten Preis anbieten, schließlich seid Ihr damit unser Referenzkunde.“

„Danke.“ Der Herzog atmete auf. „Wir haben jemanden mitgebracht, der Sie gerne sprechen würde. Keine Sorge, es ist nicht Lord Seben. Wenn Sie sich in die Dienstbotengemächer begeben würden? Wir haben noch viel mit unserer Tochter zu besprechen.“

Odalin erhob sich und vollführte eine Verbeugung. „Danke, Herr, daß Ihr Poseidonis einen Besuch abgestattet habt. Unsere Leute brauchen jedes Zeichen, daß sie von der Welt noch nicht abgeschrieben worden sind.“

Der Herzog winkte huldvoll. Michael verbeugte sich ebenfalls und zog sich mit Odalin zurück. Vor den Gästegemächern fragten sie einen Diener, der ihnen den Weg zu einem Aufenthaltsraum der Dienstboten wies.

Dort wartete ein großer kräftiger Mann aus der vierten Kaste auf sie. Ein Mann, der Odalin mehr als einmal mit Schlägen gezüchtigt hatte. Jetzt stand er auf und verbeugte sich respektvoll.

Odalin starrte ihn an und schluckte. „Herr Tremal... Das ist jetzt wirklich eine Überraschung.“

Der Sklavenaufseher von Schloß Ventria senkte verlegen den Blick. „Ich kann verstehen, daß Sie... Ihr mich nicht erwartet habt, Herr. Ich... Ich bin gekommen, um zu fragen, ob Ihr mir immer noch böse seid, weil ich Euch damals verraten habe.“

„Nein“, beruhigte ihn Michael. „Ohne Sie wären die Dinge nicht in Fluß geraten, Sie haben uns und der Erde einen Dienst damit erwiesen.“

Odalin starrte seinen ehemaligen Aufseher derart intensiv an, daß es peinlich wurde. Fahrig fragte er: „Sie haben tatsächlich mit bloßen Händen einen Bären umgebracht?“

„Äh, ja“, antwortete Tremal. „Aber der Bär war angeschossen und schwer verletzt.“

„Das sollte ich auch mal probieren“, meinte Odalin. Zu Michael sagte er: „Bringst du Herrn Tremal bitte in unser Büro auf der Werft?“

„Wieso?“

„Weil ich noch etwas zu tun habe“, brummte Odalin unwillig und verschwand.

Michael schaute in die leere Luft. „Keine Ahnung, was er von uns will. Ein paar Minuten haben Sie ja wohl?“

„Äh, ja...“, stammelte Tremal ratlos.

Michael versetzte sie in den achten Stock des Verwaltungsgebäudes der Werft. Hier hatten die Vorbesitzer ein riesiges Büro eingerichtet, mit dem Mosaik einer Weltkarte an der Wand.

Michael führte Tremal an die Fensterfront. „Das dort unten ist unser neuestes Schiff, die AKONGA. 72,4 Klafter lang, 5.100 Bruttoregistertonnen, 12.278 Tonnen Ladefähigkeit.“

Der Aufseher musterte das Schiff fachkundig. „Nur zwei Masten? Und die auch noch an der Seite?“

„Masten?“, staunte Michael. „Ach so, Sie meinen die Krane! Das ist ein Motorschiff – und wir sind gespannt, wie schnell es sein wird. Wenn wir weniger als 15 Knoten schaffen, legt uns der Kapitän übers Knie.“

„Dann viel Glück – für welche Geschwindigkeit ist es ausgelegt?“

„20 Knoten – aber das bleibt unter uns, ja?“

„Natürlich, Herr.“

* . . . * . . . *

Odalin war vor der Küche im Schloß von Ventria materialisiert. Jetzt spazierte er ganz selbstverständlich hinein und wandte sich an den Oberkoch, den er als schlagfertigen Mann in Erinnerung hatte. Heute fürchtete er sich nicht mehr vor einem Kochlöffel.

„Ich möchte Pegja nach Poseidonis holen.“

Der Oberkoch riß die Augen auf. „Mann, du bist ja wirklich aufgestiegen... Aber was soll das? Pegja? Ich laß mich doch nicht verarschen!“

Odalin versuchte es im Guten. „Pegja soll für eine Stunde nach Poseidonis. Geht das, ohne daß ich Herzog Vantris herzitiere? Oder soll ich 300 Taler Kaution hinterlegen?“

„Ich frage mich, was ein so hoher Herr wie du mit einer Küchenhilfe zu schaffen hat.“

Odalin hatte Pegja entdeckt. „Ganz einfach danke sagen.“ Er ging auf Pegja zu. Er fühlte, wie der Oberkoch ausholte. Odalin fuhr herum, entwand ihm den Löffel, schlug ihm damit auf die Finger und gab ihm den Löffel zurück, innerhalb von Sekundenbruchteilen.

Bis der Oberkoch zu den ersten Schmerzbekundungen kam, hatte Odalin Pegja bereits gekapert und den Sprung nach Poseidonis vollzogen.

Tremal zuckte zusammen. „Mutter?“ Er blickte Odalin an. „Was soll das?“

„Ich hole schnell noch jemand“, erwiderte der Sunmeister. „Dann wird entweder alles klar oder ich werde mich entschuldigen.“

„Tremal?“, sagte die eingeschüchterte Küchenhilfe. „In welchem Palast bin ich hier?“

„Das ist eine Werft“, erwiderte ihr Sohn. „Die Werft von Odalin und Michael. Sie sind ziemlich reich geworden.“

„Das haben sie wirklich verdient“, sagte die alte Frau und schaute sich um.

„BEI PSOEIDONS SCHWÄNZEN“, brüllte eine Donnerstimme durch den Raum.

„Nur eine Minute, Herr Urgar“, versicherte Odalin. „Ich will Ihnen bloß diese Dame zeigen.“

„Diese...?“ Urgar erblickte die zierliche Pegja und riß die Augen auf. Pegja betrachtete den Kapitän genauso fassungslos.

„Aber das ist unmöglich...“, stammelte Urgar leise.

„Tarman?“, ächzte Pegja noch leiser.

„Du... Pegja?“

„Ja“, erwiderte die Küchenhilfe. „Ich bin deine Pegja!“

„Das... Nein!“ Der riesige Seebär drohte zu fallen, Odalin schob ihm einen Stuhl hin.

„Ist das etwa mein Vater?“, knurrte Tremal auf und trat drohend auf den Kapitän zu. „Der Mistkerl, der meine Mutter mit einem kleinen Kind sitzen ließ?“

„Bleiben Sie friedlich“, riet ihm Odalin und vertrat ihm den Weg. „Außer mir darf hier niemand Gewalt anwenden.“

„Bis jetzt“, fauchte Tremal und stieß ihn zur Seite. Er kam nicht einmal dazu, den nächsten Schritt zu vollenden, da hatte ihm Odalin bereits einen Nervenstich versetzt.

Odalin trug sein Opfer zum nächsten Stuhl. „Daß die Kinder immer so impulsiv sind... Keine Sorge, ich habe ihm nicht weh getan, er schläft nur ein paar Minuten.“

„Pegja...“, stammelte der Seebär. „Ich... ich...“

Michael versuchte immer noch, die Zusammenhänge zu verstehen. Odalin half ihm. „Ich hatte ganz vergessen, wie Herr Tremal aussieht. Als er vorhin vor mir gestanden ist, habe ich die Ähnlichkeit mit Kapitän Urgar bemerkt. Da habe ich gedacht, ich führe die Familie mal zusammen.“

„Pegja – das ist... mein Sohn?“, stöhnte Urgar jetzt.

„Ja, Tarman. Ich... ich habe den Zettel verloren, wo du mir den Namen deines Schiffes aufgeschrieben hast. Ich bin immer wieder in den Hafen gegangen, habe nach dir gesucht, bis... bis es soweit war. Als ledige Mutter mußte ich in die Dienste des Herzogs treten.“

„Als Sklavin, nicht wahr?“, ächzte Urgar.

„Ja.“

„Bei Poseidons...“ Urgar seufzte und schaute zu Odalin hinüber. „Beim Vater der Sonne! Das war damals meine letzte Fahrt auf der TETRAS... War die Route Poseidonis, Kawal und Ventria... Dann haben sie mich auf die MIRGARA versetzt, als Maat, die fuhr Poseidonis, Nelen, Kenosia. Acht Jahre später war ich Kapitän auf der ANDIRIS, da bin ich wieder nach Ventria gekommen und habe dich gesucht, aber niemand hat mir sagen können, was aus dir geworden ist.“

„34 Jahre“, schluchzte Pegja. „34 verlorene Jahre!“

„Ich kaufe dich frei“, versprach Urgar. „Wenn du mich noch willst, ich werde dich heiraten.“

„Ich... ich habe die ganze Zeit auf dich gewartet“, gestand Pegja. „Und ja, ich will dich natürlich!“

„Dann mustere ich ab“, erklärte Urgar. „Ich will nur noch für dich da sein!“

„Abgelehnt“, fuhr Odalin dazwischen. „Erstens – ICH werde Pegja freikaufen, Sie brauchen Ihr Geld, um eine Familie zu gründen. Zweitens, die Kapitänskajüte der AKONGA ist groß genug, um dort als Ehepaar zu leben. Sie werden das Schiff einfahren und den neuen Kapitän anlernen, wenn die Mannschaft fertig ausgebildet ist. Sie bekommen kein eigenes Schiff mehr, sondern werden nautischer Direktor von Cravor. Auf Ihre Erfahrung wollen und können wir nicht verzichten, deshalb werden wir Ihnen ermöglichen, so oft mit Pegja zusammen zu sein, wie Sie wollen.“

„Aber das... das ist...“

„Ein gutes Angebot“, bemerkte Michael. „Und auf jeden Fall vernünftiger, als voreilig abzumustern.“

„Eine Frau an Bord bringt Unglück“, gab Urgar zu bedenken.

„Nur auf Schiffen Poseidons“, widersprach Odalin. „Die AKONGA ist deshalb dem Vater der Sonne geweiht worden.“

Odalin lächelte den Kapitän freundlich an. „Michael wird jetzt mit Pegja zurück nach Ventria gehen und sie bei Herrn Sucholin freikaufen.“ Zu Michael sagte er: „Ich bleibe lieber hier, um auf Vater und Sohn aufzupassen und sie gegebenenfalls gegen die Wand zu werfen. Oder willst du das übernehmen?“

„Lieber nicht“, entschied Michael. „Kommen Sie, Pegja – damit ich Sie bald als Frau Urgar ansprechen kann.“

Kaum war Michael verschwunden, fiel Urgar ein: „Ich finde, ich hätte sie freikaufen sollen.“

„Was zum Tarakonus...“, stöhnte Tremal auf. Er schaute Odalin an. „Versuch das ja nicht noch mal!“

Odalin zuckte mit den Schultern und wandte sich Tremal zu. Einen Augenblick zögerte er noch und fragte den Kapitän: „Wollen Sie Ihrem Sohn bei der Prügelei helfen?“

„Nein, wir Urgars haben zwar dicke Schädel, aber wenn erst mal Vernunft drinnen ist, bleibt sie auch drinnen.“

„Sehr gut.“ Odalin ging beschwingt auf Tremal zu.

„Was willst du von mir?“, fragte der Sklavenaufseher.

„Das weiß ich noch nicht. Am besten, ich werfe Sie gegen die Decke, das wirkt fast immer.“

„Ach so?“ Tremal feuerte eine Faust auf Odalin ab, der sie wie gewohnt mit einer Hand abfing. Anders als die Schläger des Verbrechersyndikats schickte er nicht die zweite Faust nach, sondern versuchte Odalin abzuschütteln.

Odalin nutzte den Schwung, um Tremal in den Rücken zu kommen und ihm einen Doppel-Nelson anzulegen.

„So habe ich dem Bären damals das Genick gebrochen“, verriet Tremal.

„Das hatte ich nicht vor, aber... hm... Wenn sie danach ruhiger sind?“

„Bitte nicht“, rief der Kapitän.

„Keine Sorge, das ist fast so schnell repariert wie angerichtet“, erklärte Odalin. „Aber Sie haben recht, das wäre schlechter Stil.“

Odalin ließ los, worauf Tremal ihn angriff und einen Drehschleuderwurf erlebte. Zum ersten Mal erkannte Odalin, welche Vorteile ein so großes Büro hatte, denn es stand nichts im Weg, was kaputt gehen könnte.

Odalin konterte Tremal noch mit zwei weiteren Würfen, dann wurde das Spiel langweilig. Er faltete Tremal zusammen und blockierte den Aufseher mit einer Hand.

„Das hat bis jetzt für jeden ausgereicht“, erklärte Odalin. „Sind Sie jetzt genügend beeindruckt, um sich in Ruhe mit Ihrem Vater zu unterhalten, oder soll ich weitermachen?“

„Verdammt“, ächzte Tremal. „Hast du das schon in Ventria gekonnt?“

„Mit Merkor Apis schon“, verriet Odalin. „Deshalb war der so friedlich, wenn ich mit ihm gearbeitet habe. Und ja, das ist DAS BLUT.“ Odalin ließ los. „Wenn Sie wüßten, wie gut ich Sie verstehen kann, Herr Tremal. Ich weiß inzwischen, wer meine Eltern waren. Mein Großvater würde mich liebend gerne zu sich nehmen... Ich habe abgelehnt. Aber ich habe ihn akzeptiert und prügle mich mit ihm nur, wenn wir beide Sun trainieren.“

„Glaub mir, du tust besser, was er sagt“, riet der Kapitän seinem Sohn. „Pegja ist in Ventria und wird gerade freigekauft. Wir werden heiraten. Wenn du zu uns ziehen willst, du bist jederzeit willkommen.“

„Ihr... ihr heiratet?“, staunte Tremal.

„Ja.“ Urgar erzählte seine Geschichte. „Ich habe Pegja gesagt, auf welchem Schiff ich bin und für welche Reederei ich arbeite, ich habe es ihr sogar aufgeschrieben. Ich habe mich darauf verlassen, daß sie mich anschreibt, wenn... Na ja, wenn unser Treffen damals Folgen gehabt hätte. Ich habe mehrmals nach Ventria geschrieben, aber nie eine Antwort bekommen. Von zwei Briefen habe ich nichts gehört, die nächsten kamen mit ‚Empfängerin unbekannt’ zurück.“

„Wohin hast du denn geschrieben?“

„Na, Pegja Nemon natürlich, Bugarstraße 18.“

„Sie hieß Nemis“, korrigierte Tremal. „Und es war die Bagurgasse, die Straße ist in einem anderen Stadtteil.“

„Oh, verdammt!“

„Ihr Seeleute seid ein versoffenes Pack“, brummte Tremal.

„Deine Mutter hat es mir so aufgeschrieben“, verteidigte sich Urgar. „Hier – ich habe den Zettel immer noch!“

Urgar holte eine Brieftasche hervor und kramte darin, bis er auf einen alten, verwaschenen Zettel stieß, den er Tremal gab.

Der Sklavenaufseher schaute ihn genau an. „Oh... Das kann ja ich kaum lesen...“

In diesem Augenblick entstanden zwei Menschen in dem Büro. Michael begleitete ein großer Mann mit Vollbart und Vollglatze, der sich verwundert umschaute und dann auf Tremal zuging.

„Herr Tremal, ist das wahr?“

Der Aufseher nickte und antwortete seinem Vorgesetzten deprimiert: „Ja, Herr Sucholin, das hier ist Tarman Urgar, mein Vater.“

„Weiß es Seine Durchlaucht schon?“

„Nein“, antwortete Odalin. „Wir haben erst die Familie zusammengeführt, um herauszufinden, ob unser Verdacht berechtigt ist.“

„Ein Kapitän, wie ich sehe“, stellte Sucholin fest. „Sie wollen Pegja tatsächlich heiraten?“

„Ja – und ich hoffe, daß ich sie für 35 Jahre in Sklaverei entschädigen kann.“

„Haben Sie wenigstens ein anständiges Schiff?“

„Anständig?“, wiederholte Odalin lauernd. Er packte den herzoglichen Haushofmeister und schob ihn ans Fenster. „Da unten! Das ist eines der größten Schiffe auf dem Meer – außerdem das beste und schnellste! Merken Sie sich den Namen: AKONGA! Der steht bald in allen Zeitungen.“

„Äh, ja... Wenn alles seine Richtigkeit hat, können wir ja zurück“, schlug Sucholin vor.

„Sie wollen wirklich schon gehen?“, fragte Odalin erstaunt. „Dabei hätte ich mich mit Ihnen noch gerne über schwächliche Sklaven unterhalten.“

Sucholin musterte seinen ehemaligen Sklaven eindringlich. „Ich gebe zu, Sie haben mich wirklich getäuscht – aber Sie sind der Einzige, dem das gelungen ist.“

„Einer von zweien“, verbesserte Odalin und deutete auf Michael.

Der Majordomus atmete tief ein. „Ja – einer von zweien.“

„Wir hatten Hilfe“, gab Odalin zu. „Und – ich kenne jetzt auch die andere Seite. Das heißt nicht, daß ich Sie jetzt heiß und innig liebe, aber ich verstehe heute, wieso Sie so handeln, wie Sie es tun.“ Odalin streckte ihm die Hand entgegen. „Frieden?“

Sucholin atmete auf und schlug ein. „Ja, Frieden!“

Odalin lächelte freundlich und verzichtete auf die kleinliche Rache, ihm beiläufig die Hand zu brechen.

Kapitän Urgar fragte: „Ob wir morgen noch einen Termin im Tempel bekommen könnten? Jetzt, wo ich Pegja wiederhabe, will ich keinen Tag versäumen. Außerdem sollten wir verheiratet sein, wenn wir miteinander auf große Fahrt gehen.“

„Eine Trauung kriegen Sie“, versicherte Odalin. „Wir müssen nur jemanden finden, der Ihnen die Urkunden ausstellt. Einen Novizen werden wir bestimmt auftreiben, das genügt. Die Ringe werde ich Ihnen basteln.“

Michael kümmerte sich um Herrn Sucholin und brachte ihn zurück nach Ventria. Nach wenigen Minuten kehrte er mit Pegja zurück. Die freigekaufte Küchenhilfe trug ein abgewetztes Kleid, von dem man sorgfältig die Sklavenzeichen abgeschnitten hatte. Ihre sonstigen Habseligkeiten beschränkten sich auf ein Bündel und eine Mappe mit ihren Papieren.

Odalin hatte die Zeit genutzt: „Herr Tremal – oder besser, Herr Urgar junior, Sie dürfen die freudige Nachricht dem Herzog überbringen. Das Liebespaar zieht sich in die Wohnung von Urgar senior zurück. Wir kümmern uns morgen um ein Kleid und um einen Priester, der die Urkunde ausstellt. Die Trauung dürfen wir zur Not selbst vornehmen, wir stehen schließlich im Rang von Patriarchen im Tempel. Am Poseidor bringen wir Pegja in aller Frühe nach Tedoris, um dort ein wenig einzukaufen. So sind wir rechtzeitig zum Auslaufen zurück.“

Der Kapitän fragte: „Darf mein Sohn mit an Bord? Für die Jungfernfahrt?“

Michael lachte auf. „Wir haben nichts dagegen, aber das ist nicht unsere Entscheidung. Das müssen Sie mit dem Kapitän der AKONGA klären.“

„Warum tun Sie das alles für uns?“, fragte Tremal.

Odalin antwortete ernst: „Schauen Sie sich hier um! Das ist das, was wir aus Ihren 130 Talern gemacht haben. Wir zahlen also nur zurück – mit ein paar Zinsen.“

* . . . * . . . *

Am Abend wurden Odalin und Michael von einem Besucher gestört. Solange es nichts gab, was einen Größenvergleich lieferte, hielt ihn jeder Betrachter für einen ganz normalen Mann. Erst mit einem solchen Vergleich bemerkte jeder die herkulischen Maße. Mit 115 Zoll Körpergröße mußte sich Lord Tanis beugen, um durch die Eingangstür der Sorischen Allee 8 zu gehen.

„Lord Tanis?“, wunderte sich Odalin. „Was verschafft uns die Ehre?“

„Heute ist der Jahrestag des Erdbebens“, stellte der Fürstschatzkanzler fest. „Da wollte ich fragen, was Sie getan haben.“

Odalin führte den Besucher in ihr Wartezimmer und beauftragte Michael, den Gasttrunk zu holen. Damit hatte er genügend Zeit, um sich die Antwort zu überlegen.

Michael servierte Vayal. „Haben Sie unsere Erbeben-Warnung vor vier Monaten mitbekommen?“

„Ja, doch das Erdbeben war kaum zu spüren“, erinnerte sich Tanis.

„Wir haben versucht, mittels einer Tiefensprengung das Konvektionssystem im Erdinneren zu stören. Hätten wir Erfolg gehabt, hätten wir das in größerem Maßstab wiederholt. Das hätte den Supervulkan umgeleitet, für die nächsten Jahrtausende wäre die Welt sicher gewesen. Wir haben leider keinen Erfolg erzielt, die Störung hat sich binnen Minuten aufgelöst.“

„Vielleicht war Ihre Ladung zu klein?“, überlegte Tanis. „Wie viel haben Sie denn genommen?“

„Fünfzig Kilotonnen“, erwiderte Michael.

„Sie... Sie haben eine ATOMBOMBE benutzt?“, fragte Tanis höchst erstaunt.

„Mit fünf Zentnern Dynamit hätten wir es gar nicht zu versuchen brauchen“, erklärte Michael. „Wir reden schließlich über unglaubliche Energien.“

„Was machen Sie jetzt?“

„Wir arbeiten an unserem Rechenmodell“, übernahm Odalin. „Womöglich haben wir die Ladung falsch eingesetzt. Sinnloses Rumballern nutzt uns nichts.“

Michael fügte hinzu: „Sie wissen, daß ich einige Zeit auf einer anderen Welt gelebt habe. Die Leute hatten dort elektronische Rechenmaschinen, die Computer genannt wurden. Drei Jahre reichen aber nicht einmal uns, um solche Geräte zu bauen. Wir müssen alles von Hand rechnen, das kostet Zeit.“

„Wir haben leider auch keine Computer“, meinte Tanis.

„Dann müssen wir umständlich vorgehen“, folgerte Odalin. „Wir haben ein wenig Material aus dem Vulkan entnommen, um Druck abzubauen. Poseidonis ist jetzt ein bißchen sicherer... Wenn Sie die Basaltkegel sehen wollen? Wir bringen sie übermorgen nach Anderania, als Wellenbrecher. Eine Fahrt mit Ballast, die sich normal nicht lohnen würde.“

„Ich kann mir ausreichend gut vorstellen, wie Basaltkegel aussehen“, versicherte Tanis. „Ich möchte wissen, was Sie sonst noch getan haben.“

„Wir haben eine Werft aufgebaut“, antwortete Odalin. „Nicht irgendwo auf der Welt, sondern hier in Poseidonis, im gefährlichsten aller Orte.“

„Ich frage mich, ob Sie nicht alles inszeniert haben“, gab Tanis zu. „Oh, das eine Erdbeben war echt, aber Sie haben diesen Glücksfall ausgenutzt. Sie haben billig eine Werft gekauft und eine Reederei, sogar mit meiner Hilfe. Sie haben einen Waffenstillstand mit uns, der es Ihnen erlaubt, gegen das Gesetz von Taukor zu verstoßen... Besser hätten Sie es nicht treffen können, mit Prinzessin Adrea an der Spitze von Poseidonis.“

„Dann hätten wir noch viel mehr aufgekauft“, gab Michael zu bedenken. „Poseidonis ist derzeit ein unglaublich einträglicher Markt, vorausgesetzt, wir schaffen es, die Stadt überleben zu lassen.“

„Ich weiß, daß Agerias sehr viel kauft“, verriet Tanis. „Und ich weiß, daß er NICHT der Letzte der Talestra ist!“

Odalin und Michael wußten, daß Tanis ein starker Kampftelepath war, der die Regierung im Auftrag der Admiralität der Freifahrer kontrollierte. Er hatte also Agerias das Geheimnis entrissen, daß er in Odalin einen Enkel und einen Erben hatte. Nur hatte dieser Enkel nicht gewußt, daß Agerias Objekte in Poseidonis kaufte.

„Oh“, staunte Odalin. „Mich wundert, daß Sie das zugeben. Auf die gleiche Weise sollten Sie wissen, daß mein Großvater das nicht mit mir abgesprochen hat.“

„Er vertraut Ihnen, daß sich seine Investitionen auszahlen“, erwiderte Tanis. „Für einen künftigen Imperator aus dem Hause Talestra wäre Hausmacht in Poseidonis eine sehr gute Basis.“

„Sie haben recht“, gab Michael zu. „Sie haben nur unser Wort, daß da unter unseren Füßen ein Feuerschlund nach unserer Stadt und der ganzen Welt greift.“

„Zum Glück gibt es ein paar andere Quellen“, erwiderte Tanis. „Wir haben uns rückversichert. Ich will nur eines wissen: Arbeiten Sie wirklich mit aller Kraft an diesem einen Problem? Ihre Dampfmaschinen tragen da wohl nicht zur Lösung bei.“

„Die Dampfmaschinen sind ein Abfallprodukt“, behauptete Odalin. „Der Sprengstoff, den wir entwickelt haben, brennt in ihnen langsam und gefahrlos ab. Dieses Abfallprodukt nutzen wir, weil es unsere weitere Arbeit erleichtert.“

„Wie sollen Schiffe Ihre Arbeit erleichtern?“

„Wenn Poseidonis gerettet ist, braucht die Welt immer noch Schiffe“, sagte Michael. „Wenn wir jedoch an einem bestimmten Punkt im Meer eine Tiefenmessung vornehmen müssen, können wir keinen Segler benutzen. Nur ein Motorschiff hält die Position sicher genug.“

„Gut.“ Tanis stand auf. „Ich habe außerdem erfahren, daß Sie die Kraftwerke von Poseidonis auf einen neuen Brennstoff umgerüstet haben. Das verstößt gegen unsere Abmachung!“

Odalin hob bedauernd die Hände. „Wir haben nicht die Schiffskapazität, um Kohle aus Kenosia zu holen. Wir mußten uns etwas einfallen lassen.“

Michael ergänzte: „Das ist keine neue Technologie, wir benutzen gewöhnliche Dampfkraftwerke, bei denen nur die Kessel ein wenig umgerüstet werden. Wir erhöhen nicht einmal die Leistung.“

„Unter diesen Bedingungen bin ich einverstanden“, erwiderte Tanis. „Solange der Einsatz auf Poseidonis beschränkt bleibt. Außerdem werde ich wiederkommen – und diesmal kein volles Jahr warten.“

„Wir hoffen, daß wir dann bessere Nachrichten für Sie haben werden“, verabschiedete ihn Odalin.

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